Herr Leonardi, vor einem Jahr fusionierten Atel und EOS zu Alpiq, dem grössten Energiekonzern der Schweiz. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es läuft gut. Persönlich bin ich sehr zufrieden.
In der Vergangenheit haben Sie die Schweizer Energiepolitik immer wieder kritisiert. Gleichzeitig sind Sie beruflich auf die Politiker angewiesen. Geht das wirklich gut?
Die Energiebranche hängt von der Politik des Landes, also vom Gesetzgeber, ab. Wichtig ist deshalb der Dialog zwischen Unternehmer und Politiker. Beide haben das gleiche Ziel: eine effiziente Energieversorgung der Schweiz. Das gelingt nur, wenn beide am gleichen Strick ziehen. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie eine gute Zusammenarbeit funktionieren sollte: ein bisschen Regulieren ist wichtig, zu viel Kontrolle ist hinderlich.
Welches sind Ihre Hauptforderungen?
Die Schweiz braucht mehr Strom. Die alten Kraftwerke müssen ersetzt werden. Nun gilt es zu entscheiden, mit welchen Technologien wir in Zukunft arbeiten wollen. Mit Kohle, Gas, erneuerbaren Energien oder Wasserund Kernenergie? Ich bevorzuge den Mix aus erneuerbarer Energie, Wasser- und Kernenergie. Diesen Mix hat die Schweiz schon lange, er hat sich bewährt. Ein wichtiges Thema ist zudem die Energieeffizienz. Da geschieht in der Schweiz im Moment zu wenig.
Was bemängeln Sie konkret?
Bei den Gebäuden liegt ein immenses Sparpotenzial brach. Viele unserer Liegenschaften sind schlecht isoliert und verschleudern so vor allem in der kalten Jahreszeit viel Energie. Hier könnte man einiges herausholen.
Mit Atel und EOS stiessen zwei unterschiedliche Firmenmentalitäten aufeinander. Gab es bei der Zusammenführung wirklich keine Probleme?
Ich arbeitete vorher bei der Atel, wo es auch schon verschiedene Mentalitäten gab. Auf eine Zusammenführung mehr oder weniger kam es also nicht mehr an (lacht). Nein, im Ernst, der Zusammenschluss der beiden Unternehmen verläuft erstaunlich gut. Auch wenn es natu¨rlich noch viel zu tun gibt.
Warum kam es überhaupt zu dieser Zusammenführung?
Initiiert wurde sie von Hans E. Schweickardt, dem heutigen Verwaltungsratspräsidenten der Alpiq. Als er realisierte, dass sich die Hauptaktionärin UBS aus dem Geschäft zurückziehen wollte, trieb er als CEO der EOS den Deal voran. Diese Fusion ist absolut sinnvoll, weil die beiden Firmen praktisch keine Überschneidungen hatten. EOS verfügte über viel Spitzenenergie, Atel operierte vor allem mit Bandenergie. Im Stromgeschäft ist das die perfekte Ergänzung, vor allem, was Energieverkauf oder Energiebewirtschaftung anbelangt.
Bei den Grossbanken wird momentan sehr viel über die "too big to fail"-Problematik diskutiert. Ihre Firma ist momentan in 30 europäischen Ländern tätig. Stellt sich die Frage nach der Grösse nicht auch für einen Energiekonzern?
Das ist wie bei der Armee: Besteht die Kompanie aus hundert Leuten, kennt sie der Chef alle persönlich. Sind es jedoch mehr, schafft er das nicht mehr. Egal ob es zweihundert, zweitausend oder noch mehr Leute sind. Genauso ist es bei uns. Wichtig ist, dass die Bereichsleiter ihre Leute kennen und die wiederum einen guten Draht zu ihren Mitarbeitern haben. Die Organisation muss überschaubar sein und tadellos funktionieren. Dann spielt die Anzahl Mitarbeiter keine Rolle.
Wie viele Mitarbeiter führen Sie?
Die Alpiq ist in den Segmenten Energie und Energieservice tätig. In der Energie, in welchem die grösste Wertschöpfung generiert wird, beschäftigen wir rund 3000 Mitarbeiter. Im anderen grossen Bereich, im Energieservice, sind es zirka 8000 Gewerbetreibende und Handwerker, die auf die Schweiz, Deutschland, Italien und auf die Ostländer verteilt sind. Diese Mitarbeitenden arbeiten in vielen kleinen Filialen. Lokal betrachtet ist das Unternehmen überschaubar. Wenn die Kontrollinstrumente sauber sind, sehen wir sofort, was gut läuft und wo es hapert. Das A und O sind klare, einfache Strukturen und wenig Prozesse.
Alpiq ist der internationalste unter den Schweizer Stromanbietern
Wir sind in insgesamt 30 Nationen tätig, von Skandinavien bis Griechenland und von Spanien bis Polen. Nun machen wir erste Geschäfte in der Ukraine. Mehr als die Hälfte unserer Stromproduktion erfolgt in der Schweiz. Die weiteren Produktionsstätten sind Italien, die Tschechische Republik, Ungarn und Deutschland. Ein neues Kraftwerk entsteht soeben in Frankreich und ein kleineres in Skandinavien.
Wo sehen Sie die langfristigen Perspektiven Ihres Konzerns?
Wir konsolidieren uns, damit Alpiq bereit ist für eine grössere Zusammenarbeit oder auch Übernahme innerhalb der Schweiz oder im Ausland.
Haben Sie konkrete Pläne?
Wir schauen uns immer um (lacht) Zuerst wollen wir unsere Position festigen. Wir befinden uns seit der Zusammenführung von Atel und EOS quasi noch im Basislager. Sobald wir fit sind, steigen wir weiter, in Richtung Gipfel.
Und wo liegt dieser Gipfel für Alpiq?
Uns interessiert der europäische Markt. Die Schweiz allein ist für uns zu klein. Wir können hier nicht mehr stark expandieren, es wird in den nächsten Jahren höchstens ein Kernkraftwerk gebaut, die Akquisitionsmöglichkeiten sind bescheiden.
Ist es für Ihre Strategie von Nachteil, dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist?
Ja, im internationalen Geschäft spüren wir die Nachteile deutlich. Vor allem bestehende langfristige Verträge kommen unter Druck, da die EU deren Gültigkeit aberkannt hat. Gleichzeitig können wir keine solchen Verträge mehr neu abschliessen. Das ist für international aufgestellte Unternehmen aus der Schweiz zunehmend mühsamer.
Was heisst das konkret?
Der Zoll fertigt Energielieferungen in die Schweiz nicht prioritär ab bildlich gesprochen. Wenn also an einem kalten Tag die Energiekapazität knapp wird, ist es für uns unmöglich, die benötigte Lieferung schnell aus Frankreich zu importieren. Dieser Nachteil resultiert aus der Liberalisierung in der EU und dem damit verbundenen Gesetz.
Das vollständige Interview lesen Sie in der Mai-Ausgabe von "persönlich".