Frau Ruoff, der «SonntagsBlick» hat Sie als «halbe Bundesrätin» bezeichnet. Hat Sie diese Bezeichnung gefreut oder geärgert?
Es gab in der jüngeren Schweizer Geschichte bereits «halbe Bundesräte».
(Lacht.) Titel können schnell ändern. Die gleiche Zeitung bezeichnete mich einige Wochen zuvor als die Wirtschaftsfrau, die mit den grössten Herausforderungen zu kämpfen habe. Sie sehen, ein Titel ist mal so, mal anders. Ich habe nur ein Ziel, und das ist, die Post weiterzubringen und die Kundenbedürfnisse optimal zu erfüllen.
Das tönt wie aus einem Werbespot.
Deswegen muss es nicht falsch sein. Die Post befindet sich momentan in einem enormen Spannungsfeld. Ein bisschen überspitzt formuliert: Jede und jeder der acht Millionen Schweizerinnen und Schweizer hat das Gefühl, dass er alleiniger Eigentümer der Post sei. Das ist schön. Andererseits haben wir ganz klare Vorgaben, die durch das Gesetz und den Bundesrat vorgegeben sind.
Welches ist für Sie die grösste Herausforderung?
Aufgrund ihres gesetzlichen Auftrages muss die Post die Grundversorgung gewährleisten und auch selber finanzieren. Viele Bürgerinnen und Bürger haben den Eindruck, dass diese TopGrundversorgung vom Staat finanziell unterstützt wird. Dies ist falsch. Zudem haben sich aufgrund der veränderten Lebensgewohnheiten auch die Erwartungen an die Post stark verändert. Das erfordert neue und ergänzende Serviceleistungen. Neues wird getestet und eingeführt, kaum Nachgefragtes verschwindet zwangsläufig Schritt für Schritt. Die richtige Balance zwischen dem Alten und dem Neuen zu finden, stellt für uns die grösste Herausforderung dar.
Was ist das Alte?
Einige Schweizer können sich ihr Dorf ohne
eigene traditionelle Poststelle gar nicht vorstellen. Doch genau diese Post im Dorf wird
immer weniger genutzt: Wir sind heute
mehrheitlich mobil und digital unterwegs,
arbeiten und kaufen auswärts ein, verbringen die Freizeit allenfalls im Regionszentrum und verbinden diese Ortsunabhängigkeit auch mit dem Postbesuch. Dies stellt für
uns eine enorme Herausforderung dar, analog zum Dorfbäcker, metzger oder gar restaurant. Deswegen spannen wir, wenn immer
möglich, vor Ort auch mit Partnern zusammen. Wir bündeln die Leistungen unter einem gemeinsamen Dach, stützen so den Dorfladen als KMU und bieten den Kunden verlängerte Öffnungszeiten: Für alle Beteiligten eine WinwinSituation für Dorfladen, Gemeinde, Bevölkerung und Post.
Wo steht die Schweizer Post in fünf Jahren?
Wir haben in der Schweiz über vier Millionen Haushalte mit Briefkästen, die wir auch in fünf Jahren bedienen werden. Unsere Gesellschaft wird aber immer mobiler und digitaler, unsere Kundinnen und Kunden verlangen vermehrt flexible und zeitunabhängige Dienstleistungen – 7 Tage, 24 Stunden –, jederzeit und überall. Die Post ist da in den vergangenen Jahren stark in die Offensive gegangen und ist bereits erfolgreich mit digital angereicherten Dienstleistungen unterwegs. In fünf Jahren wird diese Digitalisierung noch sichtbarer sein. Was sich am augenfälligsten verändern wird, ist die Poststelle. Diese befindet sich in Zukunft vielfach nicht mehr in einem eigenen Gebäude, sondern in einer Bäckerei, einer VolgFiliale oder einer Tankstelle. Es wird noch mehr MyPost24Automaten geben, in denen man täglich rund um die Uhr an Orten mit hohen Kundenfrequenzen seine Pakete und eingeschriebenen Briefe abholen und aufgeben kann. Wir müssen in fünf Jahren folgerichtig noch viel mehr neue, flexible Kundenzugangspunkte haben und sichtbar digitaler sein.
