Herr Sacchi, ganz allgemein gefragt: Wie geht es der Musikindustrie?
Der Musikindustrie geht es nach wie vor nicht wirklich gut. Wir stehen noch immer vor grossen Herausforderungen. Wir arbeiten gemeinsam mit Partnern aber auch intensiv daran, Angebote auf den Markt zu bringen, die den Konsumenten ansprechen und von denen wir auch glauben, damit den Turnaround zu schaffen. In der Schweiz mahlen die Mühlen etwas langsamer.
Was würde das denn heissen, diesen Turnaround zu schaffen?
Das würde bedeuten, dass die neuen Geschäftsmodelle das Minus des klassischen, alten Geschäfts mit physischen Tonträgern ausgleichen können. Das haben wir in der Schweiz noch nicht erreicht. In gewissen Ländern sind wir allerdings bereits wieder im Positiven. Schweden ist so ein Beispiel.
Was läuft denn anders in Schweden?
Zum einen haben sie Streaming Services, die schon sehr gut funktionieren Stichwort Spotify. Zum anderen hat Schweden eines der stärksten Urheberrechtsgesetze, die es gibt. Wir sind was das anbelangt deutlich im Hintertreffen.
Was ist die Lösung für die Schweiz?
iTunes arbeitet bereits sehr erfolgreich. Das heisst: Ein legales digitales Angebot wird vom Konsumenten angenommen. Apple kann aber nicht den gesamten Markt abdecken. Am Ende wird es darum gehen, dass der Konsument aus ganz unterschiedlichen Angeboten entscheiden kann, wie er Musik konsumiert: Einzelverkauf von Dateien, Abos zum Downloaden, Abos zum Streamen, und nach wie vor die klassische CD. Die ist, auch wenn es oft den Anschein macht, noch lange nicht tot. Wir werden in Zukunft eine Vielfalt von Angeboten sehen, die einem erlauben überall und jederzeit auf Musik zugreifen zu können. Das geht bis hin zu Streaming Services im Auto.
Gibt es eigentlich einen Notfallplan falls der Turnaround doch nicht gelingt?
Nein, wir haben keinen Notfallplan. Aber es ist ganz klar: Wenn der Markt noch viel mehr zusammenbricht und wir nicht innert nützlicher Frist neue Angebote erfolgreich platzieren können, dann müssen wir die Kosten runterfahren. Eine Musikfirma funktioniert wie jedes andere Unternehmen. Es gibt schlussendlich kein Geheimnis in diesem Business.
Wie gross ist bei Universal der Anteil von nationalen Künstlern?
Der ist von Plattenfirma zu Plattenfirma unterschiedlich. Bei uns macht er momentan knapp 20 Prozent des Umsatzes aus.

Ivo Sacchi, Managing Director von Universal Schweiz und Präsident des Dachverbandes der Schweizer Tonträgerproduzenten (IFPI), dem Veranstalter der Swiss Music Awards. (Bild: Kevin Hey)
Wann verschwindet der Dolch über den Köpfen Ihrer Mitarbeiter und Künstler?
Der verschwindet nie ganz. So ist das einfach heutzutage. Aber ich gehe davon aus, dass wir die Talsohle in den nächsten zwei bis drei Jahren durchschritten haben werden. In diesem Jahr wird der physische Markt aber noch verlieren. Die neuen Modelle sind im Anmarsch, aber längst noch nicht alle umgesetzt. Noch kurz zu der gesamten Problematik Internet: Sie arbeiten selbst in einer Industrie, die uns jahrelang vorgeworfen hat, wir wüssten nicht, wie man mit dem Internet umzugehen hat. Heute sind Verleger in der genau gleichen Position wie damals die Plattenfirmen. Es zeigt sich, dass es nicht ganz einfach ist, funktionierende Bezahlmodelle zu entwickeln. Dafür muss auch ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden. Der Wert von Inhalten muss den Leuten wieder bewusst werden.
Können Sie den Künstlern, mit denen Ihre Firma zusammenarbeitet, bereits wieder eine längerfristige Zusammenarbeit garantieren?
Diese Frage kann ich nur als Chef von Universal Schweiz beantworten, nicht als IFPI Präsident. Bei uns ist es so: Wir pflegen langjährige Zusammenarbeiten mit Künstlern. Mit Baschi, mit Stress, mit Bligg und weiteren und das sehr erfolgreich.
Die Karriere von Bligg ist ja eine kurvige. Er war zuerst bei Universal, dann bei Nation Music, dann beim Musikvertrieb, dann kurz vor dem Nichts und dann nachdem das Schweizer Fernsehen sein Crossover-Projekt angeschoben hatte plötzlich wieder bei Universal.
Trotzdem hatten wir dann den Mut wieder in das Projekt zu investieren. Und das Resultat ist beispiellos: 140'000 verkaufte physische und digitale Einheiten seines Albums "0816". Übrigens gehört das Fernsehen mit seinen Musikshowformaten heute ganz klar zur Musikindustrie. Ob die Resultate immer die richtigen sind, sei mal dahingestellt. Dazu kommen Businessmodelle wie die Plattform Vevo in Amerika, auf der in Zusammenarbeit mit Youtube Videoclips unserer Künstler gezeigt werden. Wir stellen die Inhalte zur Verfügung, dafür beteiligt uns Youtube an den Einnahmen. Die Zahlen geben dem Modell Recht. Jetzt hoffen wir, dass Vevo auch so schnell wie möglich in Europa stattfinden wird.
Mit dem Aufkommen der digitalen Verbreitung von Musik offenbarte sich ein Know-how-Manko bei der Musikindustrie.
Das war in Teilbereichen sicherlich so, ist aber mittlerweile erkannt worden. Neue Erfahrungen und frisches Blut haben die Lücke längst geschlossen. Es ist in meinen Augen nach wie vor ein Trugschluss, wenn man glaubt, dass ein Künstler allein in den Markt einsteigen und seine Musik verkaufen kann. Er braucht starke Partner. Das Musikgeschäft ist ein Zusammenspiel.
Also hat die Branche Ihrer Meinung aus der Krise gelernt?
Definitiv. Das merke ich nur schon daran, wie heute über Projekte diskutiert wird auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Da ist man viel offener als noch vor fünf Jahren.
Was heisst das?
Dass nun grundsätzlich viel mehr möglich ist. Früher hat man gewisse Wege von vornherein ausgeschlossen. Heute kann es zum Beispiel zur Strategie gehören, im Vorfeld einer Veröffentlichung Musikstücke frei im Internet zu verbreiten. Es wird mehr ausprobiert, man geht auf die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten ein. Und das ist völlig richtig so.
(Interview: Adrian Schräder)

