Die GiuRu (Dachorganisation der rätoromanischen Jugend) hat in der Nacht vom vergangenen Samstag auf den Sonntag eine neue Kampagne im Bereich Sprachenpolitik lanciert. In verschiedenen Gemeinden der unterschiedlichen idiomatischen Talschaften der Rumantschia haben junge Rätoromanen deutsche Beschriftungen in der Öffentlichkeit mit pinkfarbenen Aufklebern tapeziert. Auf diesen steht die Frage: "Per rumantsch?" oder auf gut Deutsch "Auf Romanisch?".
Mit dieser Aktion möchte die GiuRu die Bevölkerung der Rumantschia und des Kantons Graubünden auf die ihrer Meinung nach zum Teil alarmierende Situation der Minderheitssprache aufmerksam machen. Bei vielen Gemeinden, öffentlichen Institutionen, privaten Unternehmen, Restaurants sowie in der Werbung und weiteren mehr komme die romanische Sprache zu kurz, wie die GiuRu in einer Medienmitteilung erklärt. Die genannten Akteure würden ihre Beschriftungen oft nur auf Deutsch formulieren. Dies geschehe manchmal aus Faulheit, Ignoranz, oder auch aus fehlender Aufmerksamkeit oder Sensibilität. Viele romanisch- als auch deutschsprachige Personen seien sich der langfristigen Konsequenzen ihres Verhaltens für die romanische Sprache und Kultur nicht bewusst. Die romanische Sprache verliere so aber täglich immer mehr von ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit und dadurch auch ihre Wichtigkeit und ihre Legimitation.
Mit ihrer Kleberkampagne möchte die GiuRu provozieren, auf die Problematik hinweisen und eine Grundsatzdiskussion über den Status der rätoromanischen Sprache im Kanton Graubünden lancieren. Durch den grossen Streit über Idiome und Rumantsch Grischun habe die Rumantschia ihre wahren Probleme vergessen und verdrängt. So fordern die Jugendlichen denn auch, ein klar definiertes romanisches Sprachgebiet, in welchem die vierte Landessprache besonderem Schutz unterstellt sei.
Die Botschaft auf den Klebern richtet sich in erster Linie an alle Rätoromanen, wie die GiuRu weiter schreibt. Diese sollen sensibilisiert werden, die romanische Sprache in ihrem Alltag auf selbstverständliche Art und Weise zu gebrauchen und regelmässig ihr Recht einzufordern, diese in der Öffentlichkeit zu verwenden. Zudem soll auch die deutschsprachige Mehrheit im Kanton Graubünden an dieser Diskussion teilnehmen. Denn heute machten diese in ihren Dokumenten und öffentlichen Beschriftungen vom Romanischen nur Gebrauch, wenn sie von der Einzigartigkeit der romanischen Sprache und Kultur profitieren könnten (zum Beispiel Tourismus). Dies ist gemäss GiuRu aber eine Alibihaltung, und keine aufrichtige Solidarität. In der Nachrichtensendung Telesguard der Televisiun Rumantscha nimmt Marcel Friberg, Präsident von Graubünden Ferien zu diesem Vorwurf Stellung und gibt zu verstehen, dass die romanische Sprache im Tourismus nicht lediglich zum plakativen Gebrauch eingesetzt wird. So würden zum Beispiel die Geschäftsberichte verschiedenster touristischer Destinationen auf Romanisch herausgegeben.
Domenic Toutsch, Präsident des Verein Pro Idioms Engadin hat für die pinkfarbenen Aufkleber und deren Motivation kein Verständnis und meinte gegenüber der "Südostschweiz": "Für mich ist das eine sprachextremistische Aktion." Es sei unabdingbar gewisse Beschriftungen und Publikationen auf Deutsch vorzunehmen - aus Rücksicht auf die Nicht-Romanisch-Sprechenden. Als Verfechter der Idiome ist Toutsch überzeugt, dass das Rumantsch überleben werde, wenn die Idiome im Alltag gesprochen und gepflegt werden - wie dies bis anhin der Fall war. Der Vorschlag von der GiuRu ein offizielles romanisches Sprachgebiet zu schaffen, empfindet Toutsch als völlig "haltlos".
Andere Adressaten des Aktion, wie zum Beispiel der Gemeindepräsident von Ilanz, Rino Caduff, tut die Aktion als "jugendlicher Leichtsinn" ab. Dieser wusste auch zu berichten, dass bisher keine Beschwerden bei der Polizei eingegangen seien, wie die "Südostschweiz" weiter schreibt. (pd/lf)