Herr Nordstörm, sind als Sozioökonomie-Guru zu einem wohlhabender Mann geworden. Haben Sie ein Schweizer Bankkonto?
Nein, für mich ist es vorteilhafter mein Geld in Schweden zu behalten. Denn im Gegensatz zur Personensteuer, ist die Unternehmenssteuer hier extrem tief. Wenn man seine Mittel innerhalb einer Firmenstruktur behält, fährt man daher sehr gut.
Die Frage zielt natürlich auf die Probleme ab, die wir derzeit mit dem Bankgeheimnis haben. Hat die Schweiz im Ausland bereits ein Imageproblem?
Das Image der Schweiz in Skandinavien ist immer noch das eines friedvollen, produktiven, stabilen Landes. Allerdings hat es in den letzten paar Jahren schon ein paar Kratzer abbekommen. Die Schweiz war in der Vergangenheit in eine Reihe von suspekten Angelegenheiten verwickelt. verwickelt. Da hat schon ein Vertrauensverlust stattgefunden.
Sie sprechen in ihren Ausführugen immer wieder von der abnehmenden Wichtigkeit der Nationalstaaten. Sind unabhängige Einzelstaaten wie Norwegen und die Schweiz Teil einer aussterbenden Spezies?
Ja, das würde ich sagen. Und sie zahlen dafür einen ziemlich hohen Preis. Schauen Sie sich nur an, was mit der stolzen Swissair passiert ist. Einer der Hauptgründe, warum sie Konkurs gegangen ist, war jener, dass sie keiner Allianz beigetreten ist. Sie wollte selber eine Allianz gründen. Und das ist unmöglich. Das ist so, als würde man seine eigene Europäische Union gründen.
Also raten Sie der Schweiz zu einem EU-Beitritt?
Wenn die Schweiz nach dem schrittweisen Wegbrechen des Bankgeheimnisses keinen anderen nationalen Wettbewerbsvorteil findet, der ihr die Unabhängigkeit nachhaltig sichert, dann würde ich ihr das sehr ans Herz legen, ja. Eine Mitgliedschaft hat viele Vorteile.
Sie haben schon mehrfach gesagt, dass der Grund für die aktuelle Finanzkrise nicht der Kapitalismus ist. Was ist denn der Grund?
Kapitalismus selbst ist nicht ungesund. Das Problem ist folgendes: Immer wenn eine neue Technologie in die Gesellschaft eingeführt wird sei es das Mobiltelefon, sei es das Auto, sei es das Internet braucht die Gesetzgebung Zeit, um darauf zu reagieren. Als das Auto erfunden fuhren die Leute betrunken, sie fuhren kreuz und quer und viel zu schnell. Irgendwann braucht man Regeln. Genauso in der Finanzwelt: In den letzten Jahren wurden eine ganze Reihe von komplexen Finanzinstrumenten wie Collateralized Debt Obligations und andere Kreditderivate in den Markt eingeführt. Die Gesetzgebung konnte mit der Entwicklung der internationalen Finanzindustrie nicht Schritt halten.
Was können wir von der Krise lernen?
Wir können davon lernen, dass die Einführung von neuen Technologien egal in welchem Bereich immer Nebenwirkungen hat. Und wir müssen darauf gefasst sein. Die Atomkraftwerke haben Probleme geschaffen, das Auto hat unglaublich viele Probleme geschaffen, das Internet hat eine ganze Reihe von völlig neuen Problemen geschaffen. Alle diese Dinge haben uns dazu gezwungen neue Regeln und neue Gesetze aufzustellen und Kontrolle auszuüben.
Bald bringt Apple das iPad auf den Markt. Welches werden dessen Nebenwirkungen sein?
Ich freu mich schon sehr darauf. Aber eine neue Technologie stellt das iPad für mich nicht dar. Es ist eher eine Variation von etwas, das wir bislang schon kannten.
Die Verlagshäuser sind allerdings sehr besorgt, dass dieses Gerät viele Bücher und Zeitungen ersetzen wird.
Die sind schon lange besorgt. Angefangen hat das um 1995, als das Internet gross aufkam. Und wir haben schon damals verstanden, dass wir ab nun in der Lage sein werden, uns Text herunter zu laden und vom Bildschirm ablesen können. Damals hat die Bedrohung angefangen. Nun wird sie einfach realer und konkreter.
Was genau meinen Sie mit dem Begriff der "genuine uncertainty"?
Den Zustand, den uns die Natur vorgibt. Dass es viele Dinge gibt, die man schlicht nicht voraussagen kann, weil sie von so vielen Faktoren beeinflusst werden. Wird der iPad ein Erfolg werden? Wird das neue Handy von Nokia auch wirklich ein Kassenschlager? Ich habe keine Ahnung. Wir müssen uns daran gewöhnen, mehr nach dem Prinzip "trial and error" zu arbeiten. Es wird viel zu viel Zeit und Geld für die Planung aufgewendet. Niemand kann mit Hilfe irgendwelcher Studien wirklich voraussagen, was passieren wird. Man muss einfach ausprobieren.
Wäre es nicht ihre Aufgabe solche Voraussagen zu machen und daraus Empfehlungen abzuleiten?
Eine jener Empfehlungen lautet: Hört auf zu planen! Die meisten Leute, Firmen und Institutionen konzentrieren viel zu viele ihrer Bemühungen darauf, Dinge zu verstehen, die sie nicht verstehen können. Und wenn ich den Leuten dabei helfen kann, weniger Geld für unnütze Dinge auszugeben, dann ist das ja auch schon etwas wert.
Dr. Kjell A. Nordström wird am 27. April im Rahmen der publisuisse mediavision 2010 in Zürich referieren. Weitere Informationen unter publisuisse.ch. Das von Adrian Schräder geführte Interview ist der kurz vor Ostern erscheinenden April-Ausgabe der Zeitschrift "persönlich" entnommen.