Herr Meier, Sie sind CEO bei den Grasshoppers, obwohl Sie nichts mit Fussball am Hut haben. Wie kam es dazu?
GC verkam in den letzten Jahren zum schlafenden Riesen und man suchte jemanden, der die Marke repositioniert. Dieses Mandat übernahm ich. Nach kurzer Zeit durfte ich in diversen strategischen Projekten mitarbeiten, welche weit über einen reinen Marketing-Job hinausgingen. Dann plötzlich kam die Anfrage, ob ich - als Nachfolger von Urs Linsi - die CEO-Stelle bei GC übernehmen wolle. Zuerst war ich skeptisch, denn ich hatte von Fussball keine Ahnung und war überzeugt, dass es bessere Kandidaten für das Amt gab. Aber ich wusste, dass super Leute an Bord sind, mit welchen viel zu erreichen ist, wenn sie zu einer schlagkräftigen Mannschaft geformt werden.
Sie waren vorher als "Leiter Kommerz" zuständig für Marketing und Kommunikation. Als CEO müssen Sie jedoch Veränderungen nicht nur kommunikativ begleiten, sondern diese initiieren und wichtige Strategie-Entscheide umsetzen.
Das kommt mir sehr entgegen. Ich habe schon immer sehr unternehmerisch funktioniert. Das heisst: Meine Projekte waren nie Werbung oder Marketing im klassischen Sinne, sondern ich schuf immer etwas Neues, baute auf und kommunizierte dann gegen aussen. Das war in meinen IT-Engagements so, wie auch, als ich für die diversen Snowboard-Events zuständig war. Immer musste zuerst etwas Neues aufgebaut werden. Wohlverstanden, nicht weil ich dachte ich könne das besser als es schon ist, sondern weil meistens die Ausgangslage so schwierig war, dass man mit den klassischen Mitteln kaum hätte Erfolg erzielen können.
Unternehmensführung, Organisation oder Finanzen: Dies und mehr muss ein CEO im Griff haben. Wie haben Sie sich diese Kompetenzen angeeignet?
Wie gesagt: Meine Projekte waren immer unternehmerisch, nie rein kommunikativ. Beim Mystery-Park standen wir vor folgender Ausgangslage: Wir wollten den Park wieder eröffnen. War das überhaupt möglich? Damals ging es nicht um die Frage: Wie sagen wir es den Leuten? Sondern fundamental: Wie finanzieren wir das? Oder als ich bei Microsoft arbeitete, verlangte man von mir kein Marketingprojekt, sondern eine zeitgemässe Alternative zu den traditionellen Messen. So habe ich für Microsoft die Plattform x.days gebaut. X-Days war ein komplettes Unternehmen, bei dem ich die Finanzierung selber sicherstellen musste. Ich musste also für mein Projekt lobbieren und Sponsoren suchen. Generell gilt: Meine Projekte an sich waren Kommunikation. Kommunikation war nicht nachträglich aufgesetzt. Ich glaube, ich funktioniere ähnlich, wie Apple funktioniert: Ich investiere alles ins Produkt. Kommunikation ist das, was dann heraus schaut. Wenn das Produkt stark genug ist, dann kommuniziert es automatisch.
Somit erübrigen sich Ihrer Ansicht nach also alle Marketingabteilungen?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt ja ganz verschiedene Produkte, Services, Zyklen und Unternehmen. Aber ich glaube, dass sich das Selbstverständnis vieler Marketing-Abteilungen ändern muss, denn gerade durch die direkten, kostenlosen und transparenten Informationskanäle wie Facebook, Twitter, Mobile-Phones mit Foto- und Videokameras etc. braucht es Produkte und Leistungen von hoher Qualität und hohem Nutzen, damit die Produkte weiterempfohlen werden. Ich bin ein grosser Befürworter des Slogans "put the marketing money in the development of the product". Allerdings nicht indem man die Marketing-Abteilung verkleinert, sondern diese viel näher einbindet und in die Verantwortung nimmt.
Marketingabteilungen haben also doch ihre Berechtigung. Wie sind die Zuständigkeiten bei GC?
Wir sind hierfür ein schlechtes oder vielleicht schon wieder ein gutes Beispiel. Die NGFAG (GC) ist ein typisches KMU, hier ist Marketing ein integrierter Bestandteil all unserer Handlungen. Wir haben zwar eine Marke, die 125 Jahre alt ist und weit über die Landesgrenzen ausstrahlt, aber wir haben schlicht keine Ressourcen, welche sich um die "Marken-Kommunikation" im klassischen Sinne kümmern. Unser Produkt "Fussball in der Super League sowie alle Nachwuchs-Mannschaften", strahlt mindestens einmal pro Woche aktiv aus. Treten unsere Teams attraktiv und erfolgreich auf dem Rasen auf, ist zu achtzig Prozent gesagt, was es zu kommunizieren gibt. Wenn nicht, nützt die ganze Rechtfertigung nichts. Die Kunst ist natürlich, die guten Dinge zu festigen und zu multiplizieren.
Welches sind Ihre persönlichen Ziele bei GC?
