Für viele Grosskonzerne hat Greenpeace nichts von ihrem Schrecken verloren. Die Umweltorganisation hat sich längst zu einem globalen Netzwerk entwickelt, welches mit radikaler Konsequenz gegen fehlbare Unternehmen vorgeht. Doch wie organisiert Greenpeace ihre Kampagnen? "persönlich blau" hat sich mit Kaspar Schuler, Geschäftsleiter von Greenpeace Schweiz über die Strategien und deren Wirksamkeit unterhalten. Ein Interview-Ausschnitt:
Herr Schuler, grüne Ideen sind momentan -- nicht zuletzt wegen der Treibhausdiskussion -- im Aufwind. Hat sich die Sensibilität für dieses Thema auch bei den grossen Konzernen verändert?
Ja, wir erleben momentan eine beinah turbulente Zeit, wobei noch vor einem Jahr niemand prophezeit hätte, dass der Umweltschutz zu diesem dominanten Thema wird. Ende 2006 interessierten sich nur wenig Parlamentarier für unsere Anliegen, auch bei den grossen Konzernen stiessen wir auf taube Ohren. Dank der dieses Jahr veröffentlichten 4. Berichte des UNO-Klimarates IPPCC, welche wissenschaftlich noch besser abgesichert die Klimaerwärmung und die drohenden Folgen beschreiben, trat ein Stimmungswandel ein, zumindest in den Industrieländern. Hier bei uns hat sich die CVP im vergangenen Jahr erkundigt, welche Umweltthemen im Wahljahr aktuell sein werden. 2003 hatte sich die gleiche CVP -- wie auch die anderen bürgerlichen Parteien noch keinen Deut um den eigenen Tatbeweis im Umweltschutz gekümmert, was wir ihnen in einer Inserate-Aktion vorgeworfen hatten. Heute sind alle Parteien -- mit Ausnahme der SVP -- für Umweltschutzanliegen wieder sensibilisiert. Die gleiche Bereitschaft spüren wir auch bei der Wirtschaft, endlich.
Freude herrscht
nicht nur. Wir müssen darauf achten, dass nicht billiges Greenwashing betrieben wird. Jeder zweite Konzern überlegt sich momentan, ob er zusätzlich ein grünes Produkt herstellen soll, anstatt den ganzen Produktionsablauf hinsichtlich Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zu überprüfen. Ob es zu substanziellen Taten kommt -- hier im Inland! -- ist offen. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, dies kritisch zu begleiten. Die Economiesuisse und Bundesrätin Leuthard werben mit unternehmerischen Schweizer Massnahmen, doch legen sie den politischen Schwerpunkt auf Kompensationsmassnahmen im Ausland; und die CVP hat ihr Wahlversprechen vom Frühling, sich einzusetzen für 30 Prozent CO2-Reduktion bis 2020, bereits auf 20 Prozent reduziert.
Wie planen Sie Kampagnen?
Da muss ich gestehen, dass die Kampagnen üblicherweise nicht von langer Hand geplant, sondern weit zufälliger entstehen, als allgemein angenommen wird. Erst jetzt entwickeln wir Instrumente, welche uns frühzeitig auf kommende Umweltprobleme aufmerksam machen. Bis anhin geschah die Problemerkennung "on the job". So ging man beispielsweise lange Zeit davon aus, dass der brasilianische Urwald primär von innen heraus durch rodende Holzfirmen und nachfolgende Landnutzung zerstört wird. Vor wenigen Jahren erkannten wir aber dank Satellitenbildern, dass die Zerstörung des Amazonas genau so von Süden her erfolgt. Es handelt sich dabei um amerikanische und brasilianische Agrokonzerne, welche mittels Brandrodungen für den Sojaanbau ihre Landwirtschaftsfläche aggressiv und oft illegal vergrössern. So wurde aus der Regenwaldkampagne plötzlich eine interdisziplinäre, mit Verknüpfung zur Landwirtschaft und Gentechnik. Denn Brasilien profitiert von der steigenden Nachfrage nach gentechnikfreier Soja und diese Konstellation bedroht den Urwald immer stärker.
