Die Schweizer Wirtschaft stellt sich wegen der anhaltenden Euro- Krise auf magere Jahre ein. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse rechnet für das kommende Jahr nur mit einem Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) von 0,6 Prozent. Die auf einer Umfrage bei Mitgliedsfirmen beruhende Prognose fällt damit etwas tiefer aus als noch im Juni (+0,8 Prozent), wie Economiesuisse am Montag mitteilte. Andere Konjunkturauguren sind etwas optimistischer und sehen bis zu 1,5 Prozent Wachstum. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) beispielsweise veranschlagte am Montag 1,0 Prozent. Für 2012 bleibt Economiesuisse bei einem Plus von 0,9 Prozent.
Angesichts des Schlamassels in Europa schlage sich die Schweiz noch recht gut, sagte Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch vor den Medien in Zürich. Die Arbeitslosenquote werde aber auch in der Schweiz leicht zunehmen von 2,9 Prozent im laufenden auf 3,3 Prozent im nächsten Jahr. Weiterhin mangle es an Fachkräften.
Weiteres Rezessionsjahr in Euro-Zone
Economiesuisse rechnet aufgrund der Umfrage damit, dass die Verschuldungskrise in Europa noch mindestens zwei bis drei Jahre anhält. Anders als internationale Organisationen wie IWF oder OECD sieht Economiesuisse die Euro-Zone auch 2013 mit einem BIP-Rückgang von 0,5 Prozent in der Rezession. Dies lastet auf den Schweizer Exporten: Economiesuisse rechnet für 2013 mit einer weiteren Abnahme um 0,5 Prozent. Weit dramatischere Einbussen hätte die Euro-Krise ohne den Euro-Mindestkurs der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 1,20 Franken, sagte Minsch. Er verteidigte die SNB gegen den Vorwurf, sie manipuliere die Wechselkurse: der Franken sei weiterhin um gut 10 Prozent überbewertet, die Kaufkraftparität des Euro liege derzeit bei 1,34 Franken. "Wir erwarten, dass die SNB den Euro- Mindestkurs beibehält", sagte Minsch.
Gewinner und Verlierer
Dennoch komme der Wirtschaftsmotor nicht voll in Schwung. Im Export bleiben verschiedene Industrien unter Druck, etwa die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie oder die Textilindustrie, aber auch der Tourismus und die Banken. Demgegenüber bleiben die Uhrenindustrie sowie die Chemie- und Pharmaindustrie und die Luftfahrt im Aufwind. Bei den binnenorientierten Firmen wachsen unter anderem Versicherungen, das Gesundheitswesen, die Telekommunikation und die Bauindustrie überdurchschnittlich. Demgegenüber darben die Branchen Werbung, Kommunikation, Autohandel und der Handel mit Tonträgern.
Bilateraler Weg schwieriger
Die Euro-Krise drücke weiterhin das Schweizer Wachstum, bilanzierte Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta. Das massive Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) mit unbegrenzten Käufen von Staatsanleihen habe zwar die Gefahr gebannt, dass die Euro-Zone auseinanderbreche. Der Reformwille in verschiedenen betroffenen Ländern erlahme aber bereits wieder.
Zudem könnte die Schweiz auch darunter leiden, dass die Zentralisierung innerhalb der EU den bilateralen Weg erschwert. Es bestehe das Risiko, dass "der eigenständige und erfolgreiche wirtschaftspolitische Weg der Schweiz immer häufiger durch den wachsenden politischen Monolith der EU versperrt wird". Der Debatte um eine Wiederbelebung des EWR will sich Economiesuisse aber nicht anschliessen: Der bilaterale Weg sei nicht einfach. Es gebe aber keinen Grund, davon abzukehren, sagte Gentinetta. Überdies sei zu wenig klar, wie sich die EU entwickle. (sda)

