Herr Litscher, wie ist das Wetter in Dar es Salaam?
Jetzt wieder gut, die Regenzeit geht dem Ende zu und langsam werden die Temperaturen wieder angenehmer.
Sie haben für Vikapu Bomba eine Crowdfunding-Kampagne lanciert. Wozu brauchen Sie 32'000 US-Dollar?
Die Mitarbeiterinnen von Vikapu Bomba stellen in Iringa Taschen und Körbe her. Mit dem gesammelten Geld wollen wir 100 zusätzliche Flechterinnen engagieren, um unsere Produktion zu verdoppeln und ein internationales Online-Vertriebssystem mit Sitz in Deutschland aufzubauen. Zudem wollen wir Flechtzentren errichten, so dass die Frauen, die im Moment noch von zuhause aus arbeiten einen zentralen Ort haben um zusammenzukommen, die Produkte zu lagern oder Sitzungen abzuhalten.
Wie sind Sie darauf gekommen, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten?
Der klassische Ansatz wäre es gewesen, einen Geldgeber von unserem Startup zu überzeugen. Wir haben aber schnell gemerkt, dass Crowdfunding für uns das attraktivere Finanzierungsmodell ist. Es ist eine sehr gute Generalprobe für die Vermarktung, weil man das Geld ja direkt über den Verkauf der Produkte erhält und sie zugleich vermarktet. Bevor wir auf den Crowdfunding-Startknopf gedrückt haben mussten wir sicherstellen, dass alles perfekt funktioniert, die Website steht, die Versandlogistik läuft, der Lagerbestand gesichert ist. Alleine durch die Vorbereitung auf die Kampagne sind wir als Startup extrem gewachsen.
Was hat Sie denn überhaupt nach Tansania verschlagen?
Mein Vater ist Diplomat und wir sind sehr international aufgewachsen. Seit fast zehn Jahren lebe ich nun in Ostafrika und fühle mich in dieser Region sehr wohl. Meine Eltern waren im Rahmen ihres Berufes bereits in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. So habe ich schon früh einen Einblick in diese Welt erhalten. Nach Tansania sind wir vor etwa fünf Jahren gezogen, weil meine Verlobte hier für ihre Masterarbeit forschte.
Wie sind Sie darauf gekommen, handgeflochtene Körbe und Taschen zu vertreiben?
Die junge tansanische Studentin Catherine Shembilu, gründete bereits 2011 eine erste Gruppe von Flechterinnen und produzierte Taschen im kleinen Rahmen. Ich habe ihr dann vorgeschlagen, die Taschen über weitere Kanäle zu verkaufen. Wir haben hier eine Basis an Frauen, die in Armut leben aber eigentlich über das Knowhow verfügen, um ein wirklich gutes Produkt herzustellen. Es fehlte also eigentlich einfach an den Vermarktungsmöglichkeiten. Ende 2013 haben wir unsere Taschen erstmals in einem grossen Markt in Dar es Salaam verkauft und waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft und mit neuen Aufträgen eingedeckt. Ab diesem Zeitpunkt begann sich Vikapu Bomba von einer kleinen lokalen Initiative in ein erfolgreiches soziales Startup-Unternehmen zu entwickeln.
Und was ist Ihre Motivation, als Social Entrepreneur tätig zu sein?
Durch meine Erfahrungen mit Entwicklungsorganisationen wurde ich kritisch gegenüber den klassischen Ansätzen. Ein Projekt erhält für einen bestimmten Zeitraum ein Budget und muss ganz bestimmte Ziele erreichen. Nach Ablauf dieser Frist werden die Projekte oft nicht weitergeführt und die erzielten Fortschritte versanden ein paar Jahre nachdem die Entwicklungshelfer abgezogen sind.
Was glauben Sie, woran das liegt?
Ich denke, dass Entwicklungsprojekte oft schlicht nicht dem lokalen Kontext angepasst werden und dass die internationalen Mitarbeiter dieser Organisationen manchmal kein ausreichendes Verständnis für die Situation vor Ort haben.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Also in Tansania etwa funktioniert immer noch jedes Dorf nach klaren Strukturen und Hierarchien. Oft bauen Projekte aber nicht darauf auf, sondern kommen von aussen hinzu und wollen ganz neue Prozesse einführen und neue Strukturen etablieren. Das führt schlussendlich dazu, dass die Projekte von der lokalen Bevölkerung nicht mitgetragen werden. Manchmal verstehen NGOs auch die tatsächlichen Interessen und Ansprüche der Menschen, denen sie eigentlich helfen wollen nicht richtig. So kann Entwicklungsarbeit nicht nachhaltig sein.
