"Ich habe eine Schamgrenze"

- Die 33-jährige Ariane Sommer steht für Luxus, Erotik und Selbstvermarktung. Die Schauspielerin war das erste It-Girl und sorgte lange vor Paris Hilton für fette Schlagzeilen. Jetzt hat sich die Diplomatentochter nach Los Angeles zurückgezogen und schreibt Bücher, zuletzt "Foreign Affairs" (Weissbooks). "persönlich" hat sie in der Kronenhalle getroffen. Ein Gespräch über Eigenvermarktung, Glamour und Dekadenz. Das Interview:

Ariane Sommer, ganz banal gefragt: Was bedeutet Ihnen Luxus?

Luxus ist Qualität, nicht Quantität. Der grösste Luxus, den wir Menschen haben und mit dem wir sehr laisser-faire umgehen, ist Zeit. Alles ist endlich. Deswegen bedeutet Luxus für mich vor allem, mich auf die wesentlichen Dinge besinnen zu können. Zeit mit mir lieben Menschen zu verbringen, Zeit in der Natur zu verbringen. Zeit nicht sparen zu müssen, sondern bewusst zu erleben. Sie leben seit fünf Jahren in Los Angeles.

Ist das Leben in den USA wirklich so viel besser als das in Deutschland?

Besser kann man nicht sagen. Es gibt viele Dinge, die ich in L. A. vermisse. Zum Beispiel die Spuren der Geschichte, das Zeitlich-Verwobene. Die Gebäude in Europa stehen seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten. Sie sind Zeitzeugen, ihre Mauern erzählen Geschichten. Auch die Bar der Kronenhalle hier in Zürich könnte Bände sprechen. Hier traf sich schon früher die geistige Elite. Max Frisch ging ein und aus. Das gibt dem Lokal eine ganz besondere Ausstrahlung. Es macht den Ort wertvoll. Gerade in L. A. ist das ganz anders. Da wird das meiste frisch aus dem Boden gestampft. Dafür gefällt mir in den Staaten die lockere, unverkrampfte Art der Menschen besser. Sie ermuntern einen, seine Träume zu verwirklichen. In Deutschland raten alle davon ab. Sie sagen: "Das schaffst du nie, lass es bleiben!" Zu dieser negativen oder ängstlichen Haltung werden wir leider erzogen. Sie macht aus uns Angestellte, aber nicht Unternehmer. Ich versuche aus den unterschiedlichen Kulturen das Positive herauszunehmen.

Warum zogen Sie 2005 nach Amerika?

Der Liebe wegen! Aber ich halte es sowieso nicht lange am selben Ort aus. Mich zieht es immer wieder weiter. Diese Reiselustigkeit wurde mir in die Wiege gelegt. In einer Diplomatenfamilie gewöhnt man sich früh daran, alle drei bis vier Jahre in einem neuen Land, wenn nicht sogar auf einem neuen Kontinent zu wohnen. Ich bin zwar 1977 in Deutschland geboren, bereits nach acht Wochen zogen wir aber nach Sierra Leone in Westafrika. Danach lebten wir in Indien, Spanien und in den USA. Zwischendurch machten wir Halt in Deutschland. In Überlingen ging ich anschliessend auf das Internat Salem, nach dem Abitur studierte ich in Berlin Politikwissenschaften. Dann ging es weiter nach Paris, New York, London. Und seit fünf Jahren lebe ich nun in den USA.

Sie vermarkten sich als Gesamtkunstwerk. Was ist speziell an Ihnen?

Ich hoffe doch, dass Sie mich nicht als einen Picasso sehen? (Lacht). Das würde mich beleidigen. Dieser Herr hat die Frauen ja sehr gern entstellt! Dann wäre ich schon lieber ein van Gogh oder Vermeer.