Nun verlangt die Pro-Service-public-Initiative, dass die bundesnahen Betriebe wie Swiss- com, Post und SBB nicht mehr nach Gewin- nen streben, auf die Quersubventionierung anderer Organisationsbereichen verzichten und keine fiskalischen Interessen verfolgen. Warum können Sie dies nicht unterschreiben?
Diese Initiative dreht das Rad der Zeit zurück. Sie sagt pro, ist aber in Wirklichkeit kontra Service public. Die Initianten wollen denjenigen Unternehmen, die heute Gewinne erzielen, um ihre Infrastruktur aufrechtzuerhalten und den veränderten Bedürfnissen anzupassen, den Geldhahn zudrehen. Damit könnten wir nicht mehr wie im letzten Jahr 450 Millionen Franken in den Erhalt und in die Erneuerung der bestehenden Infrastruktur und in innovative neue Dienstleistungen investieren. Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung.
Warum?
Die Post kann sich momentan selber finanzieren, belastet also den Staat und die Steuerzahler überhaupt nicht. Warum soll man dies infrage stellen? Eine Annahme der Initiative würde dieses Modell und somit auch unsere gut ausgebaute Infrastruktur gefährden. Wir kennen Länder, in denen die Post die Ausübung der Grundversorgung nicht mehr garantieren kann und der Staat zu wenig Geld hat, um diese finanziell zu stützen. Ich verstehe den Sinn dieser Initiative nicht und möchte nicht dereinst als kränkelndes Unternehmen am Staatstropf hängen. Wir haben von den Regulatoren für die Ausübung unseres Auftrags der eigenfinanzierten Grundversorgung nur Bestnoten bekommen. Was will man da noch mehr?
Wie würden Sie dann den Service public definieren?
Ich finde, der Begriff Service public muss klar definiert sein, sonst hat jeder eine andere Er wartung daran. Klärender ist der Begriff Grundversorgung, der ist für die Post ganz klar definiert: im Postgesetz, in der Postverordnung und in den Bundesratszielen für die Post. Das schwammige Wort Service public hingegen verspricht jedem alles und doch nichts. Geht es aber um die Bezahlung der gewünschten Leistung, sieht es ganz anders aus.
Sie gelten als sehr innovativ. Neu gibt es auch Überlegungen, für den Paketversand Drohnen einzusetzen. Wie realistisch ist dies?
Einsatztests mit Drohnen zu unterschiedlichsten Zwecken gibt es weltweit. Für mich ist es unerlässlich, dass wir als Unternehmen bei solchen Testversuchen dabei sind. Dies gilt nicht nur für die Drohnen, sondern auch für weitere zukunftsgerichtete Transportmöglichkeiten, wie etwa das autonome Postauto. In der Altstadt von Sitten testen wir zurzeit mit Partnern eine kleine Navette mit acht Sitzplätzen, die später zu Testzwecken ohne Chauffeur in der Innenstadt eingesetzt wird. Ob dies am Schluss zu einer Alltagslösung wird, ist offen. Das werden die Tests und die Weiterentwicklung von Transportmitteln – ob Drohne oder autonome Postautos – dereinst zeigen.
Die Schweizer Post will – so hört man – verstärkt mit Amazon zusammenarbeiten, sobald dieses Unternehmen in der Schweiz eine eigene Basis erstellt.
Wir arbeiten bereits heute mit Amazon, aber auch mit anderen Firmen zusammen. Für uns ist die Coopetition wichtig. Manchmal ist man Partner, manchmal Kunde, manchmal Konkurrent. Diese Rollen ändern ständig. Seit dem vergangenen September betreiben wir beispielsweise als Pilot in Zürich zusammen mit den SBB und der Migros den SpeedyShop. Dabei handelt es sich um eine ECommercePlattform für Onlineeinkäufe. Sie suchen online aus, was Sie brauchen, bestellen direkt im Onlineshop und bezahlen mit Ihrer Kreditkarte oder PostFinance Card. Nach dreissig Minuten ist Ihre Bestellung abholbereit. Und zwar genau dort, wo Sie ankommen oder abreisen: zurzeit als Test im Zürcher Hauptbahnhof in einem Abholfach des MyPost24Automaten, das sich nur für Sie öffnet. Als Schlüssel erhalten Sie einen QRCode per EMail oder SMS. Damit gewinnt man Zeit und kann seine Einkäufe bereits bequem im Zug organisieren und dann bei der Ankunft am Bahnhof in Empfang nehmen. Unser Credo sind Einfachheit und Mehrwert für den Kunden.
