"Die einzelnen Medien unterscheiden sich weniger, als angenommen"

- Die Vermarkterin Goldbach Media rüstet sich für die Zukunft: Sie denkt nicht mehr an einzelne Medien, sondern will als Kommunikationslogistikerin ihren Werbekunden kanalunabhängige Angebote unterbreiten. "persoenlich.com" sprach mit AdLink-Chef Martin Radelfinger (Bild), seit Anfang November auf Gruppenebene auch für die Bereiche "Business Development" und "M&A" zuständig, sowie Goldbach-CEO Klaus Kappeler über die neuen Mechanismen der Vermarktung. Das Interview:

Herr Radelfinger, macht es in Zukunft überhaupt noch Sinn, die Medien getrennt voneinander zu vermarkten?

Grundsätzlich glaube ich, dass sich die einzelnen Medien weit weniger unterscheiden, als gemeinhin angenommen. Es überwiegen die Gemeinsamkeiten. In meiner Funktion als Leiter des "Business Developments" führe ich ein Team, welches das ganze Knowhow aus den sechs Segmenten, in denen wir tätig sind, zusammenführt. Trotzdem wird bei uns künftig jemand von der IP Multimedia für die Vermarktung des Fernsehens zuständig sein. Und es wird weiterhin eine Ansprechperson für die Radiovermarktung bei uns geben.

In welche Richtung wird sich die Goldbach Media diesbezüglich in den kommenden Jahren bewegen?

Radelfinger: Wenn 2008 ein Kunde zu uns kommt und TV-Werbung zeigen möchte, dann wollen wir ihm ein kanalunabhängiges Angebot machen können, das sowohl Werbung in einem Inhalt mit einer Broadcast-, Internet-, oder Mobile-Verbreitung umfasst. Dazu gehört auch, dass wir ihm die kombinierte Reichweite ausweisen können. Zu diesem Zweck haben wir die CrossFactory lanciert. Diese Einheit hat die Aufgabe, einen Vermarktungsauftrag über mehrere Medien hinweg abzuwickeln. Unabhängig davon, ob die Werbung über den Handyscreen, das Adscreen-Netzwerk, den TV-Bildschirm oder den PC laufen soll.

Wo sehen Sie die grössten Probleme bei der Integration der Plattformen?

Radelfinger: Letztlich ist die Konvergenz der Medien ein sehr komplexer Prozess. Wir stellen eine Fragmentierung des Medienkonsums fest -- immer mehr Medien stehen zur Verfügung. Viele dieser Medien verfügen über einen Rückkanal. Es reicht künftig nicht mehr, eine Botschaft auszusenden, ohne dass man die Informationen, die zurückfliessen, in Betracht zieht. Die Steuerung der Werbung wird also enorm komplex. Die Integration der verschiedenen Plattformen sollte letztlich dazu führen, dass wir die Interaktivität für eine kontinuierliche und intelligente Optimierung der Werbewirkung und Werbeeffizienz nutzen können.

Welche Stellung nimmt das Online-Geschäft innerhalb der Goldbach Media ein?

Kappeler: Das Wachstum des Internetgeschäfts entwickelt sich im Vergleich zu den klassischen Medien überproportional. Insgesamt macht es bei uns bereits 15 Prozent des Konzernumsatzes aus -- und dies in einem wachsenden elektronischen Medienmarkt. Weiter wachsen die Medien aufgrund der Digitalisierung, der Interaktivität und der Mobilität immer mehr zusammen. Für uns stellt sich die Frage: "Welche Funktion wird das Internet dereinst wahrnehmen?" Wird es zur Drehscheibe aller elektronischen Medien? Wird es eine reine Logistikfunktion erfüllen? Wir gehen davon aus, dass das Internet auch in strategischer Hinsicht eine prioritäre Bedeutung besitzt. Dies äussert sich nun bei uns darin, dass Martin Radelfinger, der die AdLink aufgebaut hat, jetzt auch die Leitung des "Business Developments" übernimmt.

Wie sieht denn in Zukunft die Funktion des Internets aus?

Radelfinger: Man hat das Internet stets als Medium bezeichnet. Dies wegen seiner Limitationen vor zehn Jahren: Es gab einzig einen HTML-Browser, der zwanzig Code- und Schriftarten anzeigen konnte. Heute hören wir Radio über das Internet, sehen online fern. Ist das Internet nun ein Medium? Oder nicht vielmehr ein Transportmechanismus für die anderen Medien? Diese Frage kann man sehr provokativ stellen. Wird das Internet vollumfänglich multimedial, ist das Internetprotokoll nichts anderes als ein Verbreitungsmechanismus, oder anders gesagt, die Logistik, die dahinter steckt. Die grosse Herausforderung ist es, den Schritt zu machen vom Verständnis des Internets als Medium hin zum Internet als Vertriebskanal, der die einzelnen Medien und damit die Werbung vernetzt.

