"Für mich als Clubtrainer ist die EM ein grosses Problem"

- Christian Gross ist der erfolgreichste Schweizer Clubtrainer der letzten Jahre. Seit 1999 ist er Chefcoach beim FC Basel, mit dem er bereits dreimal Schweizer Meister wurde. Zuvor war der 54-jährige Zürcher beim englischen Erstligisten Tottenham Hotspurs und bei GC engagiert. Gross setzt auf Psychologie und mentales Training. Gegenüber "persönlich blau" verrät er sein Führungsprinzip und erklärt, warum die Euro 08 für ihn ein Problem darstellt. Ein Ausschnitt aus dem Interview:

Herr Gross, die Euro 08 steht vor der Tür. Wie werden Sie diese Zeit verbringen?

Ferien. Ich wurde mehrfach angefragt -- auch vom Schweizer Fernsehen --, ob ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Aber ich bin während der ganzen Saison so stark eingespannt, dass ich selber Distanz brauche oder an den Euro-Spielen als Zuschauer mitfiebern will. Die Vorbereitungen auf die neue Saison beginnen nach der Europameisterschaft.

Wie erleben Sie als Clubtrainer die Euro? Sind die Spieler besonders nervös oder bereits mit dem Kopf an einem andern Ort?

Für mich als Clubtrainer ist die Europameisterschaft ein grosses Problem und betrifft vor allem jene Spieler, die wir zurückgeholt haben, damit sie den FCB nochmals weiterbringen. Sie erhofften sich durch dieses Engagement mehr Spielpraxis im eigenen Land und damit auch die Aufmerksamkeit von Köbi Kuhn. Das konditioniert sie natürlich auch für die Meisterschaft. Ich finde es aber schade, dass diese Spieler, wie Benjamin Huggel, nicht häufiger in der Nationalmannschaft zum Einsatz kommen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil definieren?

Ich arbeite sehr zielorientiert, verbunden mit Metaphern, auf die sich die Spieler abstützen können. Konkret bedeutet dies: stetige Wiederholung der Ziele, im Umgang mit den Spielern fordernd, aber immer menschlich. Ich achte darauf, dass die jungen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sich auch persönlich weiterentwickeln. Sie sollen schlussendlich mannschaftsdienliche Persönlichkeiten werden.

In Deutschland bezeichnet man Ottmar Hitzfeld als "General". Können Sie mit dieser militärischen Bezeichnung etwas anfangen?

Ich glaube, eine Fussballmannschaft kann nur funktionieren, wenn einer als Kommandant auf der Brücke steht. Mit einem demokratischen Führungsprinzip gelingt dies meist nicht. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass man hart, aber auch fair miteinander umgehen muss. Und loben muss man auch können, aber man muss das Lob sehr sparsam einsetzen. Wer die Spieler zu viel lobt, verwöhnt sie auch. Dies tönt vielleicht ein bisschen unlogisch, beruht aber auf Lebenserfahrung.

Sie haben verschiedentlich kritisiert, dass die Kommerzialisierung des Fussballs junge Spieler kaputt machen kann...

Man darf nicht vergessen: In meinem Job arbeite ich mit jungen Leuten, die am Ende ihrer Karriere immer noch jung sind. Das viele Geld, welches auch bei uns im Schweizer Fussball verdient werden kann, macht die Situation nicht einfacher. In den wenigsten Elternhäusern ist der Umgang mit Geld ein Thema, auch bei mir war dies nicht der Fall. Heute hat aber das Geld im Fussballbusiness eine sehr grosse Bedeutung.

Etliche Ihrer Spieler verdienen mehr als Sie. Stellt dies für Sie nicht ein Problem dar?

Mich stört das nicht, solange ich selber bestimmen kann, wie viel ich verdiene.

Wer ist denn die dominierende Figur in einem Club wie dem FC Basel? Die Präsidentin, der Manager oder Sie?

Bei uns ist ganz klar Gigi Oeri die dominierende Person. Das ist auch völlig logisch, schliesslich ist sie Besitzerin des Clubs und Präsidentin des Verwaltungsrates. Sie ist mit Bernhard Heusler und Ruedi Zbinden von hervorragenden Leuten umgeben. Je kürzer die Distanzen und Entscheidungswege sind, umso besser. Und je kleiner das Entscheidungsgremium ist, umso fruchtbarer ist es.

Sie sind jetzt im neunten Jahr in Basel. Das ist ja eher ungewöhnlich. Haben Sie keine Lust mehr, nochmals ins Ausland zurückzukehren?

Selbstverständlich gab es Anfragen, die waren auch mehr oder weniger konkret. Aber es ist nicht meine Art, häufig zu wechseln. Wenn ich ein Engagement bei einem Club eingehe, dann für möglichst lange. Vor allem versuche ich, die Vertragsdauer einzuhalten. Selbstverständlich kann es aber Umstände geben, die die Vereinsleitung veranlassen, einen Vertrag aufzulösen. Das ist dann etwas anderes. Meinen Verein, den FCB, zu verlassen ist für mich wirklich nicht zwingend.

Wie beurteilen Sie eigentlich Köbi Kuhn? Kann man sich als Trainer mental nochmals aufrichten, wenn man so in der öffentlichen und medialen Kritik steht wie er?

Man darf den Stab über Köbi Kuhn nicht brechen. Dies wäre falsch und sicher der wohl unpassendste Zeitpunkt. Dass ein Trainer nach der vierten Niederlage hintereinander kritisiert wird, ist in unserem Business Usus. Dass Köbi Kuhn ein hervorragender Coach ist, hat er nun wirklich mehrfach bewiesen - ohne die beiden erfolgreichen Barragespiele gegen die Türkei wäre die Schweiz gar nicht an die WM gekommen. Damals hat er alles richtig gemacht. Ich drücke Köbi die Daumen für die EM und bin auch der festen Überzeugung, dass die Schweiz dort eine sehr gute Rolle spielen kann. Es wäre falsch, jetzt schwarzzumalen; bei den Testspielen haben gestandene Spieler gefehlt. Mit den Jungen macht Köbi Kuhn jetzt eigentlich schon Aufbauarbeit für seinen Nachfolger Ottmar Hitzfeld.

Sie wurden verschiedentlich als Nati-Trainer vorgeschlagen. Wäre dies für Sie eine spätere Karriereoption?

Ich habe die Ausbildung zum Trainer in der Schweiz gemacht, für mich wäre es eine grosse Ehre, eines Tages dieses Amt auszuüben.

(Interview: Matthias Ackeret / Foto: Katrin Walther)

--> Das vollständige Interview findet sich in der aktuellen Ausgabe von "persönlich blau" zum Thema "Euro 08 -- Wer profitiert?".