Fredmund Malik, wie schätzen Sie die momentane wirtschaftliche Situation ein?
Die Situation ist sehr trügerisch. Da der Mensch schnell vergisst, ist er bereits wieder euphorisiert und glaubt, er befände sich in einer Hochkonjunktur. Gerade in Deutschland ist dies der Fall, dabei ist deren Bruttosozialprodukt noch immer niedriger als vor der Krise.
Um es in einem Bild zu zeigen: Diese Beschwingtheit erinnert mich an den Zustand eines Betrunkenen, Hirn und Körper funktionieren zwar noch, sind aber nur noch schwerfällig und unpräzis zu steuern. Der Alkohol im Bild sind die Schulden, die wir weltweit schon vorher und jetzt ganz besonders aufgenommen haben, um unsere missliche Lage zu überdecken.
Für die Regierungen stellt sich die Frage: Sollen wir dem Alkoholiker noch mehr Schnaps geben, also noch mehr Schulden machen, oder mit einer konsequenten Entwöhnung beginnen und die Probleme wirklich lösen? Leider tippen die meisten auf das Erste.
Sehen Sie die jetzige Situation nicht zu pessimistisch?
Nein. Ich habe die beiden letzten Krisen, die Dotcom-Blase und die Finanzkrise, bereits vorausgesagt, als noch kaum jemand davon sprach, unter anderem auch deshalb, weil ich die Geschichte recht gründlich kenne. Die Weltwirtschaftskrisen der letzten 200 Jahre und sogar noch weiter zurück, sind weitgehend nach dem gleichen Muster verlaufen: Nach den ersten Einbrüchen folgt ein oft sogar starker Aufschwung, bevor es dann richtig kracht. Die ganze Finanzverrottung, das heisst der Aufbau von Schulden, sollte schon Alarmzeichen genug sein.
Um einen Dollar Bruttosozialprodukt zu erzeugen, benötigte man in den USA in den 2000er-Jahren bereits sechs bis acht Dollar Kredit. Das ist eine äusserst schlechte Effizienz und für ein System langfristig tödlich, wie progressiver Alkolholismus. Sollte sich die Geschichte dem Grundmuster nach wiederholen, befinden wir uns zwar momentan in der Euphoriephase, doch schon bald wird es auf den Aktienmärkten zu einem erneuten Absturz kommen, der weit dramatischer sein wird als alles Bisherige.
Dramatischer als die Finanzkrise vor zwei Jahren?
Viel dramatischer.
Wann tritt diese Krise ein?
Die Börse kann sehr schnell umdrehen.
Wird die kommende Krise durch den Euro ausgelöst?
Nein, der Euro macht mir vorerst keine Sorgen. Wenn die europäischen Regierungen keine schwerwiegenden politischen Fehler machen, wird der Euro als Währung weiterexistieren. Er ist zwar gegenüber dem Dollar gesunken, die Kaufkraft im Binnenmarkt ist aber gleich wie bisher und sie wird noch stärker werden.
Man vergisst gerne, dass es sich bei den aktuellen Währungsschwierigkeiten um ein Dollar- und nicht um ein Euro-Problem handelt. Ich glaube, der Dollar wird zwar in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren stark ansteigen. Dies wird die wirtschaftliche Situation für die hoch verschuldete USA bis ans Limit verschlechtern, hingegen dem Euro-Raum, wenn man die Chancen nutzt, neue Freiräume geben.
Was hat dies für Auswirkungen auf den Dollar?
Ich glaube, die Welt ist es müde, sich von der amerikanischen Währungspolitik herumkommandieren zu lassen, und wirtschaftlich gibt es keine Basis mehr für den Dollar als einzige Weltleitwährung. Es besteht vielmehr ein grosser Bedarf nach einer zweiten und sogar dritten Weltwährung. Der ganze nicht angelsächsische Raum hat ein grosses wirtschaftliches, noch mehr aber ein politisches Interesse an einem starken Euro als Alternative zum Dollar. Konkurrenz der Währungen ist ein altes, aber bis heute kaum angewandtes Prinzip. Es gibt bereits heute Rohstoffländer, die ihre Öllieferungen in Gold bezahlen lassen wollen.
Ich glaube, dies ist auch der wahre Grund für den Irak-Krieg vor acht Jahren. Saddam Hussein hatte die Absicht, die Öllieferungen teilweise in Euro bezahlen zu lassen, was für die USA erhebliche Schwierigkeiten bedeutet hätte, stammt doch ein Viertel des amerikanischen Aussenhandelsdefizits aus Energieimporten. Diese Summe in einer Fremdwährung zu begleichen, wäre für die USA praktisch unmöglich. Die Berater des damaligen Präsidenten Bush haben klar erkannt, dass dies den Lebensnerv ihres Landes treffen würde.
Die gleiche Frage hatte sich damals auch die russische Regierung gestellt. Warum brachte Präsident Putin den Ölmilliardär Chodorkowski ins Gefängnis? Kaum wegen Steuerproblemen, dafür gab es wichtigere Gründe: Chodorkowski wollte mit dem Yukon-Konzern an die New Yorker Börse gehen. In der Folge wäre Russland noch abhängiger vom Dollar geworden.
Das ganze Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von "persönlich".
Interview: Matthias Ackeret