"Papa Moll hat mich geprägt"

- Nun bekommt auch die Schweiz ihr Disney-Land: In diesen Tagen wird für eine Million Franken im Thermalbad Zurzach das "Papa-Moll-Land" eröffnet. Mitinitiant ist der ehemalige SRG-Kadermann und Suisa-Pressechef Roy Oppenheim, dessen Mutter "Papa Moll", die wohl erfolgreichste Schweizer Comic-Figur erfand. Das Interview:

Herr Oppenheim, in Bad Zurzach eröffnet nun das Papa-Moll-Land. Was darf man sich darunter vorstellen?

Seit über 55 Jahren sprudelt in Bad Zurzach das Glück aus der Tiefe an die Erdoberfläche - in Form einer 39.5°C warmen Thermalquelle. Das Wasser soll einen Beitrag zur Gesundheit, Fitness und Schönheit leisten. Die Figur des Papa Moll ist vor 59 Jahren entstanden und gilt heute als eine helvetische Kultfigur. Nach Untersuchungen kennen ihn 98 Prozent der Deutschschweizer. Das Gemeinsame zwischen Bad Zurzach und Papa Moll ist der positive, dem Leben zugewandte, familiäre Charakter. Dazu gehört auch der Humor, der - wir wissen es - eine heilende Wirkung ausstrahlt. Dies sind die wichtigsten Gründe für die Entscheidung der Direktoren des Thermalbades und von Bad Zurzach Tourismus, Papa Moll und seine Familie als künftige Leitfigur zu wählen.

Aber trotzdem: wen wollen Sie mit dem Papa-Moll-Land erreichen?

Das Zielpublikum sind die über eine Million Menschen, darunter ganze Familien, die alljährlich Bad Zurzach besuchen. Als erstes wird am 20. Oktober 2011 im Thermalbad Zurzach das hoch moderne Papa Moll-Kinderbecken eröffnet. Es handelt sich um ein multimediales Angebot für Kinder zwischen 2 und 8 Jahren: Ein Planschbecken, eine Grotte, eine spezielle Rutschbahn sowie der spritzende Hund Tschips runden das Angebot für die kleinen Gäste ab. Für die grossen Gäste wurden das Dampfbad und die Sauna neu gestaltet. Papa Moll, Mama Moll, Fritz, Evi und Willy sind mit modernster High-Tech dreidimensional und in Lebensgrösse nachgebildet und lassen sich interaktiv auf einen spielerischen Dialog mit den Kindern ein. Gleichzeitig erscheint ein Malheft "Papa Moll in Bad Zurzach". Doch das ist nur der Anfang. Im Laufe der nächsten 3 Jahre wird ein vielseitiges Papa-Moll-Land entstehen mit rund einem Dutzend neuer Einrichtungen. Zur Zeit sind der Zeichner und Illustrator Rolf "Roloff" Meier sowie Texter Jürg Lendenmann an der Arbeit für ein neues Buch "Papa Moll in Bad Zurzach", das im Globi-Verlag/Orell Füssli 2012 erscheinen wird (bisher sind 1,5 Mio Bücher verkauft worden). Auch ein Spielfilm ist in der Pipeline.

Wie sind Sie bei der Planung dieses Freizeitparkes vorgegangen?

Von Anfang an wurde darauf geachtet, die Figur des Papa Moll nicht auf einen Träger von Werbebotschaften zu reduzieren, sondern ihm den versteckten pädagogischen Sinn zu belassen, wie er von Papa Molls geistiger Mutter, der Karikaturistin Edith Oppenheim-Jonas 1952 für die Kinderzeitschrift "Junior" als Anti-Held definiert wurde: "Hier steht unser Papa Moll. Er will gut und liebevoll. Stets in redlichem Bemühen. Seine Kinder nett erziehen. Doch die Tücke unseres Lebens. Macht sein Streben oft vergebens."

Wie hoch waren die Kosten und wer hat sie übernommen?

Der beschriebene erste Schritt kostet rund 1 Millionen Franken. Bezahlt wird das eigentliche Kinderbecken von der Thermalbad AG, die begleitenden, vielfältigen Kommunikationsmassnahmen werden von Bad Zurzach Tourismus berappt. Die weiteren Schritte - Papa Moll Minigolf, Papa Moll-Weg etc. - werden von den jeweiligen Anbietern finanziert. Das neue Buch ist eine Investition des Globi-/Orell-Füssli-Verlags.

Ihre Mutter, Edith Oppenheim, hat Papa Moll erfunden und auch gezeichnet. Wie ist sie auf die Idee gekommen?

