Kommt die neue Bescheidenheit?

23. GfM-Trend-Tagung - Heisst der neue Trend "teilen und bescheidener werden"? Vor über 550 Teilnehmern hat David Bosshart, Direktor der Gottlieb-Duttweiler-Instituts, am Mittwoch an der 23. GfM-Trend-Tagung im Zürcher Kongresshaus "The Age of Less" prophezeit und "weniger ist mehr" gepredigt. Hat der Wachstumswahn wirklich seinen Zenit erreicht? Werden wir in der Zukunft vermehrt teilen und weniger konsumieren? persoenlich.com hat in den Kaffeepausen bei führenden Schweizer Marketingexperten nachgefragt, ob wir wirklich an unseren Grenzen angestossen sind. Das Resultat ist nicht eindeutig.

Auch dieses Jahr war die GfM-Trendtagung ein überzeugender Erfolg. Während rund acht Stunden drehte sich im Zürcher Kongresshaus alles um das Thema Marketing. Neben dem Lausanner Marketingprofessor Stefan Michel, der Geschäftsführerin der Kultmarke “Freitag”, Monika Walser, der Head of Marketing & Sales Residential bei Swisscom, Alexandra Reich und der Leiterin Personenverkehr der SBB, Jeaninne Pilloud, referierte auch der Luzerner Unternehmer und Bestsellerautor Rolf Dobelli über Denkfehler. Auf besonderes Interesse stiess der Vortrag von David Bosshart, Direktor des Gottlieb Duttweiler Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (GDI) , welches "The Age of Less" ankündete. 

"Wachstum war einst die Lösung, doch heute wird Wachstum zum Problem", so Bosshart. "Wir werden künftig weniger konsumieren. Und wir werden weniger besitzen, aber mehr teilen". In seinem Vortrag sprach er von Systemen, die immer weiter wachsen und dabei komplexer werden, jedoch bei einem bestimmten Punkt ein Komplexitätslevel erreichen, an dem Wachstum und Komplexität keinen zusätzlichen Gewinn mehr bringen. Daher müsse man sich fragen, in welchen Bereichen man diesen Punkt bereits erreicht habe. Als Lösungsansätze für die Zukunft sieht er etwa energieeffiziente Infrastruktur, finanzielle Disziplin oder bewussten Konsum. Doch was denken die Schweizer Profis? Sind wir wirklich auf dem Weg zu einer neuen Bescheidenheit? persoenlich.com hat bei führenden Marketing- und Kommunikationsexperten nachgefragt.

 

Dominique von Matt, CEO Jung von Matt/Limmat

"Ich kann absolut bestätigen, dass wir uns im Trend zu "weniger ist mehr" befinden. Es gibt viele Studien die zeigen, dass vor einigen Jahren der Preis das zentrale Argument war, heute dagegen die Qualität wieder im Vordergrund steht. Wenn Leute etwas kaufen, überlegen sie viel genauer wie lange sie ein Produkt nutzen können, was dieses Produkt für sie bedeutet, wie nachhaltig es produziert ist und wie sie es wieder entsorgen können. Diese Gedanken haben sich die Konsumenten früher viel weniger gemacht. So stellten wir auch fest, dass das Thema Nachhaltigkeit in Werbekampagnen wichtiger wurde. Erstaunlich ist: Dieser Trend zu ökologischen Produkten wurde früher auf dem Schafott der Rezession immer unmittelbar geopfert. Jetzt, bei der letzten Rezession, ging der Verkauf von Bio-Lebensmitteln überhaupt nicht zurück! Das heisst, es handelt sich hier nicht nur um einen Trend, sondern um eine eigentliche Strukturveränderung. Ich stelle ein Umdenken bei den Unternehmen fest, denn viele Kunden stellen auch Forderungen: Sie fordern von uns als Kommunikationsagentur ökologisch adäquates Handeln ein. Den Trend "weniger ist mehr" leben wir schon lange, denn wir sagen: Alles zwingt uns zu Qualität, nichts zwingt uns zu Grösse."