Ist es für einen Staatsbetrieb kein Problem,
wenn er mit einem ausgewählten Partner, in
diesem Fall der Migros, zusammenarbeitet?
Es steht uns doch frei, mit wem wir zusammenarbeiten. Twint, die erste integrierte Zahl und ShoppingApp, haben wir mit PostFinance bei Coop lanciert; viele der über siebenhundert Postagenturen haben wir mit Volg realisiert. Wir sind keine Verwaltungsabteilung des Staates, sondern ein Unternehmen, deren Aktien zu hundert Prozent im Besitz des Staates sind. Es war meine erste Aufgabe als Postchefin, die Schweizerische Post von einer Anstalt des öffentlichen Rechts in eine spezialgesetzliche Aktiengesellschaft zu überführen.
Gibt es Bestrebungen, die Post zu privatisieren?
Laut dem Postgesetz von 2012 besteht die Möglichkeit, die Post teilzuprivatisieren und 49 Prozent der Aktien an die Börse zu bringen. Es sind der Eigner Bund und die Politik, die darüber entscheiden, nicht die Post. Momentan gibt es keine solchen Bestrebungen.
Gibt es Länder, die bereits den digitalen Pöstler haben?
Dänemark ist in diesem Bereich weiter, der Staat war da punkto EGovernement fordernder. In der Schweiz ist aufgrund des Föderalismus alles ein bisschen komplexer.
Sie sind eine der wenigen Frauen in einer Spitzenposition. Haben Sie dies als Vor- oder Nachteil empfunden?
Weder noch. Ich habe in den letzten dreissig Jahren immer wieder Spitzenpositionen innegehabt, doch dies habe ich nicht meinem Geschlecht, sondern meiner Kompetenz zu verdanken. Selbstverständlich wünschte ich mir mehr Frauen als Führungskräfte. Gleichzeitig weiss ich auch, dass diese Forderung in der Realität nicht so einfach zu erfüllen ist.
Wie beurteilen Sie die Stimmungslage vor der Service-public-Abstimmung?
Der Bundesrat und das Parlament haben sich einstimmig gegen die Initiative ausgesprochen. Auch die Gewerkschaften unterstützen unsere Anliegen. Aber trotzdem sollte man nicht den Fehler machen und die Initiative unterschätzen. Die RTVGAbstimmung hat gezeigt, dass die Bevölkerung manchmal ganz anders denkt als die politischen Kreise. Wichtig ist für mich, dass die Argumente ganz klar auf den Tisch gelegt werden. Dabei darf man sich vom Titel der Ini tiative nicht täuschen lassen, es handelt sich um eine Initiative, die die Grundversorgung in der Schweiz schwächen wird. Keine Poststelle wird wegen der Initiative erhalten bleiben.
Vor einigen Tagen wurde einer Ihrer Vor- gänger als Post-Chef, Jean-Noël Rey,
in Afrika ermordet. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Ich erinnere mich an viele gute Begegnungen mit interessanten und angeregten Gesprächen, sei es an unseren Wohnorten in Nachbarsgemeinden, an den Walliser Combats des reines oder an Veranstaltungen der Chambre FranceSuisse pour le commerce et l’industrie (Handelskammer Frankreich Schweiz). Sein gewaltsamer Tod hat mich bestürzt, tief betroffen und traurig gemacht.
Bild: Marc Wetli
Das vollständige Interview gibt es in der aktuellen Ausgabe des «persönlich» zu lesen.