Freitag gewinnt den GfM-Marketingpreis

- Die Freitag-Taschen sind in den vergangenen neunzehn Jahren zu einem Kultobjekt geworden. Aber auch die Firma hat sich gewandelt: Aus dem ehemaligen Zweimann-Unternehmen im Zürcher Kreis 5 hat sich eine "Weltfirma" in Oerlikon entwickelt, die ihre Taschen aus gebrauchten Lastwagenplanen rund um den Globus verkauft und jetzt auch den GfM-Marketingpreis gewonnen hat. "persönlich" hat sich mit CEO Monika Walser unterhalten.

Frau Walser, was bedeutet der GfM-Preis für Freitag?

Wir freuen uns immer, wenn wir einen Preis bekommen. Dies ist eine Bestätigung für unsere Arbeit. Der GfM-Preis ist etwas besonderes, weil Freitag seit jeher eine besondere Einstellung zum Marketing hat.

Was macht Freitag aus Ihrer Sicht so preiswert?

Ich weiss nicht, ob ich dies jetzt erzählen soll (lacht). Vielleicht ist unser Geheimnis auch gar kein Geheimnis. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Wir produzieren nur Produkte, hinter denen wir als Personen stehen können und die uns auch faszinieren. Tritt der berühmte "Wow"-Effekt nicht ein, so lassen wir es.

Sie betreiben also keine Marktforschung?

Natürlich beobachten wir, was in anderen Ländern aktuell ist. Wir nehmen jedoch keine Statistik oder Umfrage zur Hand, um herauszufinden, was zieht oder nicht. Unsere Taschen und die anderen Produkte entstehen und entstanden aus einem Bedürfnis heraus – und die Erfahrung zeigt uns, dass dieses Bedürfnis von anderen Menschen geteilt wird. Bei den Taschen ist entscheidend, ob sie 'velofahrbar' sind, also ein funktionelles Design haben. Der Testmarkt sind unsere Mitarbeitenden. Nur wenn wir selbst dahinterstehen können, produzieren wir. Unser persönliches Engagement bei unseren Produkten ist sehr wichtig für das Weiterbestehen unserer Firma. Wir haben immer wieder fertig entwickelte Modelle nicht produziert, weil sie unserem Bedürfnis zu wenig entsprochen haben. Dieses Testing verläuft übrigens sehr intensiv.

Ihre Firma wurde vor neunzehn Jahren in der Nähe der Zürcher Hardbrücke gegründet. Vor einem Jahr sind Sie nun nach Oerlikon gezogen. War dies ein Neustart?

Dieser Schritt war logisch und entspricht auch unserer Firmengeschichte. Irgendwann spürten wir, dass wir mehr Platz benötigen und gerne alle wieder unter einem Dach vereint hätten. Freitag ist in den letzten neunzehn Jahren sukzessive und solide gewachsen. Irgendwann geht die Pionierphase zu Ende. Auch wir haben mittlerweile Hierarchiestufen eingeführt und eine Personalabteilung etabliert. Obwohl der Standort in Oerlikon teurer ist als derjenige im ehemaligen Maag-Areal, entspricht er vollkommen unseren Erwartungen. Wir sind alle unter einem Dach und nicht mehr auf mehrere Plätze verteilt. Das hat sehr viele Vorteile: Wenn man weit auseinander ist, schreibt man sich nur noch E-Mails und sucht nicht mehr den persönlichen Kontakt. Durch die Konzentration an einem Standort kann sich wieder die persönliche Firmenkultur etablieren und die E-Mail-Flut wird etwas reduziert. Zudem verfügen wir jetzt auch über eine eigene Kantine, da ist ein intensiver Austausch mit anderen Abteilungen und sogar Firmen möglich. Das ist doch der definitive Beweis, dass unsere Produkte nicht nur auf einem 'Marketing-Gag' beruhen.

Inwiefern?

Markus und Daniel Freitag besuchten 1993 die Kunstgewerbeschule in Zürich. Markus hatte eine Wohnung mit Blick auf die Hardbrücke. Sein Dilemma war: Wie bringe ich meine Sachen trocken von A nach B auf dem Velo? Als er die vorbeifahrenden Lastwagen sah, entstand die Idee, aus gebrauchten Lastwagenplanen Taschen herzustellen, welche fahrradkompatibel sind und jedem Wetter trotzen. Ursprünglich steckte hinter dieser Idee überhaupt keine kommerzielle Absicht, sondern nur ein privates Bedürfnis.

Dann hatte also Markus die Uridee.

