Herr Biver, die Wirtschaftskrise macht auch vor der Uhrenindustrie nicht Halt. Wie stark ist Hublot davon betroffen?
Auch unser Haus spürt die Rezession, aber -- Holz anfassen -- die Auswirkungen kann man nicht als dramatisch bezeichnen. Im Vergleich zum Vorjahr, wo wir fast 40 Prozent über dem Jahr 2007 erreichen konnten, werden wir dieses Jahr dieses Wachstum nicht wiederholen können. Doch dies ist nicht so dramatisch, zumal wir ja im Jahr 2008 einen absoluten Rekord erreicht hatten. Uns ist es in den letzten Jahren sehr, sehr gut gegangen.
Wie muss man sich dies in Stückzahlen vorstellen?
Wir haben 2008 zwischen 26 000 und 27 000 Uhren verkauft. Auch wenn wir ein Minus von 10 oder 15 Prozent verbuchen müssen, handelt es sich nach wie vor um ein phänomenales Resultat. Man kann nun einmal nicht ständig Goldmedaillen holen. Der Schweizer Skirennfahrer Didier Cuche hat in Val dIsère sowohl eine Gold- als auch eine Silbermedaille geholt. 2008 war für uns ein Goldjahr, 2009 wird ein Silberjahr, Sie sehen, das ist wirklich keine Katastrophe (lacht).
Welches Marktsegment wollen Sie mit Hublot ansprechen?
Hublot ist eine unkonventionelle Marke, weil die Kunden Vertrauen in sich selbst haben müssen. Gleichzeitig sollten sie eine gewisse Erfahrung im Bereich Uhren mitbringen. Hublot ist sicherlich nicht die erste Uhr, die sich beispielsweise ein junger Unternehmer zulegt. Der Schritt ist zu gross, und deshalb ist es sinnvoll, sich erst einmal auf andere Uhrenmarken einzulassen, die einem auch die Zeit geben, die eigenen Gefühle zu entdecken. Die Marke Hublot kommt in jenem Moment ins Spiel, in welchem der Kunde das Bedürfnis verspürt, aus der klassischen Welt auszusteigen. Nehmen wir den Musiker Carlos Santana: Irgendwann verspürte er das Bedürfnis, neue Töne zu entwickeln und die elektronischen Gitarren hinter sich zu lassen. Dasselbe gilt für Miles Davis. Die Marke Hublot bewegt sich zwar in der Tradition, schaut aber auch über den Tellerrand hinaus.
Wie kommuniziert man dann die Botschaft, dass nicht jeder ein Hublot-Kunde sein kann?
(Lacht) Das ist wirklich nicht so einfach. Wir wollen jeden Kunden für unsere Marke begeistern, aber erst dann, wenn er reif dafür ist. Die Marke Hublot muss man verstehen.
Wie gehen Sie marketingtechnisch vor?
Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Meine Devise lautet immer, was mir gefällt, gefällt den andern auch. Ich denke nicht, dass man mit Marketing Kunden erziehen kann, vielmehr muss sich der Käufer individuell entwickeln. Ich bin Uhrenspezialist und leidenschaftlicher Uhrensammler, wobei ich mir eines schönen Tages gesagt habe: Es gibt sicher noch mehr Leute wie ich, und an jene möchte ich mich richten. Schliesslich kam der Fusionsgedanke ins Spiel. Wenn Sie täglich französische Gerichte mit Öl und Butter zu sich nehmen, möchten Sie bald ein anderes Menü bestellen. So wurde auch Fusion Food ins Leben gerufen, wobei man Elemente der asiatischen mit der übrigen Küche vermischt. Ich wollte wiederum nach den traditionellen Platin- und Golduhren eine Uhr konzipieren, die sich wie die Bremsen meines Porsches anfühlt. Mir lag viel daran, die Uhren der heutigen Technologie anzupassen und edle, traditionelle Materialien mit einem modernen Material der Zukunft zu kombinieren. Unser Big-Bang-Modell hat die Botschaft der Fusion zum Kult erhoben. Wir fusionieren sämtliche Materialien wie Karbon, Keramik, Magnesium, Gold und Kautschuk.