 

Jan Remmert, Leiter Marketing Schweizerische Post, Mitglied der Geschäftsleitung

"Ich spüre den Trend zu "weniger ist mehr" ganz klar, auch bei mir selber. Spontankäufe mache ich gar keine mehr, denn ich habe keine Zeit dafür. Lieber investiere ich meine knappe Zeit in Dinge, die mehr sind als Konsum. Dass die Grenze des Konsums erreicht ist, spüre ich auch im Arbeitsleben. Geschäftlich betrifft mich diese Tendenz insofern, als dass auch wir bei der Post nicht unendlich wachsen können - ich denke da an den Paket- oder Briefbereich. Ein Wachstum, wie wir es in den 80er- oder 90er-Jahren erlebt haben, wird nicht in diesem Ausmass zurück kommen. Auch die Infrastruktur ist an der Grenze der Erträglichkeit, in anderen Bereich wird sich Ähnliches zeigen. Aus meiner Sicht ist das Einzige, was knapp bleibt und immer knapper wird, die Zeit. Diese wenig vorhandene Zeit qualitativ gut zu bedienen, ist die grosse Herausforderung. Wenn ein Unternehmen das gut schafft, wird die höhere Zahlungsbereitschaft für Dienstleistungen durchaus da sein."

 

Christoph Bürge, Werber

"Der Trend zu "The Age of Less" ist nur die Konsequenz aus einem anderen Trend, dem Trend zum bewussten Konsum. Wenn diese neue Bewusstheit folglich auch weniger bedeutet, ist das gut. Doch in vielen Lebensbereichen wird einfach bewusster konsumiert, das wird zum Beispiel beim Essen deutlich. Den Menschen ist es wichtig zu wissen, woher das Tier kommt, das sie essen. Die Konsumenten wollen über Transportwege informiert sein und sie wollen die Motivation des Bauern, der ein Tier züchtet, kennen."

 

Friedrich Bettschart, CFO KYC Spider Zug

"Ich kann keinen klaren Trend zu "weniger ist mehr" erkennen. Wir von KYC Spider verkaufen Software- und Contentprodukte, die Kunden-Daten liefern, an Banken, Versicherungen oder Spielcasinos. Dabei erlebe ich es, dass zum einen gewisse Kunden immer mehr und umfangreichere Daten wünschen. Zum anderen gibt es Kunden, die tatsächlich immer weniger, jedoch relevante Daten wollen."

 

Maili Wolf, Inhaberin Wolf Consulting

"Das traditionelle Mediengeschäft ist vorbei, doch der Digitalbereich wird weiter wachsen. Ich selber überlege mich manchmal auch, muss ich mir jetzt tatsächlich neue Kleider oder ein neues Auto kaufen und ich mache mir Gedanken, wie ich Gebrauchtes entsorgen kann, sodass es weiterhin einen guten Zweck erfüllt. Die Grenzen des Wachstums sind nicht erreicht, doch es geht jetzt einfach langsamer aufwärts. Der Wachstumsglaube ist gebrochen, das spüre ich schon auch."

 

Nadine Borter, Inhaberin und Geschäftsführerin von Contexta

"Das Bewusstsein um "weniger ist mehr" ist definitiv ein Trend und nicht nur heisse Luft. Dies zeigt mir die Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Es ist eine Herausforderung als Unternehmen, für diese Themen bereit zu sein. Für mich geht die Tendenz jedoch nicht nur in Richtung "weniger Konsum", sondern ich sehe, dass die Leute anders konsumieren - viel flexibler. Ein Beispiel ist die Musikindustrie: Die Leute wollen immer Zugang zu Musik haben, die neuen technischen Möglichkeiten erzeugten solche Bedürfnisse. Generell muss man bedenken, dass dieses Bedürfnis von "weniger ist mehr" eine Art Luxus ist, denn es geht eigentlich um die Frage, ob man sich eine solche Haltung - also bewussten Konsum statt Masse - überhaupt leisten kann."

 

Umfrage und Bilder: Edith Hollenstein
Titelbild: Keystone