Herr Riedle, im Juni beginnt in Südafrika die Fussball-Weltmeisterschaft. 1990 wurden Sie in Italien mit Deutschland Weltmeister. Was hat sich seither verändert?
Alles. Die Wettkämpfe von 2010 kann man mit denjenigen von 1990 überhaupt nicht mehr vergleichen. Heute ist die WM ein grosses Spektakel mit viel Kommerz. Damals war sie noch viel kleiner und familiärer.
Könnten Sie mit dem heutigen Fussball noch mithalten? Oder hat sich der auch komplett gewandelt?
Das ist schwierig zu sagen ich denke aber eher nicht. Der Fussball hat sich stark weiterentwickelt. Das zeigt sich nicht nur in der Champions League, sondern auch an den Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften. Das Spiel ist wesentlicher schneller geworden. Wenn ich mir heute Matchbilder von 1974 ansehe, dann wirken sie auf mich sehr schlapp. Dasselbe denken die Fussballer von heute wahrscheinlich, wenn sie sich Spiele aus meiner Zeit von 1990 angucken.
Wie werden Sie die WM in Südafrika erleben?
Wahrscheinlich schaue ich mir ein, zwei Spiele vor Ort an. Die übrige Zeit verfolge ich das Spektakel von Zu¨rich aus.
Die WM findet in Südafrika im Winter statt. Ist das ein Problem?
Nein, wenn es nicht zu garstig wird, ist dies ein perfektes Klima. In der Hitze zu spielen, ist eigentlich viel schlimmer.
Sie haben die Fussballwelt nicht ganz verlassen und sind weiterhin im Vermarktungsbusiness tätig. Was genau machen Sie?
Ich besitze zusammen mit einem Freund eine Firma in Wollerau, welche private Viewings fu¨r Unternehmen organisiert. Das machten wir bereits bei der Euro 08, was auf grosse Resonanz stiess. So bieten wir dieses Jahren einen exklusiven Event während aller Schweizer Spiele im Zürcher Nobelhotel The Dolder Grand an, bei dem es fu¨r ungefähr 300 Personen Platz hat. Zusammen mit Stéphane Chapuisat, Murat Jakin und möglicherweise Köbi Kuhn diskutieren wir anschliessend u¨ber die Spiele.
Wie gross ist die Nachfrage bei der diesjährigen WM?
Das Interesse ist relativ hoch, was mich doch sehr gewundert hat, da die Spiele vor Ort in Südafrika bislang nicht der grosse Renner sind.
Sie haben alles erreicht, was man im Fussball erreichen kann. Sie wurden 1990 Weltmeister, 1992 Vize-Europameister und gewannen 1997 die Champions League. Daneben holten Sie mehrmals den Deutschen Meistertitel. Welches war für Sie persönlich der Höhepunkt?
Natürlich der Weltmeistertitel er zählt am meisten. Aber ein ganz besonderes Erlebnis war für mich auch der Champions-League- Sieg. Ich durfte für den BVB Dortmund im Final spielen und konnte gegen Juventus Turin die beiden entscheidenden Tore erzielen. Ich galt als Mann des Tages, was logischerweise ein grossartiges Gefühl ist. Dieses Ereignis prägte mich persönlich am stärksten, der WM-Titel ist aber allgemein wichtiger.
Wie viele Spiele haben Sie an der Weltmeisterschaft 1990 gespielt?
Drei Spiele. Im Halbfinal habe ich gegen die Engländer einen jener fünf Elfmeter versenkt, welche uns mitgeholfen haben, ins Finale zu kommen. Ich war damals 23 Jahre alt und Stürmer Nummer drei hinter den Stars Jürgen Klinsmann und Rudi Völler. Ich konnte im Viertel- und Halbfinal spielen, weil Rudi Völler nach der berühmten Spuckattacke gegen den Holländer Rijkaard die rote Karte bekam. Im Final gegen Argentinien hat mich Franz Beckenbauer leider nicht aufgestellt.
Naiv gefragt: War die Enttäuschung gross?
Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, da ich damit gerechnet hatte. Klinsmann und Völler waren bereits gesetzt und hatten auch ein Superturnier gespielt. Für mich war es das erste Mal, dass ich überhaupt an einer WM war. Und wir kamen weiter, als ich mir je erträumt hatte.
1992 wurden Sie an der Europameisterschaft Torschützenkönig, unterlagen aber im Final mit 2:0 gegen Dänemark.
Das war eine Riesenenttäuschung, da wir damals eine ganz gute EM spielten. Für mich persönlich war es die beste. Leider unterschätzten wir vor lauter Übermut im Finale die Dänen und vergeigten am entscheidenden Tag alles.
Wie ist das, wenn man an so einem wichtigen Turnier das Finale verliert?
Das tut natürlich weh und schmerzt sehr lange. Vor allem, weil wir nicht gegen eine Topmannschaft wie England oder Holland unterlagen, sondern gegen krasse Aussenseiter wie die Dänen. Aber so ist der Fussball.
Das Weltmeisterschaftsteam von 1990 trainierte Franz Beckenbauer. Sieben Jahre später spielten Sie in der Champions League unter Ottmar Hitzfeld. Wodurch unterscheiden sich diese beiden Trainer?
Der Unterschied ist nicht so gross. Es sind eher ruhige und sachliche Trainer, die sich durch eine starke Persönlichkeit auszeichnen und die Spieler sehr gut führen können. Ihre Trainings waren nicht aus der Luft gegriffen. Sie übten so mit uns, wie sie früher selbst trainiert hatten.
Haben Sie noch Kontakt zu Franz Beckenbauer?
Ja, wir sehen uns oft beim Golfen.
Und zu den übrigen Weltmeistern? Gibt es da eine spezielle Bande?
Wir feiern den Sieg regelmässig. Zuerst trafen wir uns zum fünfjährigen Jubiläum, dann zum zehnjährigen. Dieses Jahr zelebrieren wir den Titel wieder, schliesslich sind es exakt 20 Jahre her.
Ganz indiskret gefragt: Wo bewahren Sie eigentlich alle Ihre Pokale auf?
Ein Teil ist mir bei einem Einbruch aus dem Haus gestohlen worden. Darunter auch die Weltmeister- und die Champions-League- Medaillen. Die sind leider unersetzlich. Aber viele andere habe ich noch bei mir zu Hause. Von den zahlreichen Pokalen stammen aber die meisten vom Skifahren oder Tennis und nicht vom Fussball.
Interview: Matthias Ackeret
Das vollständige Interview mit Karl-Heinz Riedle lesen Sie in der Juni-Ausgabe von "persoenlich".