"Der Wettbewerb ist der beste Preisüberwacher"

Rudolf Strahm - Runter mit den Preisen: Früher bedeutete ein hoher Preis gute Qualität, ein tiefer Preis hingegen Ramsch. Das ist vorbei. Trotzdem bezahlen Schweizer 20 Milliarden Franken zu viel für Imporprodukte. Wir sollten Parallelimporte zulassen, fordert Monsieur Prix, Rudolf Strahm im aktuellen "persönlich rot". Erst wenn Detailhändler wie Konsumenten auch direkt im Ausland bestellen könnten und dadurch das Oligopol der Alleinvertreiber falle, entstehe wirklich Wettbewerb. "persoenlich.com" bringt einen Ausschnitt aus dem Interview:

Denner-Chef Philippe Gaydoul kündigte an, dass die Preise um bis zu dreissig Prozent gesenkt werden müssten. Migros hat die Billiglinie M-Budget lanciert, Coop die Prix-Garantie-Linie. Was halten Sie davon?

Wir begrüssen das. Es ist volkswirtschaftlich von Vorteil, wenn mehr Wettbewerb entsteht. Wir stellen fest, dass das Preisbewusstsein der Konsumenten gestiegen ist, vor allem in der jüngeren Generation. In meiner Generation ging man noch davon aus, dass ein hoher Preis gute Qualität bedeute, ein tiefer Preis hingegen Ramsch. Das stimmt heute nicht mehr. Wir haben heute also ein grösseres Preisbewusstsein. Aber wir haben auch eine Preisdifferenzierung. Es gibt auch viele Leute, die für besondere Artikel mehr bezahlen wollen. Insgesamt sind wir aber immer noch ein Hochpreis-Land. Für Importprodukte zahlen wir durchschnittlich zwanzig Prozent mehr als für die gleiche Produktepalette in Deutschland.

Irgendwo habe ich gelesen, dass wir zwanzig Milliarden Franken pro Jahr zu viel bezahlen.

Das ist richtig. Im letzten Jahr haben wir für 130 Milliarden Franken importiert. Für Erdöl haben wir Weltmarktpreise, und bei Nahrungsmitteln gibt es Sonderregelungen. 20 Prozent der verbleibenden 115 Milliarden ergeben ungefähr die genannten zwanzig Milliarden.

Könnte man sagen, dass der Schweizer Konsument um zwanzig Milliarden hintergangen wird?

Es sind eher die Strukturen, die dazu führen, dass wir zu viel bezahlen. Bei uns werden Parallelimporte weit gehend verhindert, Detailhändler oder Konsumenten können also nicht direkt im Ausland bestellen, sondern nur über einen Alleinvertreiber. Das führt oft dazu, dass die ausländischen Konzerne die Schweiz teurer beliefern als andere Länder, weil unsere höhere Kaufkraft mehr hergibt. Dabei spielen auch das Patentrecht und spezielle schweizerische Normen eine Rolle, die Parallelimporte verhindern.

Die Markenartikel-Konzerne verkaufen also den gleichen Artikel an verschiedene Länder zu unterschiedlichen Preisen, je nach Kaufkraftklasse. Finden Sie das gut?

Gut ist es sicher für den Markenartikelhersteller, für die Pharmaindustrie und für die ausländischen Konzerne. Für die Schweiz ist es ein Schaden. Wir bezahlen einfach mehr für die gleichen Produkte. Und die Wertschöpfung aus dem Mehrpreis fällt nicht in der Schweiz an, sondern im Ausland. Das ist ein hoher Preis dafür, dass wir nicht im EWR sind. Man könnte dennoch etwas daran ändern, wenn man Parallelimporte zulassen würde. Es sollte also keine Sondernormen, keine Sonderzulassungen mehr geben. Bei den Medikamenten zum Beispiel wiederholen wir in der Schweiz die gleichen Prüfungen, welche die EU schon gemacht hat. Daraus ergibt sich eine Marktabschottung, weil der ausländische Lieferant auch die unnötigen Schweizer Sondervorschriften für Medikamente einhalten muss. Wir müssen in der Schweiz die EU-weite Patenterschöpfung erreichen, damit man patentierte Produkte über die Grenzen verschieben kann. Heute kann ein patentiertes Produkt in der Schweiz nur von einem Alleinvertreiber importiert werden, der die Patentrechte wahrnimmt und den hiesigen Markt beherrscht. Dadurch werden Parallelimporte verhindert.

Die Detailhändler argumentieren, das hohe Lohnniveau sei verantwortlich für die hohen Preise in der Schweiz. Stimmt das?

Natürlich führen hohe Löhne auch zu hohen Preisen. Aber bei den 130 Milliarden Franken Import fällt der grösste Teil der Löhne und der Wertschöpfung im Ausland an und nicht in der Schweiz. Die höheren Vertriebskosten in der Schweiz (zum Beispiel Ladenkosten, Personalkosten) rechtfertigen im Detailhandel vielleicht einen Mehrpreis von fünf bis zehn Prozent, nicht aber von zwanzig, dreissig oder fünfzig Prozent!

Welche Massnahmen sollten denn die Grossverteiler Migros und Coop treffen? Welche Strukturveränderungen sind da nötig?

Ich werde mich hüten, denen ins Management dreinzureden. Aber sicher müssen sie die Logistik der Verteilstrukuren nochmals vereinfachen. Ausserdem werden sie ihre Nachfragemacht brutal ausnützen müssen, auch in der Landwirtschaft. Und drittens müssen sie eine geschickte Sortimentspolitik treiben. Billig-billig-billig kann ja nicht alles sein. Die müssen einerseits billig sein, andererseits hochwertige Produkte anbieten oder gute Dienstleistungen. So macht das etwa Migros Electronics. Deren Produkte sind nicht generell billiger, aber sie bieten generell eine zweijährige Reparaturgarantie und eine mehrjährige Ersatzteilgarantie.

Dies spricht vielleicht auch für die Strategie von Aldi: wenig Produkte -- vielleicht tausend --, diese aber so billig und so gut wie möglich.

Alle reden jetzt von Aldi und Lidl. Aber auch Aldi kann vorderhand Landwirtschaftsprodukte, die in der Schweiz verkauft werden, nicht einfach importieren. Das ist vielleicht nach 2010 oder später möglich. Vorläufig kann Aldi Schweizer Landwirtschaftsprodukte und Frischprodukte also nicht wesentlich billiger abgeben, Milch vielleicht zehn Rappen billiger. Wir sind um jeden Preisdruck froh. Der Wettbewerb ist der beste Preisüberwacher. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass die Nahrungsmittel nur noch rund elf Prozent des Haushaltsbudgets ausmachen. Die Miet- und Mietnebenkosten betragen 25 Prozent des Haushaltsbudgets, die Gesundheitskosten 15 Prozent. Darauf haben Aldi und Lidl keinen Einfluss. Sie beeinflussen nur den Detailhandel, und auch dort nur ein bestimmtes Segment.