Herr Wohlgensinger, die Autoindustrie betreibe mit ihrer Werbung PS-Verherrlichung, findet Verkehrsminister Moritz Leuenberger. Ist ein Umdenken von Nöten?
Nein, das glaube ich nicht. Die PS-Stärke ist bestimmt eines der Verkaufargumente. Sie ist damit Teil der Werbung und gehört zur Information. Wichtig ist, dass die Stärke eines Wagens nicht marktschreierisch kommuniziert wird. In Einzelfällen mag dies allerdings im Zentrum der Werbung stehen.
Trägt die Branche Ihres Erachtens eine Mitverantwortung am Raserproblem?
Nein. das Auto ist nicht die Ursache, sondern das Mittel. Die Ursache des Problems muss man an einem anderen Ort suchen: Nämlich beim Menschen, der das Auto fährt. Es gibt über 4 Millionen Autofahrer in der Schweiz, ein winziger Teil davon gehört zur Gruppe der Raser. Man kann Autohersteller doch nicht verdammen, nur weil einzelne Fahrer nicht mit dem Instrument Auto umgehen können.
Trotzdem: "Man ist wieder Mann", heisst es etwa in einer aktuellen Peugeot-Kampagne. Trägt solch machohafte Werbung nicht zu eben dieser Verherrlichung bei, von der Leuenberger spricht?
Diese Werbung ist doch sehr subtil. Ich sehe da keinen Zusammenhang.
Weshalb werden in der Werbung für Autos mehrheitlich Werte kommuniziert, die vor allem Männer ansprechen? Ein Drittel der Frauen fährt doch auch Autos.
Da müssen Sie die Werber fragen, so ganz kann ich mir das auch nicht erklären. In unserer Branche gilt aber, dass Frauen in der Rolle der Autokundin nicht als Frau behandelt werden wollen, sondern einfach als gleichwertig zum Mann.
Wie könnte Ihre Branche -- in kommunikativer Hinsicht -- dazu beitragen, dass das Rasen "moralisch stärker geächtet wird", wie dies Leuenberger fordert?
Die Ächtung muss vom Umfeld dieser Leute ausgehen. Sie kann nicht auf Distanz stattfinden, sondern nur im Freundes- und Bekanntenkreis. Herr Leuenberger und wir ächten die Raser schon seit langem. Das Problem aber ist, dass diese Leute das nicht beeindruckt. Es gab eine Kampagne des TCS, in der mit Kreuzen drastisch auf die Folgen des Rasens hingewiesen wurde. Ob die Kampagne allerdings erfolgreich war, kann ich nicht beurteilen. Ich hatte den Eindruck, dass die Kampagne diese Leute eher ansprach.
Eine kürzlich erschienenen Studie, in der Anzeigen des Stern und des Spiegel analysiert wurden, kommt zum Schluss, dass die grossen Autobauer immer noch vor allem für umweltschädliche PkWs werben. Lassen sich denn durch das Hervorstreichen des sparsamen Verbrauchs keine Autos verkaufen?
Ich wage zu behaupten, dass diese Studie auf dem einen Auge blind war. Und die Motorenstärke eines Wagens und seine Grösse lassen sich nun einmal besser vermarkten, als der geringe Benzinverbrauch eines Autos. Zudem: Wenn alle dies so machen, kann es gar nicht so falsch sein.
Welche Werte werden denn heute von der Werbung am Stärksten in den Mittelpunkt gerückt?
Sicherlich ist das Raumangebot eines Wagens ein primäres Verkaufsargument.Dazu kommt die Ausstattung/Komfort und die Sicherheit. Die Nachfrage nach dem Platz nimmt mit zunehmendem Alter stark zu und geht dann im hohen Alter wieder stark zurück. Im Gegenzug nimmt das Bedürfnis nach Komfort und Sicherheit mit zunehmendem Alter zu. Dass neben diesen primären Werten auch das Prestige eines Wagens eine wichtige Rolle spielt, will ich dabei aber nicht bestreiten.
Noch vor zehn Jahren wurde der sparsame Verbrauch stärker in den Anzeigen betont, als heutzutage. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?
Heute sind die Einsparungen real, vor zehn Jahren waren sie fiktiv. Hinsichtlich des Verbrauchs wurden in den letzten Jahren riesige Fortschritte erzielt. Es gilt beim Autoverkauf aber zwei Gruppen auseinander zu halten: Es gibt den Neuwagenkunden und es gibt im Durchschnitt vier weitere Benutzer des selben Wagens, die auf ihn folgen. Für die Folgenutzer des Wagens ist der sparsame Verbrauch wichtiger als für den Käufer eines Neuwagens. Letzterer ist höher situiert. Wir können jedoch nicht Werbung machen für die Occasionskäufer. Wir können einem CEO doch nicht vorschreiben, ein Auto mit einem absolut sparsamen Verbrauch zu erstehen, aber er kann innerhalb seiner gewünschten Kategorie das verbrauchsgünstigste wählen.
Fliesst denn der ständig steigende Benzinpreis, der auch für einen sparsamen Verbrauch spricht, gar nicht in die Werbestrategie der Automobilhersteller ein?
Der Kunde kauft ein Auto nicht, weil es nur fünf Liter verbraucht. Er hat in erster Linie ein Bedürfnis nach Mobilität, nach einer Antriebsart oder nach mehr oder weniger viel Raum, etc. Erst in einem nächsten Schritt wählt der Kunde innerhalb der gewünschten Kategorie das verbrauchsgünstigste Auto aus. Das ist auch der Sinn der Energieetikette, die einen Vergleich unter den ähnlichen Autotypen ermöglicht.