Sie verstehen also nicht das TV-Geschäft, in welchem Sie den grössten Teil ihrer Einkünfte erzielen, als Herzstück Ihres Unternehmens?

Radelfinger: Wir stellen fest, dass die Medien je länger je konvergenter werden. Es gilt, auf Gruppenebene eine Antwort auf diese Entwicklung zu finden. Die Online-Medien haben eine herausragende Bedeutung, da sie sehr eng mit dieser Konvergenzbewegung verflechtet sind. Das Know-how und die Erfahrung wie Werbung in digitalen und interaktiven Medien intelligent gesteuert wird kommt primär aus dem Bereich der Online Werbung. Wenn nun noch mehr elektronische Medien digital und interaktiv werden, ist es nahe liegend, dass diese Steuerungsfragen medien- und firmenübergreifend auch auf Gruppenebene beantwortet werden müssen.

Weshalb eigentlich braucht die Goldbach Media die Einheit "Mergers & Acquisitions"?

Radelfinger: Wir evaluieren ständig neue Geschäftsfelder. Stichwort "In-Game-Advertising", ein Bereich, der sich praktisch als neues Medium heran entwickelt. Zugleich besteht ein grosses Interesse an allen werberelevanten elektronischen neuen Medien. So zum Beispiel Video on Demand, TV over IP, alle mobilen Werbeplattformen oder Podcasting Dabei kommen uns die Erfahrungen der AdLink und der IP Multimedia gleichermassen zu Nutze. Stellen wir uns beispielsweise vor, Beiträge des National Geographic werden als Video-on-Demand über eine Website gestreamt -- dies ist doch nichts anderes als ein globales Inhaltsangebot mit einem natioanlen TV-Werbefenster. Nur mit dem Unterschied, dass das eine über einen Transponder, das andere übers Internet läuft.

Welche Zukäufe werden konkret ins Auge gefasst?

Kappeler: Die Goldbach Media Gruppe hat die klare Strategie, ein Kompetenzzentrum in der Vermarktung elektronischer Medien zu sein. Das Unternehmen versucht deshalb stets, neue Angebote, die auf den Markt drängen, zu kommerzialisieren und diese frühzeitig den Werbetreibenden und Agenturen nahezubringen.

Welche Expansionsmöglichkeiten sehen Sie im Ausland?

Kappeler: Wir sind seit vier Jahren in Österreich tätig, schreiben dort mittlerweile schwarze Zahlen und verfolgen das Ziel zu wachsen. Im Unterschied zum Schweizer Markt jedoch bewegen wir uns dort in einem Markt, den sich bestehende Player bereits aufteilen. Im Gegensatz dazu haben wir hierzulande den Markt selbst aufgebaut. Zugleich prüfen wir die Option, im Osten Fuss zu fassen -- sei dies im Alleingang oder zusammen mit Partnern. Auch andere Märkte stehen uns offen. Wir verfügen über ein kleines Standbein in Deutschland. Auch hier erwägen wir, uns weiterzuentwickeln.

Ist die Goldbach Media selber auch ein Übernahmekandidat?

Kappeler: Es bestehen drei Möglichkeiten, wie es künftig mit dem Unternehmen weitergeht. Erstens: Wir entwickeln uns aus eigener Kraft weiter. An der letzten GV der Gruppe wurden 50 Prozent bedingtes Kapital geschaffen, was bedeutet, dass wir zur Finanzierung möglicher Investitionen grosse finanzielle Mittel einsetzen können. Zweitens: Es gibt ein IPO, das heisst wir bringen Goldbach mit externen Mitteln weiter. Und drittens: Die Goldbach Gruppe wird verkauft. Gegenwärtig jedoch gefällt uns die Selbstständigkeit sehr gut. Wir glauben, dass wir uns alleine sehr gut entwickeln können. Mittelfristig bleiben aber alle drei Optionen offen.

Wurden dem Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit konkrete Offerten vorgelegt?

Kappeler: Selbstverständlich melden verschiedene Unternehmen immer wieder ihr Interesse an. Der stete Austausch ist üblich. Allerdings geht es nicht immer gleich um eine Übernahme. Ob es jemals zu einem Verkauf kommt, das wissen wir heute nicht.