(Lacht.) Es ist parallel gelaufen. Daniel war damals im Austauschjahr in San Francisco und hat von seinem Bruder von den Fahrradtaschen und seinen Erfahrungen als Velofahrer in einer Grossstadt erzählt. So hat sich die Idee mit den Lastwagenplanen konkretisiert. Zuerst musste Markus überhaupt solche Planen beschaffen, was gar nicht so einfach war. Zur Unfreude seiner WG-Kollegen hat er diese in der Dusche gewaschen. Sie können sich vorstellen, dass der Dreck, welcher an einer gebrauchten Plane hängt, nicht gerade attraktiv ist.

Wann haben die Freitag-Brüder realisiert, dass diese Taschen auch auf ein kommerzielles Interesse stossen könnten?

Ganz ehrlich, das haben sie ewig lange nicht realisiert. Und manchmal habe ich den Eindruck, sie haben es heute noch nicht realisiert (lacht). Es ist die Aufgabe des CEO, auf die kommerziellen Aspekte hinzuweisen. Doch das ist das Schöne an unserer Firma. Nachdem die beiden Brüder in Handarbeit sehr viele Taschen hergestellt hatten, suchten sie ihren ersten Mitarbeiter, damit sie sich neuen Projekten zuwenden konnten. Um dessen Lohn sicherzustellen, mussten sie aber eine bestimmte Anzahl Taschen verkaufen. Um dies zu gewährleisten, brauchte man einen Vertrieb und auch Marketing. So ist die Firma Schritt um Schritt gewachsen. In dieser Form habe ich das noch nie erlebt.

Sie sind als CEO einer Familienfirma eindeutig in der schwächeren Position.

Wenn man bedenkt, dass Markus und Daniel meine Verwaltungsräte sind, so ist dies rechtlich sicher der Fall. Doch diese Frage hat sich nie gestellt. Markus und Daniel wollten die Firma selbst nicht führen, sondern sich ausschliesslich der Kreation widmen. So sind wir – jeder mit seiner Kompetenz – ein vertrautes und sehr gut eingespieltes Team. Deswegen gibt es auch keine Probleme, wenn ich als CEO einen schwierigen Entscheid fällen muss. Ich glaube, es wird von unseren Mitarbeitenden – und wir sind mittlerweile über 130 – geschätzt, dass jemand eine klare Richtung vorgibt. Wir verfügen über eine sehr gute Streitkultur und versuchen allfällige Probleme sachlich auszudiskutieren. Gerade bei Designentwürfen versuchen wir zu dritt die optimale Entscheidung zu treffen. Ich gelte ja nicht unbedingt als Person, die zu allem Ja und Amen sagt.

Sie haben sich sogar einmal als 'Bösewicht' bezeichnet.

Ja, dies ist richtig so.

Eigentlich wollten Sie dieses Amt gar nicht übernehmen.

Das stimmt. Als ich vor bald drei Jahren bei Freitag eingestiegen bin, habe ich diesen Job interimistisch ausgeübt. Meine Aufgabe war, einen neuen CEO zu finden. Wir hatten über 140 Bewerbungen geprüft, rund 40 habe ich zu einem Speed Dating eingeladen und 20 davon den Brüdern weitergegeben.Anschliessend signalisierten mir die Brüder, dass sie eigentlich am liebsten mit mir weiterarbeiten würden. Doch damit hat sich nun ein Kreis geschlos- sen: Ursprünglich hatte ich einmal Damen- schneiderin gelernt. Nachdem ich Matura und Studium nachgeholt hatte, eröffnete ich eine eigene Kinderkleider-Produktionsfirma, welche 32 Näherinnen beschäftigte. So gesehen bin ich schon ein bisschen vom Fach.

Wie kommen Sie eigentlich zu den Lastwagenplanen?

Wir haben Mitarbeitende, die nichts anderes machen – und dies ist nicht despektierlich gemeint – als Lastwagenplanen einkaufen. Sie machen das berühmte Truckspotting, indem sie an Autobahnkreuzen fotografieren und Kontakte suchen, wo es noch Lastwagenplanen gibt. Wir haben in den verschiedenen Ländern auch Agenten, die die Transporteure wegen ihrer Planen angehen. Für uns ist es wichtig, dass diese gebraucht sind, um so einem bestehenden Material ein nächstes Leben zu geben. Der Austausch der LKW-Plane kann altersbedingt der Fall sein oder wenn ein Logowechsel ansteht.

Da mussten Sie einen völlig neuen Markt für den Kauf von Lastwagenplanen entwickeln?

