Im Markt sind sie Rivalen, am "screen-up & congress" Partner: Die beiden grossen Privat-TV-Vermarkter cinecom und IP erörtern am Branchenevent gemeinsam mit Sevenone Media die Trends der elektronischen Medienwelt. "persoenlich.com" bat die Beteiligten schon vorab um ein Interview: SevenOne Media (Schweiz)-Chef Christian Gartmann, cinecom-CEO Matthias Luchsinger und IP-Chef Michi Frank über den Fernsehmarkt der Zukunft und die Vormachtstellung der publisuisse.
IP und cinecom sind das ganze Jahr durch Konkurrenten, für die Screen-up Partner. Wie geht das?
Luchsinger: In Deutschland korrigiert man den Ausdruck "Konkurrent" jeweils stilsicher durch "Mitbewerber". Da der Gruppensieg im TV-Bereich klar an die Publisuisse geht, sind die IP und wir in einer stetigen Barrage, was uns natürlich auch zwingt, möglichst viele Aktivitäten für die Gattung zu unternehmen damit auch unser Punktekonto voll wird.
Frank: Wir haben uns zusammen getan um den elektronischen Markt weiter zu entwickeln -- nicht gegeneinander, sondern miteinander. An der "screen-up & congress" wollen wir der Schweizer Kommunikationswirtschaft die neusten Angebote der audiovisuellen Medien TV, Kino und adScreen vorstellen. Nebst den Programmen 2006 der führenden privaten TV-Sender zeigt die "screen-up & congress" wiederum eine Vorschau auf das kommende Werbejahr im mittlerweile digitalisierten Medium Kino, sowie eine Sonderschau zu den adScreen-Angeboten in der Schweiz. Unser Ziel ist es, nächstes Jahr auch Publisuisse und weitere Vermarkter und Sender an Bord zu haben, um der Veranstaltung noch mehr Gewicht zu geben.
Gartmann: Zusammen haben wir deshalb auch den Kongressteil am Nachmittag entwickelt. Neben den aktuellen Programmangeboten diskutieren und zeigen wir mit Fachleuten aus dem In- und Ausland die aktuellen und zukünftigen TV-Trends. Dabei wollen wir nicht über Fernsehen in zum Beispiel 20 Jahren philosophieren, sondern Entwicklungen für die nächsten fünf bis zehn Jahre aufzeigen. Die Besucher des Kongresses sollen für ihr Geld Informationen bekommen, welche sie in ihrer täglichen Arbeit auch brauchen können.
Welches sind denn die wichtigsten Trends für die nächsten 10 Jahre?
Frank: Angesichts einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft werden die jungen Schweizerinnen und Schweizer als Pioniere, Innovatoren und wiederum zukünftige Konsumenten immer wichtiger. Daher gewinnen die Medien an Stellenwert, welche sich an die jungen Menschen wenden und von diesen akzeptiert und genutzt werden. Wir sind deshalb überzeugt, dass die Gewinner der fortschreitenden Digitalisierung und des zunehmenden Wettbewerbs um die Aufmerksamkeit der Zuschauer jene sind, die Mittel und Wege finden, die jungen Zuschauer anzusprechen -- sei es über individuelle, interaktive oder mobile Angebote.
Luchsinger: Hier sind die Zukunftsaussichten und -modelle der TV-Stationen sehr dynamisch. Die Sendergruppen sind im Moment daran, entsprechende zukunftsweisende Positionen zu beziehen, wobei ich anmerken möchte, dass mir der Horizont von zehn Jahren für Aussagen in diesem Markt sehr weit gegriffen scheint. Wir als Vermarkter sind dazu da, möglichst flexibel auf neue Angebotsformen einzugehen und diese in möglichst kreativen Kombinationen zu verkaufen.
Gartmann: Die digitale Technik wird dazu führen, dass immer mehr Sender und in neuer Technik gesehen werden können. Das sind Herausforderungen für das heutige Geschäftsmodell, die wir aktiv angehen. Die klassische TV-Werbung wird wohl auch in fünf oder zehn Jahren noch ein wichtiger Einnahmenstrom für uns sein, aber wir entwickeln uns weiter. Unsere Sendermarken sind starke Entertainmentmarken, die in Zukunft nicht nur für Free-TV stehen müssen. Pay-TV und Pay per View, aber auch mobile Angebote sind nur einige der neuen Möglichkeiten. Bei aller Vielfalt in der neuen, digitalen TV-Welt wird der Mensch aber immer nur ein begrenztes Budget an Zeit und Aufmerksamkeit für TV zur Verfügung haben und da gewinnen die Marken und Angebote, welche weiter gepflegt werden und sich weiter entwickeln.
Welche Rollen werden Sonderwerbeformen wie Product Placement in Zukunft spielen?
Luchsinger: Product Placement ist in der Schweiz eine legale Sponsoringform. Wichtig ist, dass Placements und andere Engagements von Sponsoren transparent, also für die Zuschauer nachvollziehbar sind. Das gewährleisten wir schon heute. Meines Erachtens nimmt die Bedeutung dieser Werbeformen in den nächsten Jahren sehr stark zu, da das neue RTVG tendenziell leider nach noch mehr Einschränkungen aussieht.
