"Es werden Anwendungen auf den Markt kommen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können"

- Swisscom-Chef Carsten Schloter gibt Vollgas. So treibt er mit voller Kraft den Ausbau einer eigenen Glasfaserinfrastruktur voran. Gegenüber "persönlich" erklärt der gebürtige Deutsche, wie er seinen Konkurrenten begegnet und welche technologischen Hürden es künftig zu meistern gibt. Das Interview:

Carsten Schloter, Sie haben im vergangenen Jahr an der Patrouille des Glaciers, dem härtesten Gebirgsrennen der Welt, teilgenommen. Bleibt dies eine einmalige Angelegenheit?

(Lacht.) Nein, überhaupt nicht. Gerade an diesem Wochenende habe ich mich gemeinsam mit meinen beiden Konzernleitungskollegen Mario Rossi und Urs Schäppi entschieden, 2012 erneut anzutreten. Das Überwinden eigener Grenzen fasziniert mich.

Wie oft trainieren Sie durchschnittlich?

Während der Wintersaison bewältige ich an Wochenenden oft 2000 bis 3000 Höhenmeter auf Skitouren. Als Vater dreier Kinder muss man aber samstags und sonntags um fünf Uhr morgens aufstehen, damit man vor dem Frühstück die nötigen Höhenmeter abgespult hat und sich danach wieder der Familie widmen kann.

Führen solche sportlichen Höchstleistungen nicht zu einem Erschöpfungszustand während der Arbeit?

(Lacht.) Im Gegenteil: Dadurch erhalte ich vor allem während des Winters die notwendige Sauerstoffzufuhr. Jeder Mensch benötigt einen Ausgleich. Skitouren ermöglichen mir unvergessliche Momente und die Fähigkeit, Energie zu tanken.

Energie benötigten Sie auch im Zusammenhang mit dem Geldwäscherei-Skandal um die Swisscom-Tochter Fastweb. Die Aufregung war gross, als die italienische Staatsanwaltschaft vor einem Jahr eine Untersuchung gegen frühere und heutige Fastweb-Manager anstellte. Nun scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Ein weiteres Happy End in Ihrer beruflichen Karriere?

Ein berufliches Happy End gibt es nie, denn das Rad der Zeit dreht sich immer weiter - sowohl in der Schweiz als auch in Italien. Wir haben schwierige Phasen durchlebt, aber im Augenblick blicken wir tatsächlich besseren Zeiten entgegen.

Bei Fastweb stellte sich einmal mehr die Frage, ob sich die Swisscom im Ausland engagieren will oder nicht.

Alle historischen Telekommunikationsanbieter engagieren sich zwischenzeitlich im Ausland. Die Swisscom mischt dabei nur weniger mit, da wir in unserem Heimmarkt am stärksten aufgestellt sind. Ein Wettbewerb in unserer Branche entsteht nur, wenn sich die historischen Betreiber in einem anderen Land engagieren. Unsere Mitbewerber in der Schweiz sind die France Telecom mit Orange, und vor der Übernahme von Sunrise durch den Finanzinvestor CVC Capital Partners gehörte auch die dänische Telecom dazu. Es ist heute kaum mehr möglich, im Bereich der Telekommunikation in einen neuen Markt einzusteigen.

Weshalb?

Inzwischen sind fast alle Märkte gesättigt. Derzeit stellt sich nur die Frage, wie sich die Branchenkonsolidierung weiter entwickelt. In der Schweiz waren die Voraussetzungen für einen Zusammenschluss von Sunrise und Orange gegeben. Die Wettbewerbskommission Weko hat dies aber verhindert.

Weinen Sie nicht Krokodilstränen? Der Entscheid der Weko trifft Sie nicht besonders.

