Herr Pernet, am Freitag öffnet die Grafik14, die grösste Werkschau für Grafik und Neue Medien der Schweiz, ihre Pforten. Wer steht hinter dieser Veranstaltung, die heuer zum dritten Mal stattfindet?
Veranstalter der Grafik14 ist die Firma Blofeld Entertainment, die ich zusammen mit meinem Geschäftspartner Peter Kurath seit 10 Jahren als Inhaber führe und die Kulturveranstaltungen wie die photo14, die Grafik14, die Architektur 0.14 und das Songbird Festival Davos produziert. Strategisches Ziel unserer Veranstaltungen ist, dass wir in verschiedenen Disziplinen der Kreativwirtschaft Plattformen aufbauen wollen, auf der sich talentierte Newcomer ebenso präsentieren können wir etablierte Stars, Plattformen, die als Werkschauen konzipiert sind und entsprechend von den kreativen Inhalten leben, die aber gleichwohl die Leute vernetzen und als coole Lifestyle-Plattformen wahrgenommen werden.
Laut Ihrer Pressemitteilung geniesst die Schweizer Grafik Weltruf. Ist das derzeit wirklich der Fall?
Die Schweizer Grafik geniesst unbestritten und immer noch Weltruf. So sind zwei der weltweit meistbenutzen Schriften Schweizer Schriften, Helvetica und Frutiger. Die Grafik14 hat den Anspruch, diesen Weltruf zu legitimieren und 120 der grössten grafischen Talente zu zeigen, die dieses Land gerade zu bieten hat. Damit hat die Veranstaltung selber noch keinen Weltruf, dafür ist sie auch zu jung. Aber sie hat schon jetzt ein international sehr gutes Standing.
Darum ist es uns auch gelungen, dass dieses Jahr Weltstars wie die Street-Art-Legenden CAN2 und Boris Hoppek, die Grafiker Sacha Vidakovic und Christian Hundertmark, das französische Studio Superscript oder der kalifornische INCUBUS-Frontman und Illustrator Brandon Boyd Arbeiten an der Grafik14 zeigen und gar persönlich präsent sind. Boyd zeigt übrigens erstmals in Europa seine grafischen Arbeiten, eine unglaubliche Ehre.
Handelt es sich dabei um eine Ausstellung oder eine Messe? Oder anders gefragt: Wen soll Sie ansprechen, bzw. womit soll die Besucherin, der Besucher nach Hause gehen?
Die Grafik14 ist als Werkschau konzipiert. Die 120 Aussteller haben alle dieselbe Ausstellungsfläche und sind angehalten, aktuelle Arbeiten zu zeigen, mit Vorliebe freie Arbeiten. Die Auswahl macht das Kuratorenteam um Harun "Shark" Dogan. Selbstverständlich sollen die Aussteller durch die Werkschau zu Aufträgen kommen und auch Bilder vor Ort verkaufen. Aber eine klassische Messe ist die Grafik14 in dem Sinne nicht. Mehr ein cooler Lifestyle-Event mit Kunst, Kreativität, DJs, Live-Paintings und visuell interessierten Leuten. Das macht wohl auch den grossen Publikumserfolg aus.
Wie verhindern Sie, dass das Ganze nicht zu einer zufälligen zusammengewürfelten Ansammlung von grafischem Allerlei wird?
Dafür ist unser Kuratorenteam um Shark verantwortlich. Er hat die Aufgabe, das Schweizer Grafikszene in ihrer Breite, inhaltlich wie geografisch, abzubilden. Und jeweils die besten Vertreter wie auch die grössten neuen Talente zu zeigen.
Welche Namen muss man sich merken? Auf welchen Websites kann man Inspiration tanken?
Die schwierigste Frage überhaupt, weil halt der Geschmack letzten Endes subjektiv ist. Mich faszinieren die gemalten Werbeplakate von Eric Andersen, die bedruckten Toastbrote von Stephanie Schulthess, der Style des Büro Destruct oder der Nevercrew, die Arbeitsmethode der 3D-Grafikerin Stephanie Stutz oder des Street Artisten Malik, die illustrative Verspieltheit von Cindy Winkelried und Linus von Moos, die visuelle Opulenz von Silvan Zurbriggen und STVAN, die illuminierte Kreativität von Projektil (persoenlich.com berichtete), die brilliante Schrägheit von Mark Gmehling und Boris Hoppek. Ach, fast zu jedem Aussteller fällt mir was ein. Die Qualität dieses Jahr ist sehr, sehr hoch. Man kann sich wunderbar durch unseren Katalog klicken und seine Favoriten rausfiltern.
An der Werkschau sind auch viele Streetart- und Graffiti-Künstler vertreten. Wie stark ist ihr derzeitiger Einfluss auf das, was schlussendlich als "Gebrauchsgrafik" Einzug in den Alltag hält?
Sehr gross. Die Streetart Künstler der ersten Generation sind heute CDs in Werbeagenturen. Und bestimmen, was Gebrauchsgrafik wird. Aus meiner Sicht spannend ist aber die Graffiti-Generation, die jetzt nachrückt. Wie RuffKid, Räuber-Muri, Malik oder Sam Oibel. Sie stehen für das Comeback der Strassenkünstler. Authentisch, echt, kreativ. Die arbeiten ganz anders und sehr viel stärker über verschiedenste Kanäle. So ist ihre Wirkung auch sehr viel grösser und intensiver.
Einer der Schwerpunkte der diesjährigen Ausgabe sind die Neuen Medien und neue Formen der grafischen Gestaltung: Games, Lichtprojektionen, Apps, etc. Ist die Schweiz in diesen Bereichen vorne mit dabei?
Ja, das ist sie. Es ist kein Zufall, dass Walt Disney ein (Design-) Forschungslabor oder Google ein Entwicklungszentrum in Zürich betreiben. Die Schweiz ist dank der ETH in Zürich und Lausanne technologisch taktangebend. Und hat im Design und in der Grafik einen Weltruf. Diese Kombination ist einzigartig. Wie man auch bei vielen Ausstellern sehen wird. Wir haben im Bereich der Neuen Medien eine sehr lebendige Szene, die man aber – zugegeben – noch nicht so kennt, auch weil sie sehr international ausgerichtet ist.
Sind eigentlich ausschliesslich Aussteller aus der Schweiz mit dabei?
90 Prozent der Aussteller sind Schweizer oder in der Schweiz wohnhaft. Aber ausländische Stars wie CAN2, Boris Hoppek, Sasha Vidakovic von SVIDesign, Slanted, das französische Studio Superscript oder Brandon Boyd sorgen für das Salz in der Suppe. Und sollen unsere Schweizer Talente auch kreativ herausfordern.
Blofeld organisiert Werkschauen en masse: Photo14, Architektur14, Grafik14. Welcher Bereich ist noch nicht abgedeckt?
Design und Mode fehlen noch – die haben wir in der Veranstaltung TRENDBOULEVARD zusammengefasst, die wir bald in einer leicht abgeänderten Form und nach vier Jahren Pause wieder aufnehmen. Und Kunst. Hier habe ich ein ganz spannendes und neues Konzept in petto, das es so in dieser Form noch nicht gibt, meines Erachtens den Zeitgeist sehr gut widerspiegelt und das wir sehr bald umsetzen werden.
Fragen: Adrian Schräder//Illustration: Stephanie Stutz