Wir wollen mittelfristig wieder um die Ränge 1 bis 4 der Meisterschaft spielen und zwar mit einem eigenen Team, ohne teueren Transfer. Wir wollen wieder zur besten Talentschmiede der Schweiz werden und die besten Top Talente für GC gewinnen, eine top Ausbildung garantieren und die jungen Spieler in der 1. Mannschaft veredeln, bevor sie eine internationale Karriere in Angriff nehmen. Diese Strategie ist schlussendlich auch der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg eines Schweizer Profifussball-Vereins.
Wollen Sie dieses Ziel tatsächlich erreichen, werden Sie sicher einige Jahre CEO bei GC bleiben
Ich habe keinen Zeitplan, ich habe eine Mission und diese setze ich mit meinem Team bestmöglich um. Solange ich der richtige Mann für die Herausforderungen bin und man mich will, bleibe ich. Sobald das Unternehmen in eine neue Phase kommt, braucht es wahrscheinlich auch einen anderen Manager-Typus. Bei Ihrem Lebenslauf fällt auf, dass Sie nie lange an einem Ort blieben. Nach spätestens zwei Jahren waren Sie wieder weg, meist sogar schon früher. Ja, ich weiss wofür man mich brauchen kann. Meine Stärke liegt darin, ein Projekt oder ein Unternehmen zu einem gewissen Punkt zu führen. Ich bin der "Start-upper". In jeder Phase eines Unternehmens braucht es ein andere Art Manager. Ein Start-up zu führen braucht eine völlig andere Führungsperson, als ein Unternehmen zu zu verwalten oder wenn es darum geht eine Cashcow zu melken.
GC ist demnach momentan ein Start-up.
Ja. GC ist 125 Jahre alt und zur Zeit dennoch in einer gewissen Start-Up-Phase.
Sie haben immer wieder Projekte detailliert ausgearbeitet, die jedoch nie realisiert wurden (biosoph.ch, Solarkraftwerk auf dem Genfersee) oder nicht gerade zu Goldgruben wurden (z.B. youme.net, eine SocialMedia Plattform). Wie finanzierten Sie sich in diesen Aufbauphasen?
Meine Projekte laufen parallel. Hierbei gibt es immer einige, in die ich gerade viel investiere, während sich andere bereits gut entwickeln und auch Geld abwerfen. Ich rechne im Vornherein den Zeitpunkt für einen Return-on-Investment aus. Die wichtigste Währung für mich ist aber immer "Zeit Qualität". Sobald ich das Gefühl habe, dass meine Zeit nicht mehr gut investiert sei, beginne ich die Dinge zu hinterfragen.
Welches Projekt ist oder war Ihr Erfolgreichstes?
Die Projekte sind kaum vergleichbar. Ich habe immer nur Dinge gemacht, die mich selber fasziniert haben. Meistens waren es neuartige Ideen in Branchen, die im Umbruch waren. Es geht darum, den richtigen Impuls im richtigen Moment zu setzen und da braucht es auch immer das Glück des Tüchtigen. Mit der Snowboard WM in Davos gelang der Durchbruch des Snowboard Sports. Die x.days in Interlaken sind heute die wichtigste Networking-Plattform der ICT Branche in der Schweiz, nachdem ausser dem Microsoft- und Orange CEO anfänglich niemand an das Format geglaubt hat. Das Experiment "youme.net", eine Social Media Plattform im Auftrag von Ringier ermöglichte ganz neue Erkenntnisse der modernen Kommunikationsformen. Die Wiedereröffnung des Mystery Park grenzte an ein kleines Wunder und wir haben sämtliche Erwartungen übertroffen und nun bin ich für den Grasshopper Club unterwegs und da baut sich gerade eine fantastische Energie im Team auf, mit welcher wir hoffentlich noch viel bewegen können. Aber mein erfolgreichstes Projekt wird hoffentlich der Freizeitpark biosoph.ch, eine Idee, für welche die Zeit noch nicht gekommen ist, noch nicht.
Sie arbeiten also nicht für den Zahltag. Warum können Sie sich das leisten?
Selbstverständlich müssen die Finanzen stimmen, aber ich bin kein Vielfrass. Ich esse nur die Dinge, die ich wirklich mag und die schmecken dann auch richtig gut und geben mir die entsprechende Qualität und Zufriedenheit. Wenn ich alles essen würde, was einem aufgetischt wird, bekäme ich höchstens einen dicken Hals.
Welchen Rat geben Sie jemandem, der sich konkret mit dem Schritt in die Selbstständigkeit auseinandersetzt?
Wir leben in einer Zeit der Optionen, noch nie wurden soviele neue Berufe kreiert und haben die Leute am Ende der Karriere so viele verschiedene Tätigkeiten ausgeführt wie heute. Die Voraussetzungen sind also gut, "jeder kann, wenn er denn will". Einfach gesagt, wenn der Beruf zur Berufung wird und die Lust am Neuen grösser ist, als die Angst des Verlustes oder des Versagens, dann stimmen die Voraussetzungen, egal zu welcher Zeit, in welcher Branche. Und gehen sie einfach davon aus, dass sie sechs bis acht Monate ohne Einnahmen überleben können müssen, damit die Nächte nicht unnötig unruhig werden.
Interview: Edith Hollenstein