Sie haben recht, im Grunde genommen könnte uns dieser Beschluss gleichgültig sein, andererseits waren wir auch sehr überrascht. Wir sehen in allen europäischen Märkten eine Wettbewerbslogik, die sich Infrastrukturwettbewerb nennt. Verschiedene Anbieter setzen auf unterschiedliche Technologien und bauen eigene Netze auf. Dafür sind aber hohe Finanzmittel nötig. Wenn wir nächstes Jahr den Bau des Netzes für eine neue Mobilfunkgeneration starten, müssen wir hohe Kosten vorsehen. Dies gilt auch für Orange und Sunrise.

Je weniger Kunden vorhanden sind, um diese Kosten zu amortisieren, desto schlechter ist man aufgestellt.

Genau. Deswegen war es aus Sicht der Branche auch einleuchtend, dass diese beiden Unternehmen einen Zusammenschluss suchen, um die künftigen Netzkosten, die aufgrund neuer Technologien anfallen, mit einer hohen Anzahl Kunden zu amortisieren. Deshalb wage ich die Behauptung, dass Sunrise und Orange einen weiteren Fusionsversuch wagen, um ihre Infrastruktur zusammenzulegen.

Sie haben die neue Mobilfunkgeneration erwähnt. Ist nach der Einführung des iPhones und iPads überhaupt noch eine Steigerung denkbar?

Sicher, es werden neue Anwendungen folgen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können. Einerseits sind es die schnellen Netzzugänge und deren Leistungsfähigkeit, die ein permanenter Treiber für Innovationen sind, andererseits werden sich auch die Benutzeroberflächen rasant verändern. So könnten künftig dank neuer Technologien beispielsweise verschiedenste Glasflächen wie ein berührungsempfindlicher Bildschirm genutzt werden.

Wirklich?

Auf jeden Fall. Die berührungsempfindlichen Bildschirme haben dazu geführt, dass sich der Internetzugang verändert hat. Für Kinder ist es heute bereits normal, dass man mit den Fingern über einen Bildschirm streicht. Während man früher den Browser gestartet und sich mit der Tastatur durchs Internet gewühlt hat, erobern nun bereits die Applikationen die Fernsehwelt. Zudem kommen die ersten Fernseher mit kinetischer Schnittstelle auf den Markt, die es ermöglichen, mit der TV-Bedienung durch Bewegung auf diesen Applikationen zu navigieren. Wir befinden uns immer noch in einer Leistungssteigerung des Zugangs und in einer permanenten Vereinfachung der Benutzerschnittstelle.

Erschwert diese Tatsache nicht die Entwicklung einer passenden Strategie?

Jein. Niemand kann die globalen Entwicklungen in den verschiedenen Branchen voraussehen. Wir wissen aber, welche Trends sich daraus ergeben. Drei sind für die Swisscom relevant: die Verfügbarkeit, die Sicherheit und die Qualität der Netze. Wenn das Internet heutzutage nicht mehr funktioniert, stellt dies für die Menschen und die Unternehmen ein erhebliches Problem dar. Vor zehn Jahren wären Netzausfälle beim Internet kaum bemerkt worden. Die meisten Innovationen führen dazu, dass die Themen Qualität und Sicherheit noch bedeutender werden: Dabei denke ich an Uhren, die nicht nur die Zeit anzeigen, sondern gleichzeitig auch biometrische Sensoren sind. Sie erlauben es, Gesundheitsinformationen direkt an ein Ärztezentrum zu übertragen, und das bedeutet für Hunderttausende von chronisch kranken Menschen eine Erleichterung.

Nach welchen Kriterien sucht ein chronisch kranker Patient, der sich eine biometrische Uhr zulegt, seinen Netzbetreiber aus?