Was ist Ihrer Meinung nach eine Alternative?
Ich bin je länger je mehr der Meinung, dass marktwirtschaftliche Ansätze als Mittel zur Armutsbekämpfung sehr effektiv sein können. Wir geben so viel Geld an die Flechterinnen zurück wie wir können, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit des Produktes negativ beeinflusst wird. Das sind 30 Prozent des Produktpreises, also etwa zweieinhalbmal der Preis, den sie durch einen lokalen Händler erzielen würden.
Und was ist nun das Geschäftsmodell hinter Vikapu Bomba?
Uns ist es wichtig, dass der Handel direkt und persönlich ist. So wollen wir einen Schritt weitergehen als der traditionelle Fairtrade-Ansatz. Auch weil immer öfter die Kritik aufkommt, dass Fairtrade mehr Label als Inhalt ist und den Preis in die Höhe treibt, ohne dass die Produzenten davon profitieren. Unsere Produkte kommen direkt von der Flechterin zum Kunden – ohne Mittelmänner. Zudem ist jeder Artikel versehen mit einer personalisierten Etikette, welche das Foto und die Geschichte der individuellen Produzentin aufzeigt. So wollen wir die grosse Distanz zwischen Kunden und Produzentinnen überbrücken.
Lassen sich die Frauen gerne als Testimonials einspannen oder müssen Sie sie davon überzeugen?
Das mag nach einem Klischee klingen, aber wir kennen unsere Mitarbeiterinnen wirklich sehr gut, zwischen uns besteht ein Vertrauensverhältnis. Wenn wir ihnen nun erklären, weshalb wir sie fotografieren wollen und warum ihr Name und ihre Geschichte auf die Etiketten gedruckt werden, dann stossen wir damit auf offene Ohren.
Sie haben vorhin gesagt, dass manche Entwicklungsprojekte nicht den lokalen Gegebenheiten angepasst sind. Wie fügt sich Vikapu Bomba in den Alltag ein?
Wir bauen auf bestehenden Fähigkeiten auf. Flechten hat im südlichen Hochland Tradition, von Generation zu Generation wird ein bestimmter Flechtstil weitergegeben. Manche unserer Flechterinnen hatten das Handwerk aber aufgegeben, weil es schlicht nicht mehr rentiert hat. Der Marktzugang, den wir ihnen garantieren können erlaubt es ihnen, ihre Lebensumstände durch vorhandene Fähigkeiten merklich zu verbessern.
Woran machen Sie diese Verbesserungen fest?
Die Flechterinnen können nun ihre gesamten Haushaltsausgaben mit ihrem Handwerk decken, ihre Familien gut ernähren, manche haben in Solarzellen investiert, um auch abends Licht zu haben und ihre Häuser sind mit Wellblechdächern ausgestattet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hier besonders Frauen sehr verantwortungsvoll mit Geld umgehen. Viele legen ihr Geld in lokalen Spargruppen an und planen voraus oder investieren in weitere Mikrounternehmen. Mich freut besonders, dass viele Frauen ihre Kinder nun in bessere Schulen schicken können. Das sind unglaublich eindrückliche Veränderungen innerhalb kürzester Zeit.
Sie haben Politikwissenschaften studiert und brüten jetzt über Marketingstrategien. Wie haben Sie sich das Wissen dazu angeeignet?
Vieles läuft hier noch über learning by doing. Ich habe aber bereits Werbevideos und Bilder für Organisationen realisiert und in Mozambique hat unsere Familie eine Ökolodge aufgebaut, von daher sind mir Marketingmassnahmen nicht ganz fremd. Und natürlich helfen Freunde aus dieser Branche mit Ideen und Inputs aus. Ich suche aber auch auf Youtube und Google nach «How to write a press release» und ob man eine Medienmitteilung als Anhang verschickt oder direkt in die Mail packt (lacht).
Bilder: zVg.