Derzeit geht ein interessanter Pitch über die Bühne. 71M überprüft ihre Vermarktungsbeziehungen mit Cinecom und IPM. Was ist Ihr gegenwärtiger Wissensstand?
Wir wissen, dass die Verträge um die Vermarktung der 71M-Sender in der Schweiz, Sat1, Kabel1 und Pro7, Ende 2010 auslaufen werden. Aus diesem Grund findet aktuell ein Pitch um die Vermarktung der drei Sender statt. Nach unserem Kenntnisstand ist die erste Präsentationsrunde abgeschlossen. Der weitere Verlauf ist noch offen beziehungsweise uns nicht bekannt.
Handelt es sich hier um einen branchenüblichen Prozess?
Dabei handelt es sich um einen ganz normalen Prozess, bei dem die bestehenden Geschäftsbeziehungen überprüft werden. Betrachtet man die Beziehungen von Werbungtreibenden und Agenturen, dann ist das eine alltägliche Situation und somit für uns nicht neu oder ungewöhnlich.
Wissen Sie, wie hoch das zur Diskussion stehende Spending-Volumen ist?
Wir schätzen das Volumen auf etwa 230 Mio. Franken Brutto-Werbevolumen bei den Sendern der 71M in der Schweiz. Der grösste Teil entfällt dabei auf Pro7 mit schätzungsweise 110 Mio., gleich gefolgt von Sat.1 mit ca. 90 Mio. und Kabel1 als kleinstem Sender mit rund 30 Mio.
In Deutschland beschreibt man die Beziehung zwischen IPM und 71M als "aggressiv". Wie ist das Verhältnis der beiden Vermarkter in der Schweiz?
In der Schweiz besteht im Vergleich mit Deutschland schon eine besondere Situation. Stehen dort die IP (RTL Gruppe) mit der 71 Media Deutschland in starker Konkurrenz zueinander, so ist in der Schweiz die 71M sogar Teilhaberin an der IP Multimedia Schweiz. Die 71M Schweiz selbst ist zur Zeit nicht als selbständiger Vermarkter aktiv. Sie wird vertreten durch die Publicitas Cinecom und die IPM.
Falls der Pitch zu Gunsten vom IPM entschieden würde, hätten Sie Bedenken, was die Entwicklung der TV-Landschaft Schweiz betrifft. Welche?
Momentan haben wir ja die Situation, dass es drei grosse Vermarkter im nationalen Schweizer Werbemarkt gibt. Auf der einen Seite die Publisuisse für die öffentlich-rechtlichen Sender und auf der anderen Seite die IPM und die Publicitas Cinecom für den Privatfernsehbereich. Diese Dreier-Situation hat sich aus Sicht der Mediacom und ihren Kunden bewährt. Sie sichert eine gesunde Konkurrenzsituation, in der die Vermarkter kundenorientierte Lösungen für die Werbungtreibenden und Mediaagenturen liefern müssen. Die Vermarktung aller privaten Werbefenster durch einen Vermarkter wäre die falsche Lösung. Dies würde ein Oligopol im schweizer Werbemarkt öffentlich-rechtliche Vermarktung vs. private Fernsehvermarktung schaffen.
Und das heisst?
Für den Privatmarkt würde es somit zu einer Monopolstellung des einen Vermarkters kommen, wie wir es aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich seit jeher kennen. Das läge nicht im Interesse von Mediacom und ihren Kunden. Wir befürchten dadurch eine für Monopol- bzw. starke Oligopolmärkte typische Entwicklung. Innovationskraft und Kreativität könnten zurückgehen, da es keinen Konkurrenzdruck mehr gebe. Es gibt ohnehin einige kreative Ansätze im schweizer TV-Markt, die es mit mehr Flexibilität noch umzusetzen gilt. Die Mediacom ist im Sinne von Innovation und Kundenorientierung immer daran interessiert das umzusetzen die Vermarkter wissen das. Ein Monopol hingegen nützt immer nur dem Monopolisten.
Welche Konsequenzen befürchten Sie für die Media-Agenturen?
Abgesehen von den schon erwähnten Problemen eines Monopols müsste ein einziger Vermarkter ein enorm grosses Volumen verarbeiten und verwalten. Zudem müsste er die Interessen von zwei grossen Sendergruppen, die ja nach wie vor in Konkurrenz stehen, neutral vertreten. Auch in Bezug auf die Preispolitik besteht die Möglichkeit unangenehmer Konsequenzen. Es ist durchaus denkbar, dass ein alleiniger Vermarkter des Privatfernsehbereiches ohne Konkurrenten die Preise anhebt und sich in Richtung des Preisniveau der Publiuisse bewegt. Damit würde es für die Werbungtreibenden zu einer - sozusagen künstlichen - Verteuerung der Werbezeiten kommen, der keine reale Leistungssteigerung gegenübersteht. Ein Ausweichen währe nicht mehr möglich.
Die momentane Vermarktungssituation ist also ideal für das TV-Geschäft?
Die aktuelle Vermarktungssituation im TV-Werbemarkt Schweiz hat sich bewährt. Aus Sicht der Mediacom ist das eine gute Lösung. Ob es eine ideale Lösung ist, ist eine andere Frage. Wir sollten die 71M entscheiden lassen.
Man hört das Gerücht, dass sogar ein dritter Wettbewerber aus Deutschland um 71M pitcht.
Dieses Gerücht haben wir auch gehört. Wir glauben jedoch nicht, dass es eine Entscheidung für diesen Wettbewerber gibt. Es ist unwahrscheinlich, dass ein neuer Vermarkter ohne Erfahrungen mit dem schweizerischen Werbemarkt den Zuschlag erhält. Dennoch, jede Entscheidung gegen die Cinecom würde ihre wirtschaftliche Existenz und Daseinsberechtigung in Frage stellen. Seit einigen Wochen ist bekannt, dass der Publicitas Cinecom im regionalen TV Bereich die bisherige Vermarktung des TNC verloren ging und ab 2010 direkt über die Belcom abgewickelt wird. Würde sich die 71M entscheiden die Sender Kabel1 und Sat1 ebenfalls abzuziehen, bliebe zunächst nur noch 3+. Es erscheint uns sehr wahrscheinlich, dass dann auch dieser Sender eine andere Vermarktungsstrategie wählen würde.
(Interview: Christian Lüscher)