21.10.2012

Mr. Post

Jürg Bucher prägte die Post – und wurde von ihr geprägt. 1976 trat der studierte Ökonom in den Postdienst, später wurde er stellvertretender Finanzdirektor, leitete danach die Unternehmensentwicklung und das Marketing und wurde schliesslich 2003 zum PostFinance-Chef gewählt. Im Dezember 2009 wurde er Post-CEO. Jetzt wechselt der 65-Jährige ins VR-Präsidium der Valiant-Banken. Im Gespräch mit persoenlich.com blickt er in die Vergangenheit und in die Zukunft des gelben Riesen. Zum Interview:
Mr. Post

Herr Bucher, Sie sind Ende August als Konzernchef der Post zurückgetreten. Wie steht es heute um Ihre Befindlichkeit?

Sie sehen es, es geht mir gut, ich freue mich auf das Neue, das auf mich zukommt. Ich habe 36 Jahre bei der PTT und bei der Post gearbeitet. Das ist wirklich eine sehr lange Zeit. Aber es ist wie immer im Leben, es gibt Abschnitte, die enden, und solche, die neu anfangen. Der Wechsel tut mir gut, es gibt mir einen Kick. Und es kann auch für ein Unternehmen von Vorteil sein, wenn neue Leute mit neuen Ideen ans Ruder kommen.

Als Sie Mitte der Siebzigerjahre bei der PTT angefangen haben, war die Post noch ein vollkommen anderes Unternehmen...

Das war wirklich eine ganz andere Zeit. Die PTT stand früher über Jahrzehnte alleine für die Kommunikationsübermittlung ein. Es hat nichts anderes gegeben. Der ganz grosse Wandel geschah in den letzten fünfzehn Jahren, als die PTT in die zwei eigenständigen Unternehmen Swisscom und Schweizerische Post aufgeteilt wurde. Für die Post war dies ein grosser Einschnitt.

Herrscht zwischen der Post und der Swisscom nicht eine unterschwellige Rivalität? Die Post wirkt immer ein bisschen altbacken, während die Swisscom für Innovation und Erneuerung steht.

Die Swisscom hat seit der Aufteilung gegenüber der Post einen ganz grossen Vorteil: Die technologischen Veränderungen im Markt werden auf das Unternehmen projiziert. Sobald Apple ein neues iPad oder iPhone herausbringt und die Kunden in den Swisscom- Shops sogar stundenlang Schlange stehen, gilt die Swisscom in den Köpfen der Kunden als modern und innovativ. Wenn die Post hingegen für über eine Milliarde Franken Briefzentren mit der weltweit modernsten Fördertechnik baut, über Jahre stark in die Informatik investiert und damit die Effizienz erhöht, nimmt der Kunde diese wirkliche Modernität nicht wahr: Der Briefträger bringt den Brief immer noch nach Hause und legt ihn in den Briefkasten. Das Einzige, was der Kunde vielleicht realisiert, ob er mit dem modernen Elektroroller kommt oder nicht. Vielleicht ändert sich die Wahrnehmung der Kunden, wenn sich bei künftigen Lancierungen von Apple-Produkten Schlangen vor den Poststellen bilden.

Sie haben in einem "NZZ"-Interview noch als Postkonzernchef von einem zukünftigen Zusammenschluss von Swisscom und Post abgeraten. Glauben Sie nicht an diese Möglichkeit?

Nein, das ist im Moment auch kein Diskussionsthema. Die Frage kommt in der Öffentlichkeit ab und zu aufs Tapet, weil die Post zwangsläufig auch immer mehr in elektronische Dienstleistungen investiert und somit in die digitale Welt vordringt. Aber ich glaube, es gibt grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Unternehmen. Die Swisscom ist als Telekommunikationsunternehmen vollständig in der digitalen, elektronischen Welt zu Hause, während die Post sich immer mehr zu einem hybriden Unternehmen entwickelt. Der physische Transport von Gütern mit der Paketpost wird bleiben, dasselbe beim Transport von Kunden im öffentlichen Verkehr mit den Postautos. Selbstverständlich wird das Physische stark von der Elektronik unterstu¨tzt und begleitet. Der Post muss es gelingen, die Verbindung zwischen physischer und elektronischer Welt zusammenzubringen. Die Swisscom muss dies nicht.

Aber hat die Post überhaupt noch ein Wachstumspotenzial? Ein Grossteil des Briefverkehrs wird doch heute per E-Mail erledigt?

Die Post ist als Mischkonzern heute in ganz unterschiedlichen Märkten tätig. Und diese Märkte entwickeln sich auch unterschiedlich. Nehmen wir zwei Wachstumsfelder: die Logistik und den Paketmarkt. Die Post profitiert stark vom Onlinehandel, dies zeigt sich beispielsweise in der Zunahme der Paketvolumen im ersten halben Jahr von über vier Prozent. Diese Verbindung zwischen physischen und elektronischen Dienstleistungen garantiert ein grosses Wachstumspotenzial in den kommenden Jahren. Diese Entwicklung ist bereits im Banking bei PostFinance vollzogen, sie ist mit heute 1,3 Millionen Kunden ganz klar die Nummer eins im Schweizer Markt.

