"Marketingmassnahmen sind geplant - Priorität haben aber die Bestellungen!"

- Sie leben wie im 18. Jahrhundert - mindestens beruflich. Martin Zangger und seine Frau Luana stellen im luzernerischen Willisau Bonbons her und zwar in reiner Handarbeit. Anscheinend sind die so lecker, dass sich das Ehepaar vor Aufträgen nicht mehr retten kann. Auf den letzten Zeitungsbericht im "Tagi" über ihre Bonbon-Fattoria folgten an einem Tag 280 Anfragen davon 140 neue Bestellungen. Was sich hinter diesem Trend versteckt, wollte "persoenlich.com" herausfinden. Zum Interview:

Martin Zangger, was genau machen Sie?

Wir stellen mit Handwalzen aus dem 18. Jahrhundert Bonbons und Lutschter her. Mittlerweile produzieren wir an drei Tagen die Woche 250 Sorten. Es werden täglich mehr! Letztes Jahr verkauften wir 900 Kilo davon. Dieses Jahr dürfte diese Zahl noch weiter nach oben gehen. Denn seit März haben wir einen eigenen Bonbon-Shop vor dem Städtchen Willisau und entsprechend grösser wird die Nachfrage.

Wer sind Ihre Kunden?

Kinder aus der Umgebung und Leute, die Geschenke machen. Daneben haben wir zahlreiche Kunden aus der Werbe- und PR-Branche bei uns auf Besuch. Sie entwickeln mit uns zusammen das passende Give away vor allem für Pharmafirmen oder Hotels im In- und Ausland. Sehr beliebt sind auch Firmenausflüge in unsere Bonbon-Fattoria. Bis zu 20 Personen können wir mitnehmen auf eine Betriebsbesichtigung.

Namen?

Ergo communication aus Zürich oder mad geniuses aus München agieren als Vermittler. Dann produzieren wir Bonbons fürs Novotel Zürich, für die UEFA und für Mobility.

Sie stellen Bonbons auf Wunsch her. Was zieht am meisten?

Das grösste Geld machen wir mit Hochzeitszeltli, dann folgen die Werbegeschenk-Tröpsli.

Wie machen Sie auf sich aufmerksam?

Ganz wichtig ist für uns die Mund zu Mund Propaganda. Die kommt an den verschiedenen Märkten in der Schweiz hervorragend ins Rollen. Wir sind so oft wie möglich mit einem eigenen Stand vertreten, wie zum Beispiel am Knabenschiessen. Aber auch Fernseh- und Zeitungsinterviews sind für uns Gold wert. Auf den Artikel im "Tagi" folgten am gleichen Tag 200 Anfragen und Bestellungen per Mails und 80 per Telefon.

Schalten Sie auch selbst Werbung?

Wir hatten gerade im "Willisauer Bote" ein Inserat. Auch auf Facebook und zwei weiteren Websites (www.bonbonfattoria.ch, www.hochzeitbonbon.ch ) sind wir vertreten. Auf einer anderen Seite zeigen wir zudem Sammlern, welche Bonbonwalzen es gibt (www.bonbonwalzen.com). Zusätzliche Marketingmassnahmen sind geplant. Doch vor lauter Anfrage kommen wir im Moment einfach nicht dazu. Es ist verrückt.

Ihre Bonbon sind Handarbeit und entsprechend teuer. Wie setzen Sie sich gegen die billiger Konkurrenz durch?

Erstens stellen wir ein Nischenprodukt her in einer vergleichsweise kleinen Menge, die für einen Grosshersteller nicht interessant und nicht lukrativ ist. Zweitens sehen die Kunden bei uns, wie die Bonbons gemacht werden und aus welchen Rohstoffen. Sie schätzen das und sind deswegen auch bereit, mehr zu bezahlen.

Sie sagen, es gebe einen Trend hin zu diesem alten Handwerk. Es erlebe ein regelrechtes Revival. Warum denken Sie das?

Die Situation in Deutschland zeigt es. Vor vier Jahren kannten wir eine Handvoll Leute, die Bonbons nach alter Manier herstellen. Heute wissen wir, dass es zirka 40 sind. Der Futterneid ist riesig und es herrscht ein brutaler Verdrängungskampf.

Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Die Menschen wollen wieder zurück zur Basis. Gerade bei Süssigkeiten können heute so viele Rohstoffe reingepackt werden, dass der Kunde verunsichert ist. Er weiss nicht mehr, was genau er isst und was gut oder schlecht ist. Bei uns sagt er sich: Es ist klein, aber fein, es steckt wenig drin, dafür weiss ich, was es ist. Wir produzieren schon heute viel ohne chemische Substanzen und künstliche Farben. Das Ziel ist es, in absehbarer Zeit ganz darauf zu verzichten.

Was lieben Sie an Ihrem Job?

Ich bin mein eigener Chef. Das ist meine persönliche Befriedigung. Auf der anderen Seite freut es mich, wenn Leute sich für unsere Arbeit interessieren, uns besuchen kommen und natürlich unsere Bonbons konsumieren. Ihre leuchtenden Augen sind auch Teil unseres Lohnes.

Können Sie davon leben?

Noch nicht. Aber wir sind bereits kostendeckend. Im Moment hat meine Frau nebenbei noch einen andern Job. Bis Ende 2012 wollen wir davon leben können.

Selber dürfen Sie aber nicht zugreifen, Sie sind ja Diabetiker?

Ich greife trotzdem zu. Dieses Risiko gehe ich ein, weil ich mich von der Zuckerkrankheit nicht unter kriegen lasse. Ich lebe heute und will nicht auf die Dinge verzichten, die ich gern habe. Die Bonbons sind mein Leben. Ich stelle sie nicht nur her, sondern recherchiere auch ihre Geschichte. Viele alte Bonbonhersteller konnte ich ausfindig machen und zu ihrem Handwerk befragen. Dieses Wissen will ich an andere weiter geben. In Willisau soll im Herbst darum ein Bonbonmuseum entstehen.

Wie kamen Sie eigentlich auf das Bonbon?

2007 wurde ich auf der Hochzeitsreise von einem Tier im Meer gebissen. Danach war ich wegen starken Fieberschüben ein Jahr lang arbeitsunfähig. Ich konnte also viel TV schauen. Als ich einen Bericht über einen deutschen Bonbonhersteller sah, war mir klar: genau das will ich auch machen. Ich kontaktierte ihn und es entstand eine wunderbare Freundschaft. Heute machen wir beide Bonbons und helfen einander bei grossen Produktionen aus. Er ist mein Lehrer und ich bin ihm sehr dankbar.

BO/Monika Hartig

Interview: Christine Schnyder