Herr Niedermann, Sie haben den Kongress 360° Entertainment von Anfang an als Teilnehmer und damaliger Marketingleiter von Raiffeisen begleitet und sind heute als CEO von Ticketcorner Mitveranstalter des Events. Wie hat sich Ihr persönlicher Blick auf den Kongress über die Jahre verändert?
Aus der Perspektive des Teilnehmers habe ich den Kongress als Ort erlebt, um Inspiration zu sammeln, Trends einzuordnen und relevante Menschen zu treffen. Heute, als Mitveranstalter, hat sich der Blick erweitert. Es geht darum, die Branche zusammenzubringen, Raum für alle relevanten Themen zu schaffen und Austauschformate zu ermöglichen, die über einzelne Perspektiven hinausgehen. Gemeinsam ist beiden Rollen das Ziel, die Branche vorwärtszubringen.
360° Entertainment entstand in einer Phase massiver Umbrüche in der Branche. Wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken: Welche Veränderungen haben die Entertainmentbranche Ihrer Meinung nach am nachhaltigsten geprägt?
Am nachhaltigsten war die digitale Verschiebung. Ticketing, Vermarktung und Kommunikation sind datengetriebener geworden und laufen über mehr Kanäle. Gleichzeitig ist der Wettbewerb um Aufmerksamkeit härter, und die Erwartungshaltung des Publikums ist gestiegen: einfacher Zugang, verlässliche Abläufe, klare Information. Wer das Publikum wirklich versteht und konsequent umsetzt, bleibt relevant.
Die Corona-Pandemie wirkte für die Branche wie ein extremes Wechselbad. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Lehren aus dieser Zeit – und was davon prägt den Markt bis heute?
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit war die zentrale Bedeutung von Live-Entertainment. Die Branche hat viel ausprobiert: hybride Formate, rein virtuelle Events, neue digitale Ansätze. Das war oft kreativ und mutig. Nachhaltig etabliert haben sich diese Formate aber kaum, die meisten sind wieder verschwunden. Entscheidend war die klare Erkenntnis: Menschen wollen sich treffen, sie wollen Erlebnisse teilen und physisch vor Ort sein. Die befürchtete langfristige Erosion von Events ist ausgeblieben. Im Gegenteil. Live-Erlebnisse haben an Wert gewonnen und sind heute wieder ein zentraler Treiber der Branche.
«Für viele ist das Forum heute ein jährlicher Fixpunkt»
Der Kongress ist von rund 218 auf etwa 550 Teilnehmende gewachsen und seit drei Jahren in Andermatt beheimatet. Was sagt diese Entwicklung über den Stellenwert von 360° Entertainment in der Schweizer Branche aus?
Das Wachstum zeigt, dass 360° Entertainment in der Branche einen festen Platz hat. Wenn ein Anlass so stark wächst, ist das ein Zeichen für Bedarf nach Austausch, Weiterbildung und Vernetzung. Andermatt verstärkt das, weil es Nähe schafft und Gespräche nicht nach einer Stunde enden. Für viele ist das Forum heute ein jährlicher Fixpunkt, um Trends zu prüfen und Kontakte zu pflegen. Wir prüfen aktuell aber auch, wie viel Wachstum und Grösse das Forum haben kann, um möglichst viele Teilnehmer zu haben und gleichzeitig relevant zu bleiben.
Was macht 360° Entertainment aus Ihrer Sicht einzigartig im Vergleich zu anderen Branchenformaten?
Einzigartig ist die Mischung aus Praxisnähe und Breite. Es geht nicht um Show, sondern um Fragen, die im Alltag entscheiden: Marketing, Reichweite, neue Formate, Venues, Sponsoring, Technologie. Dazu kommt der Anspruch, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und Diskussionen zuzulassen, um bewusst auch unbequem zu sein. So entsteht ein Format, das nicht nur inspiriert, sondern in die Umsetzung führt. Sehr wichtig für uns ist, dass neben Veranstaltern, Agenturen und Sponsoren auch die Branchenverbände Teil des Events sind. Die SMPA – Swiss Music Promoters Association, der VSSA – Verband Schweizer Stadion- und Arena-Betreiber oder auch Sponsoring Schweiz als die führenden Verbände sind mit eigenen Foren Teil des Ganzen.
Zum Jubiläum richtet sich der Blick bewusst nach vorne, unter anderem mit der Studie «Die Live-Entscheidung». Welche Erkenntnisse über das veränderte Konsumentenverhalten sind für Sie besonders spannend?
Wir sind noch in der Auswertung. Aber es zeigt sich, dass Live-Events für die Menschen weiterhin einen hohen Stellenwert haben, die Entscheidungen dafür jedoch bewusster und selektiver getroffen werden. Mit der Studie schaffen wir Erkenntnisse, die helfen, Angebote präziser zu bauen und Annahmen zu überprüfen. Unser Ziel ist es, Veranstalter noch erfolgreicher zu machen.
Mit Themen wie KI, Digitalisierung und neuen Sponsoring-Formen stehen erneut grosse Herausforderungen vor der Branche. Wo sehen Sie aktuell die grössten Chancen – und wo die grössten Risiken?
Chancen sehe ich in datenbasiertem Arbeiten und in KI, wenn sie Prozesse effizienter macht und Marketing präziser wird. Sponsoring kann messbarer und relevanter werden, wenn Aktivierung und Mehrwert sauber auf Zielgruppen ausgerichtet sind. Risiken liegen bei Abhängigkeiten von Plattformen und Algorithmen, bei Vertrauensfragen rund um Daten und Transparenz und bei Reputationsschäden, wenn Technik ohne Verantwortung eingesetzt wird.
Abschliessend: Wenn wir heute einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Rolle soll 360° Entertainment in zehn Jahren für die Schweizer Entertainmentbranche spielen?
In zehn Jahren soll 360° Entertainment der Ort sein, an dem die Schweizer Live-Branche ihre nächsten Schritte vorbereitet: als Kompass, als Netzwerk und als Bühne für Erkenntnisse, die tragen. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin Themen setzen, die Wirkung haben, und internationale Perspektiven einbinden, ohne die Schweizer Realität aus den Augen zu verlieren. Und dass der Anlass die Branche zusammenhält, fachlich und menschlich.
Dieses Interview erschien zuerst in der persönlich-Printausgabe vom März.