Gartmann: Die "Vermeidung von Werbung" durch den Zuschauer wird die klassische TV-Werbung nicht verunmöglichen, aber die Kunden suchen vermehrt programmnahe Platzierungen in Sponsoring und Product Placement. Diese können am besten in Schweizer Formaten realisiert werden. Sonderwerbeformen können einmal gut und gern zehn oder mehr Prozent der Einnahmen ausmachen, sie werden aber nur so weit zulegen, wie es der Schweizer Gesetzgeber erlaubt. Da hängt viel vom neuen RTVG und den ausführenden Bestimmungen des Bundesrates ab
Frank: Generell haben Sonderwerbeformen zugenommen und werden auch weiterhin zunehmen. Werbetreibende suchen vermehrt nach neuen Möglichkeiten ihre Produkte und Dienstleistungen darzustellen. Diesen Trend haben wir bei IP Multimedia schon lange erkannt. Bereits vor vier Jahren haben wir eine neue Unit ins Leben gerufen, die sich ausschliesslich auf Sonderwerbeformen konzentriert. Alles was gesetzlich möglich ist, bieten wir an. Wir entwickeln massgeschneiderte Ideen in diesem Bereich. Die Spannweite reicht vom Product Placement für CHF 5000 bis zum Crossmedial verknüpften Mediaereignis für bis zu CHF 500000. Zudem haben wir von Standard-Sonderwerbeformen wie verschiedene Spezialplatzierungen bis hin zu massgeschneiderten Umsetzungen alles im Angebot, was es im Bereich Sonderwerbeformen gibt.
SevenOne Media Schweiz tritt bisher nur als Betreiber der Schweizer Werbefenster von ProSieben und kabel eins auf. Die Vermarktung ist auf cinecom und IP aufgeteilt. Warum nimmt SevenOne Media die Vermarktung nicht selber in die Hand?
Gartmann: Die Verträge sind historisch gewachsen und haben lange Laufzeiten. Viel wichtiger ist aber, dass wir mit cinecom und IPM gut zusammenarbeiten und dass sie beide in der Vermarktung erfolgreich sind. Die ProSiebenSat.1-Gruppe ist der grösste, nichtstaatliche Fernsehanbieter der Schweiz und das wollen wir auch bleiben.
Die Vermarktung von kabel eins wandert auf Anfang 2006 von IP zu cinecom. Wird es zu weiteren Rochaden kommen? Inwiefern profitiert SevenOne Media von der Konkurrenzsituation zwischen cinecom und IP?
Frank: Weitere "Rochaden" hat es schon gegeben, wir haben mit VIVA Schweiz per 1.1.2006 einen neuen Sender gewonnen und damit mit MTV, VIVA Schweiz und TVM3 in der welschen Schweiz ein in dieser Zielgruppe einmaliges Portfolio. Es bewegt sich laufend etwas.
Luchsinger: Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Barrage in vollem Gange und wir sind uns bewusst, dass wir hier einen sehr starken Gegner haben. Wir werden dieses Spiel auch weiterhin sportlich und mit fairen Mitteln austragen.
Gartmann: An der Vermarktung von ProSieben ändert sich durch den Wechsel bei kabel eins nichts. Das laufende Benchmarking zwischen den beiden Vermarktern treibt sie an, sich qualitativ und quantitativ zu verbessern. Ohne die beiden auszuspielen muss ich sagen, dass dieser Wettbewerb für die Performance beider ganz positiv ist. Insofern profitieren alle von dieser Konkurrenzsituation innerhalb der ProSiebenSat.1-Gruppe in der Schweiz.
Was müsste sich für Sie als Vermarkter der Privatsender in der Schweiz ändern, damit die Vormachtstellung der Publisuisse angekratzt werden könnte?
Gartmann: Je stärker der Markt, desto mehr Geld steht der SRG zur Verfügung. Ein quantitatives Wachstum der Privaten würde die SRG also mitfördern, das haben die Programm- und Werbefenster in der Deutschschweiz bewiesen. Welchen Werbemarktanteil die SRG hat, ist für sie letztlich sekundär. Hauptsache, sie kann ihr Angebot finanzieren. Die real existierende SRG-Medienkonzentration, hat aber auch zu einer politisch bedenklichen Machtkonzentration geführt. So ist die Diskussion um das neue RTVG zu einem Trauerspiel für den Fernsehmarkt geworden wir werden wohl in die frühen Achtzigerjahre zurückgeworfen. Unter dem Druck der SRG hat es die Politik bewusst unterlassen, Bedingungen zu schaffen, unter welchen privates Fernsehen eine Chance hätte. Das Paradoxe daran ist, dass die Einschränkungen für den Fernsehmarkt vor allem die SRG schwächen.
Frank: Die Politik müsste generell bessere Bedingungen für Privates Fernsehen in der Schweiz schaffen. Als privatwirtschaftliches Unternehmen stehen wir einem Marktpartner gegenüber, der von der Politik mit vielen Privilegien und Wettbewerbsvorteilen ausgestattet worden ist. Innerhalb der beschränkten Möglichkeiten, in denen die Politik einen Wettbewerb zugelassen hat, sind wir als bekennende Freunde des freien Wettbewerbs überzeugt, dass wir durch Innovationen, Produktentwicklungen und starke Präsenz auf dem Markt diese Vormachtstellung ankratzen können.
Luchsinger: Wir sind nicht daran interessiert, Vormachtsstellungen innerhalb einer Mediengattung zu verändern, sondern richten unser Augenmerk darauf, Vormachtsstellungen anderer Mediengattungen anzugreifen. Dazu dient unter anderem auch unser Engagement mit der "screen-up & congress".
--> Die "screen-up & congress 2005" findet am 25. Oktober statt. Am Branchenevent nehmen prominente Persönlichkeiten teil, darunter Anke Schäferkordt (RTL), Roger Schawinski (Sat.1), Filippo Leutenegger und Hanspeter Lebrument. Das Detailprogramm ist unter http://www.screen-up.ch abrufbar.