Sie haben das geschafft, wovon alle träumen: Sie sind um Ihrer selbst willen berühmt …

In Berlin verschlug es mich nach meinem Studium unverhofft in eine kunterbunt gemischte Szene. Sie setzte sich zusammen aus Künstlern, aus Menschen aus dem Nachtleben, dem Film und der Werbung. Als Model war ich auf Partys ein gern gesehener Gast und bekam viele Aufträge. Das war die Zeit um 1995, als alle nach Berlin wollten, in die neue Hauptstadt Deutschlands. Jeder wollte wissen, was sich da mit welchen Leuten tut. Und die Journalisten brauchten für ihre Berlin- Geschichten Menschen; Leute mit überraschenden Facetten, die sich was trauten. Einer davon war ich.

Sie waren als It-Girl Paris Hilton eigentlich zehn Jahre voraus?

Ja, die hat alles kopiert, alles! Eigentlich müsste ich sie verklagen! (Lacht). Die bunte Presse vergleicht mich gern mit Paris Hilton. Es interessiert sie nicht, dass ich die Benimm- Bibel geschrieben habe, dass ich Kolumnen verfasse oder Sendungen moderiere. Sie macht mich am Glamour fest – und den habe ich anscheinend mit Paris Hilton gemeinsam. Doch auch Sie geizen nicht mit Ihren Reizen. Sie wurden bekannt durch den Satz: «Ich trage kein Höschen.» Nein, das habe ich nicht gesagt. Es stand höchstens so in der "Bild"-Zeitung… Das hat mich auch sehr erstaunt. Denn erstens habe ich es nicht gesagt. Zweitens, wenn es so wäre, wu¨rde ich es nicht der Presse stecken. So dumm und naiv bin ich nicht. Eine solche Provokation entspricht nicht meinem Stil.

Wo ist denn Ihre Grenze bei der Eigenvermarktung?

Ich habe eine Schamgrenze. Ein Teil meines Lebens ist privat, der geht keinen etwas an. Gerade diese Grenze vermisse ich heute aber bei vielen Stars. In Deutschland ist es nicht mehr besser als in den USA. Es gibt keine Sparte der Persönlichkeit, des Körpers, die nicht dargestellt wird. Das ist Wahnsinn. Krass. Dass ein gemeiner Fotograf Gwyneth Paltrow oder Keira Knightley von oben herab ins Kleid blitzt, das gibt es immer wieder. Aber die Leute aus dem Reality-Bereich kennen oft keine Tabus. Sie geben einfach alles preis. Sogar Persönlichkeiten, die bereits einen Namen haben (Schauspieler, Moderatoren), lassen sich irgendwann zu einem Reality-Format hinreissen. Solche Bilder und Geschichten in der Öffentlichkeit sind hart und schockieren mich.

War das vor acht Jahren noch anders?

Ja. In dieser Art gab es das nicht. Neu ist nicht nur, was die Stars von sich geben. Neu ist auch, wie ihre Aussagen von den Medien kolportiert werden. Mir fällt vor Staunen oft die Kinnlade herunter. Es ist eine bedenkliche Entwicklung.

Was hat Sie in letzter Zeit konkret schockiert?

Mich schockiert, wie Leute private Abgründe breitwalzen. Ich finde es gut, wenn Menschen über ihre Krankheiten sprechen. Wenn sie zeigen, wie sie dagegen kämpfen, und so anderen Mut machen. Es widert mich aber an, wenn Stars im Detail über ihre Darmspiegelung reden oder ihre Geschlechtskrankheit ausführlich beschreiben. Verwerflich finde ich auch öffentliche Scheidungs- und Trennungsschlachten. Da wird mit Intimem um sich geschleudert, dass es nicht mehr lustig ist. Ein aktuelles Beispiel sind die Eheprobleme von Tiger Woods. Wobei man hier anmerken muss, dass der Golfprofi nie mit seinem Privatleben hausieren gegangen ist. Trotzdem geht seine Geschichte nun schonungslos und detailliert um die ganze Welt. Das finde ich schlimm, vor allem für seine Frau und Kinder.

Sie wurden dank der Medien ein Star. Wie haben sich die Medien verändert?