Ja, das musste sich etablieren. Es ist aber nicht so, dass alte Lastwagenplanen sonst nur zerstört würden. Sie werden auch von Bauern gebraucht oder nach Afrika gesandt und dort nochmals als Lastwagenplanen verwendet.

Welche Planen bevorzugen Sie?

Es gibt beliebtere und weniger beliebte Farben, wobei die beliebteren im Allgemeinen auch die selteneren Farben sind. Wir müssen unser Sortiment nach den Planen richten: Schwarz sieht man ja eigentlich fast nie an einem Lastwagen, daher ist dies eine Farbe, die wir im Sortiment kaum führen. Rot hingegen wird von allen geschätzt. Die japanischen Männer bevorzugen knallige Farben, bei uns ist es umgekehrt. Im Schnitt wechselt ein Transportunternehmen alle fünf Jahre die Planen. Deswegen ist es nicht immer möglich, jene Farben zu bekommen, die man haben will. Das ist der Preis dafür, dass wir nur gebrauchte LKW-Planen verwenden.

Wie kann man zwanzig Jahre ein Trendprodukt bleiben?

Ich glaube nicht, dass wir ein Trend- oder Modeprodukt sind. Nur schon deshalb nicht, weil wir unsere Lastwagenplanen nicht nach Modezyklen einkaufen. Wir verstehen uns als Lifestyleprodukt, welches eine gewisse Lebenshaltung symbolisiert, und diese ändert sich auch nicht von heute auf morgen. Unsere Grundsätze sind immer noch die gleichen wie vor neunzehn Jahren. Deswegen ist unsere allererste Tasche überhaupt, die F13, immer noch eines unserer meistverkauften Produkte.

Nun wagen Sie den Schritt ins Luxussegment. Ändern Sie dadurch nicht Ihre Kundschaft?

Überhaupt nicht. Unsere Linie Freitag Reference haben wir vor zwei Jahren auf den Markt gebracht. Wir sind alle zusammen ein wenig älter geworden und haben andere Bedürfnisse. Diese Überlegung war der Grundstein für die Kollektion. Aber auch unsere neuen Taschen sind immer noch Unikate.

Produzieren Sie alles in der Schweiz?

Mit dem Wechsel nach Oerlikon haben wir ein klares Bekenntnis zum Standort Schweiz abgelegt. Wir sind ein Schweizer Unternehmen. Wir haben unsere neuen Räumlichkeiten so konzipiert, dass wir unser weiteres Wachstum problemlos verkraften können.

Was heisst das konkret?

Das ganze Design entsteht in der Schweiz. Wir kaufen die Planen auch hier ein, waschen sie und machen den Zuschnitt. Wir haben jetzt sogar eine Stanzmaschine installiert. Was wir nicht in der Schweiz machen können, ist das Nähen der Taschen. Diese Arbeiten geschehen in nahe gelegenen Ländern wie Frankreich und Portugal, da wir in der Schweiz gar nicht über die notwendigen Nähkapazitäten verfügen. Anschliessend kommen die Taschen wieder zu uns zurück, wo wir das Qualitätsmanagement vornehmen. Dass jede Tasche ein Unikat ist, bringt gewisse Verpflichtungen mit sich: Für den Onlinestore wird jede Tasche bei uns von allen Seiten fotografiert und anschliessend ins Netz gestellt. Genauso wird jede Tasche für unsere Wiederverkäufer fotografiert, sodass diese in unsere Schubladen gelegt werden können.

Der hohe Franken macht Ihnen nicht zu schaffen?

Die jetzige Situation ist sicher nicht ganz einfach. Daher müssen wir das Risiko mehr verteilen und aus dem europäischen Raum ausbrechen. Dies ist auch der Grund, warum wir nun verstärkt nach Asien expandieren.

Wo steht Freitag in fünf Jahren?

Wir haben klare Visionen. Eines ist sicher: Wir möchten unsere Grundhaltung beibehalten. Ich denke, dass wir in fünf Jahren noch ein grösseres Sortiment anbieten können als heute. Wir wollen unsere Länderexpansion fortsetzen, um nicht nur vom Euro abhängig zu sein. Es könnte aber sein, dass wir bis dann noch ein anderes Standbein aufgebaut haben.

Also weg von den Taschen?

Dies lassen wir offen. Aber wir bauen sicherlich noch etwas anderes auf.

Interview: Matthias Ackeret

Lesen Sie das ganze Interview mit Freitag-CEO Monika Walser im aktuellen persönlich-Heft.