Sie haben mit Hublot-TV ein eigenes Internetfernsehen ...
Hublot-TV existiert bereits seit drei Jahren. Wer an Internet denkt, muss gleichzeitig an Fernsehen denken. Das ist der Clou. Für Hublot-TV benötigen wir einige Journalisten, die mit ihren kleinen Sony-Kameras weltweit unterwegs sind, Beiträge selbst schneiden und diese ins Internet stellen. Das ist ein Kinderspiel und keine grosse Investition, denn wir geben dafür ohne die Löhne 160 000 Franken pro Jahr aus. Das Internet sollte jedoch nicht die Kopie eines Katalogs sein und auch keine Kopie einer Zeitung. Wir müssen andere Elemente wie beispielsweise Film und Musik hervorheben. Wer das Internet und Fernsehen nicht miteinander in Einklang bringt, hat etwas nicht verstanden.
Welche Inhalte kommunizieren Sie in Ihrem Fernsehen?
Zu Beginn haben wir kulturelle Inhalte ins Zentrum gestellt, also beispielsweise eine Museumsausstellung in Winterthur oder Basel. Allerdings haben die Leute sich nicht sonderlich dafür interessiert, deshalb konzentrieren wir uns nun auf die Marke. Mittlerweile haben wir täglich 200 000 neue Besucher pro Tag. Die durchschnittliche Besucherzeit beträgt zwölf Minuten.
Marken wie Omega oder IWC greifen für ihre Testimonials mit Cindy Crawford und Boris Becker tief in die Tasche
und Hublot verzichtet darauf. Ich habe Cindy Crawford seinerzeit zu Omega gebracht und kenne beide Seiten dieses Geschäfts. Wenn man genügend Marketinggeld besitzt und ein Produkt im oberen Segment bekannt machen möchte, kann der Verkauf mit Hilfe von Persönlichkeiten angekurbelt werden. Kostet die günstigste Uhr aber 20 000 Franken und mehr, sprechen Sie auch Leute an, welche sagen: Weshalb soll ich diese Uhr kaufen, nur weil jemand anders dafür wirbt? Bei uns stehen die Technologie und die Glaubwürdigkeit im Vordergrund. Ich drehe es um und sage, die Persönlichkeiten kaufen Hublot. Wir sind beispielsweise Sponsor von Manchester United. Deren Star, Cristiano Ronaldo, meinte kürzlich, ich könne sein Gesicht ruhig für unsere Werbung benutzen. Aber das ist nicht mein Ziel. Wenn ich es täte, würde wohl kein Spieler eine Hublot-Uhr mehr kaufen wollen. Man würde sich fragen: Warum soll ich ein Exemplar kaufen, wenn Ronaldo die Uhr gratis bekommen hat?
Also bekommt niemand eine Hublot-Uhr umsonst?
Nein, auch der sympathische Ronaldo nicht. Ein Fussballer von Manchester United hat an einer Pressekonferenz gefragt: Bekommen wir nun alle eine Manchester-Uhr? Ich entgegnete nur: Ich hoffe, dass ihr alle sehr schnell zum Juwelier eilt, denn die Serie ist sehr limitiert. Wir dürfen prinzipiell keine Uhr verschenken und setzen nicht auf Testimonials -- mit wenigen Ausnahmen. Ich denke dabei an das Bild des Swiss-Piloten Yves Rossy alias Fusionman: Dabei handelt es sich um den Traum vom Fliegen, um Emotionen und Technologien. Aber auch ein Boot wie Luna Rossa erweckt Träume.
(Interview: Matthias Ackeret / Bild: Marc Wetli)
--> Das vollständige Interview ist in der März-Ausgabe von "persönlich blau" zu finden.