Es ist auch heute noch ein Spiel zwischen dem Star und den Medien. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn es richtig gespielt wird, macht es Spass. Heute hat sich der Druck auf die Journalisten durch das Internet und die Blogs stark erhöht. Es reicht nicht mehr, wenn man das Neuste am nächsten Tag liefern kann. Die Journalisten müssen mit ihren News rund um die Uhr an die Öffentlichkeit gehen, sonst kommt ihnen ein anderer zuvor. Die Konkurrenz ist heute also noch stärker. Und deshalb wird mit noch schärferen Methoden gearbeitet. Der Druck ist nicht nur für die Stars grösser geworden, sondern eben auch für die Berichterstatter. Fairness und Wahrheitstreue rücken in den Hintergrund.

Welches ist das Härteste, was Sie persönlich erlebt haben?

Ich ging nach der Trennung von meinem Mann 2002 nach London. Bis dahin kannte man mich vom roten Teppich her oder von meinen Moderationen. Über mein Privates gab es nur wenige Informationen. Da trennte ich mich von meinem Mann, und plötzlich fand ich mich auf der Titelseite von "Bild" wieder. Das war natürlich ein Schock und gleichzeitig auch überraschend, dass die Trennung die Leute überhaupt interessierte. Ab diesem Moment standen gelegentlich Paparazzi oder Journalisten vor meiner Haustür. Sogar Leute, die von grossen Verlagen geschickt wurden, tauchten unangemeldet in London auf. Das war aber alles. Zum Glück. Die grossen Stars in den USA können ja keinen Schritt mehr vor die Tür machen; überall lauern Paparazzi. Sie bezahlen für den Ruhm einen hohen Preis.

Sie beklagen sich, dass die Trennung Ihrer Ehe in der Öffentlichkeit abgefeiert wurde …

Nein, ich beklage mich nicht. Aber es war für mich ein Zeichen dafür, dass ich mich ein wenig aus der Öffentlichkeit zurückziehen sollte und musste. Deshalb zog ich von Deutschland nach England.

"Foreign Affairs" heisst Ihr Buch, das Sie zusammen mit der Autorin Esma A. Dil geschrieben haben. In den Kurzgeschichten schildern Sie moderne, karrierebewusste Frauen. Ihre Heldinnen könnten auch Ariane Sommer selbst sein. Wie viel davon ist autobiografisch?

80 Prozent aus "Foreign Afffairs" ist Fiktion. Aus der eigenen Erfahrung stammen nur 20 Prozent. Das darf man also nicht so eng sehen. Das Persönliche spiegelt sich in emotionalen Erfahrungen wider, die ich in die Kurzgeschichten eingebaut habe. Dabei versuchte ich wahrhaftig zu sein.

Sie beschreiben eine dekadente Welt. Ist sie wirklich so dekadent?

Ich glaube, die Realität ist viel dekadenter, als man sie sich vorstellen kann. Nicht nur im materiellen Überfluss im Sinne von Diamanten, Champagner und Haititai. Die wirkliche Dekadenz ist auch und vor allem da, wo es keinen Respekt mehr gibt für Menschen.

Wo zeigt sich das?

Im Zusammenbruch unserer Wirtschaft vor einem Jahr. Kollabiert ist sie, weil wir Menschen eine Todsünde begingen: Wir waren gierig, alle, der kleine Konsument genauso wie der grosse Anleger und Spekulant. Zusammen haben wir die Wirtschaft fast zu Tode geritten. Der Respekt fehlt aber auch in der Politik. Wir lassen beispielsweise einen Krieg zu, dessen wirklichen Grund wir nicht einmal kennen und an dem Leute Milliarden verdienen. Auch unser Konsumverhalten, wie zum Beispiel jeden Tag Fleisch möglichst billig auf dem Teller haben zu wollen, ist dekadent. Durch die Massentierwirtschaft entsteht nicht nur massenhaft Leid für Tiere, sondern es kommt zu gesundheitlichen Problemen bei Menschen und massiven Umweltproblemen, deren Auswirkungen unsere Kinder und Kindeskinder werden ausbaden müssen. Diese Dekadenz des "ist doch egal" ist gefährlicher als die "Goodlife"-Dekadenz.

(Interview: Matthias Ackeret)

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen März-Ausgabe von "persoenlich".