"Möglich wäre, dass wir Realtime-Audience-Monitoring anbieten."

- Womit will Swisscom künftig Geld verdienen, wenn bald alle übers Internet telefonieren oder fernsehen? Persoenlich.com besuchte am Mittwoch den "Swisscom Innovation Day" in Bern und unterhielt sich mit Stéphane Dufour, Leiter Strategy & Innovation, über diejenigen Technologien, die künftig für die Kommunikations- und Medienbranche bedeutend sein könnten. Zum Interview:

Herr Dufour, Skype, Whats-up oder etwa Viber bringen einen Teil Ihres Geschäfts stark in Bedrängnis. Welcher dieser Dienste bedroht Sie am meisten?

Heute spüren wir noch wenig Einfluss der von Ihnen genannten Anbieter. Die Entwicklung ist aber ähnlich wie bei Skype. Früher basierte unser Geschäft primär auf klassischen Telekom-Diensten wie SMS und Telefonie, heute erleben wir hier eine starke Verlagerung hin zu Datendiensten, die sehr stark auch mobil genutzt werden. Dies ist ein interessantes Wachstumsgeschäft.

Die Preise werden erodieren.

Ja, ganz klar, die Preise sinken laufend, alleine in den ersten neun Monaten 2011 hat Swisscom über 400 Millionen Franken Umsatz aufgrund der Preiserosion verloren.

Welchen Vorteil hat Swisscom gegenüber den neuen, webbasierten Anbietern?

Unsere Dienste werden zentral angeboten und sind daher einfach zu nutzen. Es gibt heute schon Bündelangebote wie "Vivo Tutto". Das bedeutet TV, Internet, Festnetz und Mobiltelefon im Paket, bei denen Gespräche und Messaging inklusive sind. Das wollen wir weiter verfolgen. Swisscom wird Kommunikation unabhängig von Gesprächsnutzung und Geräten anbieten. Die Kunden werden unsere Dienstleistungen auf dem Mobiltelefon, dem PC, TV und bei ihrem Fixnet bekommen. Auch dank einem einheitlichen Design sind sie einfach zu nutzen.

Sie arbeiten an Cloud-Lösungen?

Ja, wir testen neue Funktionen in diesem Bereich.

Können Sie Genaueres über cloud-basierte Telefonie erklären?

Telefonieren ist heute noch an ein bestimmtes Gerät gebunden und die Telefonnummern, Combox-Nachrichten oder SMS sind meist auch lokal auf diesem einen Gerät gespeichert. Vergesse ich das Handy zu Hause, habe ich keinen Zugriff auf die Anruflisten und weitere Daten dazu.

Dies soll sich ändern?

Ja, sofern unsere Forschung sich als markttauglich erweist. Wir forschen an einem cloudbasierten Telefonie-Angebot, bei dem Daten nicht mehr auf dem Gerät, sondern in der Cloud gespeichert sind. So können Kunden über eine App oder einen Web-Zugang alle Dienste erreichen, sprich die verpassen Anrufe erkennen, die Combox abhören oder Nachrichten lesen. Auch das Telefonieren über die App ist möglich. Sie können sich das ungefähr so vorstellen, wie wenn der Bildschirm Ihres Handys auf einer Webseite abrufbar wäre (vgl. Bild unten). Damit müssten Sie nicht mehr immer das Handy auf sich tragen, sondern können auch über einen PC ihre wichtigsten Daten steuern und überwachen.

Welche technologischen Innovationen könnten für die Medienbranche wichtig sein?

Wir versuchen natürlich auch Produkte für diese Branche zu entwickeln. Zum Beispiel wissen wir sehr viel über die Mediennutzung. Eine Möglichkeit wäre, dass wir Realtime-Audience-Monitoring anbieten. So kann ein TV-Moderator während einer Livesendung dauernd beobachten, wie sich die Zu- und Absprungrate der Zuschauer entwickelt. Damit könnte er seine Moderation entsprechend anpassen. Ein solches Audiencemonitoring wäre rein technisch möglich, doch dies bieten wir noch nicht an. Sehr wichtig ist bei solchen Anwendungen, dass die Privatsphäre der Kunden geschützt bleibt. Hier wollen wir keine Risiken eingehen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für Medienhäuser?

Im Bereich Crossmedia bieten wir viele Möglichkeiten für Innovation. Kunden können Swisscom-TV auf dem Tablet beziehen, aber auch auf dem PC oder dem Mobiltelefon. Für Produzenten von Inhalten – egal, ob sie nun in der Werbe- oder Medienbranche tätig sind – bieten diese verschiedenen Geräte Plattformen, um Texte mit Games, Banner oder TV-Spots verbinden zu können. Diese Crossmedia-Entwicklung können wir unterstützen und vereinfachen.

Was ist im Bereich Swisscom-TV geplant?

Wir haben zum Beispiel ganz neu Apps auf dem TV-Screen lanciert – diesen Dienst bieten wir seit gestern an. Neu können Sie auf Swisscom-TV eine z.B. Wetter-App anklicken (vgl. Bild oben) oder über die Foto-App Bilder Ihrer Freunde und Bekannten anschauen (vgl. Bild unten). Die verschiedenen Inhalte verschmelzen so immer mehr und können unabhängig vom Gerät genutzt werden.

Interview: Edith Hollenstein