Entstehen die Kampagnen in der Schweiz nach dem gleichen Muster?
Ich bin erst seit sechs Jahren Geschäftsführer von Greenpeace Schweiz, doch stolz, dass unser Büro noch vor meiner Zeit die weltweite Gentechkampagne sozusagen erfunden hat. Ende der Achtzigerjahre erkannten unsere Mitarbeiter, dass Gentechnik in der Zukunft ein Problem wird, dies im Gegensatz zu unseren ausländischen Partnerbüros, die zu damaligen Zeit für dieses Anliegen kein Gehör hatten. Da wir kein internationaler Konzern sind und keinen obersten Chef haben, der eine Kampagne verordnen kann, geschieht bei Greenpeace alles durch Überzeugungsarbeit. Wir hatten Glück: 1998 kam uns die Genschutzinitiative zur Hilfe, bei welcher sich die Schweizer Bevölkerung erstmals mit diesem heiklen und nicht einfach zu erklärenden Thema auseinandersetzen musste. Aufgrund des intensiven Abstimmungskampfes war Greenpeace an der Entwicklung jener Kommunikationsform beteiligt, welche dieses hochkomplexe Thema auf einfache Weise erklärte. Dies stiess im Ausland auf grosse Beachtung, wurde kopiert und adaptiert. In der Folge wurde die Gentechproblematik zu einem der wichtigsten Anliegen von Greenpeace, und die direkte Demokratie hat eine weltweite Debatte ermöglicht.
Was ist die Aufgabe eines Campaigners?
Campaigner ist kein BIGA-anerkannter Beruf. Es gibt für ihn in der Schweiz bis auf eine Fachhochschule keine Ausbildung. Campaigning ist eine Mischung aus Journalismus und naturwissenschaftlicher Arbeit, heutzutage verbunden mit sehr viel PR-Kenntnissen. Ein Campaigner arbeitet zielorientiert, indem er komplexe Themen auf eine einfache Verständlichkeit herunterbricht. Zudem muss er sich laufend auf den konfrontativen und dynamischen Diskurs mit den Entscheidungsträgern einstellen.
Wann entscheiden Sie sich für eine Kampagne: Gibt die öffentliche Publizität oder das Problem den Ausschlag?
Ausschlaggebend ist das Problem. Bei einer Aktion gegen die Deponie im jurassischen Bonfol -- im äussersten Zipfel der Schweiz -- einem Ort also, an dem es -- vermeintlich -- niemanden störte, hat die Basler Chemie jahrelang ihre Abfälle in normalen Fässern in Gruben deponiert und diese zugeschüttet. Sobald eine solche Chemiemülldeponie zu lecken beginnt, gibt es eine Riesenschweinerei, da Giftstoffe sich vermengen, neue bilden und unbeachtet ins Grund- und Trinkwasser eindringen. Für Greenpeace stellt sich als Zweites deshalb oft die Frage, wie man ein solches Problem visualisiert. Bei einer Chemiemülldeponie kann dies sehr schwierig sein, da gar nichts sichtbar ist. Weiter müssen wir uns überlegen, was es braucht, damit der Entscheidungsträger -- also in diesem Fall Herr Vasella -- die Problematik überhaupt wahr und ernst nimmt. Die Konfrontation muss letztlich sympathisch verlaufen. Ist der Affront zu gross, verweigert der Entscheidungsträger den Dialog, und die ganzen Bemühungen verlaufen ergebnislos.
Diese Dialogbereitschaft steht in krassem Widerspruch zu ihrem Image als kontroverse Organisation
Mag sein. Viele Leute setzen Greenpeace ausschliesslich mit Konfrontation in Verbindung. Diese funktioniert aber nur, wenn sie in einen Dialog unter den beteiligten Parteien mündet. Die Bevölkerung nimmt nur die Highlights, also die zeitlich begrenzten Aktionen, zu Kenntnis. Die Recherchen und Gespräche im Hintergrund, die sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen, bleiben verborgen und sind auch sehr schwierig zu kommunizieren, weil es sich um trockene Arbeit im stillen Kämmerchen und langfädige Diskussionen in Konferenzzimmern handelt.
(Interview: Matthias Ackeret)