Warum hatten Sie in Ihren zehn Jahren als Leiter von PostFinance dermassen Erfolg? Vertraut man den andern Banken nicht mehr?

Es gibt verschiedene Gründe. PostFinance verfügt über ein einfaches und übersichtliches Angebot. PostFinance hat attraktive Dienstleistungen, PostFinance hat eine andere Kultur, die sich auf Augenhöhe mit den Kunden bewegt. Die Krise im Finanzmarkt hat natürlich auch PostFinance geholfen.

Die Post agiert immer aus der Defensive, indem sie ihre unbestrittenen Vorteile hervorheben muss.

Das würde ich so nicht sagen. Aber gerade weil die Post eine Institution ist, die mehrheitlich traditionell wahrgenommen wird, muss sich das Unternehmen gegenüber den Kunden sehr ausgeprägt erklären und darstellen. Die Post betreibt einen grossen Aufwand, um ihre notwendigen Veränderungen und Anpassungen offen und transparent darzulegen oder um zu zeigen, welche neuen innovativen Produkte sie entwickelt oder im Markt lanciert.

Ein anderes Stichwort ist das Auslandsengagement. Dies konnte man sich früher bei der heimatverbundenen Post gar nicht vorstellen.

Die Post geht primär ins Ausland, um ihre Heimmärkte abzusichern und zu stärken. International tätige Schweizer Geschäftskunden mu¨ssen von ihrer eigenen Post tolle Gesamtangebote erhalten, damit diese nicht zu einem anderen Anbieter wechseln.

Besteht nicht ein gewisses Risiko? Gerade die Swisscom hat sich in Italien eine blutige Nase geholt.

Die Post ist da in einer ganz anderen Situation. Sie hat in den vergangenen Jahren nicht in Infrastrukturen investiert, die Post macht lediglich ein Brokergeschäft. Sie kauft Postleistungen bei anderen Postunternehmungen ein, bu¨ndelt diese und macht ihren Kunden entsprechende Angebote. Damit ist der Grossteil der Kosten variabel. Konkret: Wenn die Post einen Kunden verlieren sollte, bleibt sie nicht auf teuren Infrastrukturen sitzen.

Haben Sie als Konzernchef der Post intern anders kommuniziert als extern?

Man sollte sich an der Spitze bewusst sein, dass der CEO eines Unternehmens auch dessen Sprecher ist. Kommunikation ist Chefsache. Gerade ein öffentliches Unternehmen braucht ein Gesicht. Wenn man sich mit einem Unternehmen anfreundet, sollte man auch dessen Führung schätzen. Das heisst, als Chef sollte man gerne kommunizieren und mit den Medien umgehen können. Interne Kommunikation kommt für mich immer vor der externen. Die Mitarbeiter eines Unternehmens müssen als Botschafter zuerst wissen, was im Unternehmen passiert. Es kann nicht sein, dass sie von einer grundlegenden Entscheidung durch das Fernsehen oder die Tagespresse informiert oder von Bekannten darauf angesprochen werden. Am schlimmsten ist es, wenn sie nicht einmal wissen, wovon die Rede ist.

Was war für Sie die schwierigste Kommunikationssituation?

Schwierig wurde es immer, wenn die Post neue Prozesse mit den Kunden im Markt testete. Darauf unterstellte man der Post sofort die Einführung einer neuen Dienstleistung oder Veränderung. Die Post kann die Optimierung der Zustellung der Briefpost zwar am Schreibtisch planen, deren Realisierung ist aber erst im Markt erkennbar. Solche Tests kann ein Unternehmen wie die Post auch nicht im Geheimen durchführen, sondern muss dies mit seinen Kunden tun. Dies war jeweils eine ganze heikle Situation, die man anschliessend auch ganz genau kommunizieren musste. In meinen 36 Jahren habe ich gelernt, dass die Post ein sehr sensibles Unternehmen darstellt.

Sie haben in die Privatwirtschaft gewechselt und werden VR-Präsident der Valiant-Banken. Gehen Sie da nicht vom Regen in die Traufe?

(Lacht.) Die Bankenbranche hat es momentan sicher nicht ganz einfach. Aber ich freue mich sehr auf die neuen Aufgaben. Am sichtbarsten ist zweifelsohne das VR-Präsidium der Valiant-Bank.

Konkurrenzieren Sie mit der Valiant-Bank nicht die PostFinance?

PostFinance und Valiant sind im Kreditgeschäft Partner. Wir wissen, dass jeder Schweizer zwei bis drei Bankverbindungen hat. Wenn künftig jeder Schweizer eine bei Post- Finance und eine bei Valiant haben wird, bin ich sehr zufrieden (schmunzelt).

Was haben Sie an Ihrem letzten Arbeitstag bei der Post gemacht?

Am zweitletzten Arbeitstag präsentierte ich mit meinem Finanzchef an einer Medienkonferenz das gute Halbjahresergebnis der Post. Den letzten Post-Tag verbrachte ich am "Tag der Schweizer Wirtschaft".

Interview: Matthias Ackeret

Das auführliche Interview mit Jürg Bucher ist in der Oktober-Ausgabe von "persönlich" erschienen.


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