"Ich stehe für die deutschen Nationalfarben und bin schwarz-rot-gold!"

Reiner Calmund - Er ist runder als der Ball und prominenter als Miss Schweiz: Jahrelang war Reiner "Calli" Calmund einer der erfolgreichsten Fussballfunktionäre Deutschlands. Seit seinem Rücktritt vermarktet er sich clever selbst, wirkt als Werbefigur und hetzt von Fernsehshow zu Fernsehshow. "Ich bin die Flipperkugel, die von Termin zu Termin titscht", sagt Calli in gewohnt launiger Art und entzaubert im Gespräch mit "persoenlich.com" Merchandising als "Märchendising". Zum Interview:

Herr Calmund, Sie sind ausgewiesener Fussballexperte und waren langjähriger erfolgreicher Geschäftsführer des Bundesligaklubs Bayer 04 Leverkusen. Wie würden Sie Ihre derzeitigen Tätigkeiten umschreiben?

Die Tageszeitung "Die Welt" beschrieb mich mal als "Rentner mit 13 Jobs". Damit kommt man heute wohl nicht mehr hin. Ich bin die Flipperkugel, die meine Frau aus dem Büro abschiesst und die dann von Termin zu Termin titscht. Vorträge, PR-Termine, Kolumnist des Kölner "Express", TV-Auftritte als Fussball-Experte und Geniesser beim "Kochduell" und, und, und. Aber bei allem bleibt der Fussball mein Mittelpunkt.

Seit ihrem Weggang bei Leverkusen pflegen Sie die Marke Calmund intensiv. Sie sind in zahlreichen TV-Formaten und Werbespots erschienen. Wofür steht die Marke?

Authentizität, Ehrlichkeit, Leidenschaft, Kompetenz – - das sind Werte, die ich vermitteln möchte, die ich auch vorleben will. Genauso wie Toleranz und Humor.

Was würden Sie nicht tun?

Mich vor einen Partei-Karren spannen lassen. Ich habe immer Personen gewählt, nie Programme. Helmut Schmidt bekam meine Stimme ebenso wie Kohl, später Schröder. Zuletzt Merkel. Ich bin nicht schwarz, rot oder grün. Ich stehe für die deutschen Nationalfarben und bin schwarz-rot-gold!

Das Fussballgeschäft nimmt immer grössere Marketingdimensionen an. Sahen Sie sich als Fussballfunktionär auch der Unterhaltungsbranche verpflichtet?

Natürlich ist man Teil einer Unterhaltungsbranche, wenn man der breiten Öffentlichkeit etwas verkaufen will und auch noch will, dass die Öffentlichkeit immer breiter wird. Da muss man schon mal auf die ganz dicke Trommel hauen. Die Fussball-Bundesliga ist ein absolutes Premium-Produkt – mehr als 35 Millionen Menschen in Deutschland interessieren sich für Fussball, die Spiele werden in 200 Länder weltweit übertragen. Nach Kumulierung der Einschaltquoten haben erfolgreiche Sendungen wie "Wer wird Millionär" mit Günther Jauch, "Wetten, dass?" mit Thomas Gottschalk oder "Germany´s Next Topmodel" mit Heidi Klum einfach keine Chance. In den deutschen Stadien sehen sich im Durchschnitt 41'000 Menschen die Spiele live an; 7 Millionen Menschen sind Fussballvereins-Mitglieder in Deutschland.

Viele Fussballer kassieren heute Unsummen. Geld, das die Vereine mit dem Verkauf von Trikots und anderen Merchandising-Artikeln wieder reinzuholen versuchen. Ist da Ihrer Meinung nach ein Limit erreicht?

Grundsätzlich schon. Aber ein Superstar wird immer neue Rekorde im Verkauf dieser Dinge aufstellen. Wie Ribéry, Robben, oder auch Schweinsteiger, Lahm, Müller und Company. Selbst der verletzte Michael Ballack hat noch viele sehr hochdotierte Werbeverträge.

 

(Bild: Flipperkugel Calmund, bekannt im gesamten deutschsprachigen Raum)

 

Wie stark muss man als Fussballmanager heute den Marketingwert und die Absatzzahlen solcher Nebenprodukte wie eben Trikots im Auge behalten? Wählt man Spieler auch auf Grund solcher Faktoren aus?

Nein, das geht nicht. Es dürfen in erster Linie nur sportliche Faktoren zählen, du gehst unter Garantie baden, wenn du die Mannschaft nach solchen Kriterien zusammenstellst. Real hat das ja mal versucht und ist glorreich gescheitert. Was den Wert der Sparte Merchandising angeht, würde ich das nicht zu hoch ansetzen. Manche Leute sprechen sogar von "Märchendising".

Am Freitag referieren Sie am Rusch-Kongress in Aarau. Worüber?

Über Kompetenz und Leidenschaft. Und über einen interessanten Vergleich zwischen Spitzenfussball und Wirtschaft.

Sie sind bei mehreren Vereinen in beratender Funktion tätig. Für welchen Klub schlägt Ihr Herz derzeit?

Natürlich für Bayer Leverkusen. Diesen Verein habe ich mit gross gemacht, das legt man nicht ab wie einen alten Mantel. Mein zweitliebster Klub heisst "Deutschland". Ich bin ein grosser Fan der Nationalmannschaft, mit allem, was dazu gehört: Jubeln, schimpfen, trauern, freuen.

Haben Sie einen Tipp für den FC Aarau oder den Schweizer Fussball wie er noch attraktiver werden kann?

Viele Fussballnationen schauen respektvoll in die Schweiz, denn das Nationalteam hat an den letzten Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, was viele grosse Fussballnationen nicht von sich behaupten können. Mit einem Quäntchen mehr Glück und weniger Verletzten hätte man noch besser abschneiden können. Der Schweizer Fussballverband generiert tollen Nachwuchs. Hinter Jungstars wie Darko Jevtic ist halb Europa her. Und Trainer wie Hitzfeld, Gross, Koller & Co. sprechen eine deutliche Sprache.

Verfolgen Sie überhaupt das Fussballgeschehen in der Schweiz?

Natürlich. Mein guter Freund Thorsten Fink ist Trainer des amtierenden Meisters FC Basel. Ilja Kaenzig, mein ehemaliger Assistent bei Bayer 04 Leverkusen, ist heute General Manager des amtierenden Vizemeisters Young Boys Bern. Gute Exportschlager wie Barnetta, Derdiyok (beide Bayer 04 Leverkusen), Begnalio (Wolfsburg) und Inler (Udinese) sind Top-Spieler und stehen für den Schweizer Fussball.

Wenn man Sie im Fernsehen sieht, wirken Sie heute meist sehr entspannt. Wie ein Genussmensch. Jemand, der seine Geschäfte gerne mal bei einem Bierchen oder einem guten Essen abwickelt. Entspricht das der Realität?

Das mit dem Essen stimmt. Das sieht man ja auch. Alkohol spielt keine Rolle. Ab und zu ein Gläschen Wein, mit Kumpels mal ein Bier. Ansonsten bleibe ich bei Wasser – vor allen Dingen, wenn es um Geschäfte geht.

 

(Interview: Adrian Schräder. Der Rusch-Kongress findet am 1. & 2. Oktober in Aarau statt)