Die Geschichte des Papa Moll ist eng mit der Geschichte der Kinderzeitschrift "Junior" verknüpft. Der "Junior" beeindruckte von Beginn weg Pro Juventute, eine private und unabhängige Stiftung, die sich dem Wohlergehen der Kinder annimmt. Sie gelangte um 1950 an die "Junior"-Herausgeber mit der Bitte, eine echte Alternative zu den billigen Comic-Figuren in den damals verbreiteten "Schundheften" zu kreieren. Die "Junior"-Macher wandten sich an die Kunstmalerin Edith Oppenheim-Jonas, eine "gute, pädagogisch wertvolle Comic-Figur" für die Zielgruppe der 3-10 Jährigen zu schaffen. Edith Jonas erfand nach verschiedenen Vorstufen den Papa Moll. 1952 lagen die ersten Papa Moll-Geschichten vor und von 1953 an erschien diese Geschichte ohne Unterbruch bis heute. Die Künstlerin holte sich manche Idee für die Streiche der Moll-Kinder bei ihren eigenen drei Zöglingen - übrigens auch ein Mädchen und zwei Knaben wie der Moll-Nachwuchs. - Papa Moll, Mama Moll, Willy, Fritz und Evi und der Dackel Tschipsy: Jede dieser Figuren besitzt ihren eigenen, unverkennbaren Charakter, mit dem sich die Leserschaft zu identifizieren weiss. Viele der Geschichten gehen auf reale Ereignisse und Erlebnisse in der eigenen Familie zurück. "Du, mir ist eine Papa-Moll-Geschichte passiert!", ist ein regelmässiger Ausspruch in unserer Familie - bis heute. Und dennoch wird die Realität nicht einfach 1:1 abgebildet; es bedarf der Umsetzung, der Gestaltung, soll die Dramaturgie der Geschichte funktionieren. Das Einfachste ist oft das Schwierigste.

Der "Legende" nach sind Sie das Vorbild von Papa Moll. Stimmt das?

So direkt wohl nicht; ich war damals ja 10 Jahre alt! Dennoch bin ich natürlich von dieser Figur geprägt und beeinflusst; auch für mich ist Humor lebenswichtig. Mein Vater, das"Familienoberhaupt" spielte auch bei den Oppenheims eine zentrale Rolle. Edith Oppenheim entwarf aber zunächst eine Mutterfigur. "Aber ich spürte sehr rasch, dass ich zu wenig Abstand gewinnen würde", notiert sie in ihren Erinnerungen. Edith Oppenheims Mann ist in Grossbritannien aufgewachsen und bringt den feinen englischen Humor in die Familie. Er ist eine humorvolle Persönlichkeit, eher auf Dur als auf Moll gestimmt. Da sich Dur weniger als Name eignet, wählt Edith Oppenheim Moll als Name der neuen Vaterfigur. Eine Lieblingsgestalt von Edith Oppenheim ist aber auch die grosse Frau mit dem kleinen Ehemann - eine bewusst gestaltete Umdrehung der gesellschaftlichen Norm ins Gegenteil! Von solchen Realitätsverschiebungen lebt die Karikatur.

Hatte Ihre Mutter mit diesem durchschlagenden Erfolg von Papa Moll gerechnet?

Meine Mutter ist vor 10 Jahren im Alter von 93 Jahren gestorben; sie hat bis zum letzten Atemzug an der Moll-Story mitgearbeitet, auch wenn seit Anfang der 90er Jahre schon weitere Autorinnen und Zeichner Moll-Geschichten daran waren, der Geschichte Kontinuität zu verleihen. Schon damals war Papa Moll ein Riesenerfolg. Schon damals war die Millionengrenze von Buchverkäufen überschritten.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Papa Moll?

Papa Moll ist keinesfalls der Supermann, der souverän die Geschicke seiner Familie lenkt; er ist von rundlicher Gestalt, mit einem einzigen Haarbüschel auf dem vergnügten Eierkopf. Hingegen ist Papa Moll ein guter Vater mit klaren Grundsätzen und Idealen. Diesen Grundsätzen will Moll im Alltag nachleben und Vorbild sein. Doch die guten Vorsätze werden laufend umgestossen, teils durch eigenes Verschulden, teils durch Missgeschick, teils durch äussere Umstände. Dadurch wird Moll gezwungen, gegen seine tiefsten Überzeugungen zu handeln und manchmal endet das gut gemeinte Vorhaben mit einem Misserfolg. Die Moll-Story spiegelt eine allgemein menschliche Grunderfahrung: Grundsätze sind gut - aber das Leben spielt nicht immer mit. - Das Mittel zur Bewältigung ist Humor. "Humor ist eine Form von Lebensweisheit und bedeutet in Bezug auf Papa Moll die Fähigkeit des Menschen, sich selbst über die Dinge zu erheben und von einer gelasseneren, höheren Warte aus lächelnd zu betrachten" (Edith Oppenheim-Jonas).

Sie waren lange Jahre bei der SRG und bei der SUISA tätig. Was ist heute Ihre Hauptbeschäftigung?

Neben der Wahrnehmung der Papa Moll-Rechte habe ich eine eigene multimediale Produktionsfirma (artup gmbh), die sich im Bereich der kulturellen Kommunikation spezialisiert hat. Ich arbeite mit grossen Kulturinstituten, - Stiftungen und privaten Kulturorganisationen zusammen, produziere Filme, Videos, Websites, Bücher. Zudem habe ich als Nachfolger von Bundesrat Arnold Koller das Präsidium des Forum Helveticum sowie das Präsidium des neuen Internet-Fernsehens www.art-tv.ch übernommen; beides spannende und erfolgreiche Unternehmungen.

Interview: Matthias Ackeret.