Bei diesem Produkt ist die Frage nach dem Preis sekundär. Unser Kunde wird sich vor allem für die Frage interessieren, wer über ein flächendeckendes Netz verfügt und für dieses die notwendige Qualität garantiert. Das ist ein Schlüsselgewinn für die Swisscom und birgt ein grosses Differenzierungspotenzial. Ein weiteres Beispiel: Die Datensicherheit steht vermehrt im Zentrum. Jeder spricht von Cloud-Computing beziehungsweise der Rechnerwolke, die primär den Ansatz verfolgt, abstrahierte IT-Infrastrukturen über ein Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet aber auch, dass sich die Daten irgendwo im Netz befinden. Ich glaube aber nicht, dass es den Kunden egal ist, wo ihre Daten liegen. Deshalb ist auch dies ein Markt, wo die Swisscom sich mit den Attributen Qualität und Sicherheit massgeblich von ihren Mitbewerbern differenzieren kann.

Also haben Sie eine vage Ahnung, wie sich die Telekommunikation weiterentwickelt?

Ein Stück weit schon. Man weiss auch, welche Fähigkeiten, sowohl auf menschlicher wie auf technischer Seite, im Unternehmen entwickelt werden müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu agieren. Hinter dem wachsenden Differenzierungspotenzial stehen letztendlich die Marktanteile und die Wertschöpfung.

Wer über das beste Netz verfügt, beherrscht die Wirtschaft?

Ich würde es ein bisschen anders formulieren: Wer das qualitativ beste Netz hat, kann an den Veränderungen, die unsere Gesellschaft weiterhin beschäftigen werden, partizipieren. Ich würde aber nie behaupten, dass man dadurch die Wirtschaft kontrollieren kann. Wir bemühen uns im Zuge der aufgezeigten Entwicklungen, unsere Netze immer sicherer zu machen.

Themenwechsel: Wird sich das iPad durchsetzen?

Vor allem die Tablets werden an Bedeutung gewinnen. Sie sind leichter, leistungsfähiger und bedienerfreundlicher als die Laptops. Irgendwann werden wir in Sachen Spracheingaben so weit sein, dass wir den Text nicht mehr über die Tastatur eingeben, sondern diesen lediglich diktieren. Interessant ist, dass die Entwicklungen vor allem von Apple vorangetrieben werden. Microsoft, die lange den Markt beherrscht hat, hat starke Konkurrenz erhalten.

Ist der Zenit von Microsoft überschritten?

Was die Tablets betrifft, so kann Microsoft aktuell nicht mitreden. Denken Sie nur an die Wachablösung des Telekommunikationskonzerns Nokia, der noch vor kurzer Zeit fast 60 Prozent aller Handys in der Schweiz verkauft hat und heute vor einer schwierigen Zukunft steht.

Ist Nokia auf dem Markt inzwischen chancenlos?

Die Chance des Unternehmens ist abhängig von Windows und somit von Microsoft. Entwickelt sich deren Betriebssystem noch zu einer dritten Kraft neben Apple und Android, besteht durchaus noch Hoffnung.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit mit Apple vorstellen?

Einerseits verdanken wir diesem Unternehmen einen Innovationsschub im Mobilfunkmarkt. Auch die Tablets und der Boom bei den Smartphones stammen von Apple. Unser Umsatzwachstum von 33 Prozent bei den mobilen Datendiensten im Jahr 2010 wäre ohne die Innovatorrolle von Apple niemals möglich gewesen. Allerdings droht bereits eine gewisse Abhängigkeit, die ungesund ist. Soeben wurde ein Kioskmodell vorgestellt, das dazu führt, dass Apple mit jeder Zeitungsausgabe, welche auf dem iPad oder dem iPhone verkauft wird, substanziell mitverdient.

Wie steht es mit der Werbung?

Auch hier will Apple mitverdienen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich die Ausgangslage ganz schnell ändern kann, wenn ein Unternehmen seine Vormachtstellung missbraucht, indem es versucht, seine Kunden und die restlichen Anwendergruppen übermässig an sich zu binden. Schnell kommen neue Player auf den Markt. Genau dies ist Nokia passiert, und auch Microsoft könnte dieses Schicksal erleiden.

Interview: Matthias Ackeret

Lesen Sie das vollständige Interview in der aktuellen "persönlich" Juni-Ausgabe.