Herr Schultheiss, Sie sind seit dem 27. Januar Verkaufsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung bei Clear Channel. Was konnten Sie in den letzten zwei Monaten bewirken?
Wir möchten noch näher am Markt und bei den Kunden agieren, um massgeschneiderte und wirkungsvolle Medienlösungen anzubieten. Deshalb haben wir unser Team verstärkt, damit wir den Bedürfnissen unseren Kunden noch besser Rechnung tragen können.
In welchem Umfang haben Sie das Team verstärkt?
Wir haben zwei Personen eingestellt, die für den direkten Kundenkontakt zuständig sind.
Was bewog Sie, nach Ihrem Zwischenstopp bei Mediaschneider, wieder zurück in das Aussenwerbungs-Segment zu gehen?
Nach 18 Monaten bei Mediaschneider habe ich gemerkt, dass Aussenwerbung eine sehr faszinierende Welt ist, die mir gefällt. So fiel es mir nicht schwer, diese spannende und interessante Aufgabe bei Clear Channel zu übernehmen, als ich angefragt wurde. Die Schweiz ist ein Aussenwerbeland schlechthin, ein Plakatland in dem Sinne. Der Virus hat mich nie wirklich losgelassen.
Welches sind die Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit bei Clear Channel jener bei der APG|SGA?
Einerseits sicher die Grösse des Unternehmens. Die APG|SGA ist Marktführerin, da gibt es keine Diskussion. Wir bei Clear Channel sind die Jäger. Wir setzen uns seit vielen Jahren für mehr Wettbewerb ein, damit auch wir bei der Plakatierung im öffentlichen Raum zum Zuge kommen. Die Städte Bern und Zürich nehmen diesbezüglich eine wichtige Vorreiterrolle ein.
Fühlen Sie sich denn in dieser jagenden Position wohler als in derjenigen des Gejagten?
Wer ist schon nicht lieber Jäger (lacht), obwohl man als Gejagter immer vorne ist. Die Aufgabe, die Leute, das Team, und auch die gesamte Einbettung in einem internationalen Konzern ist eine ganz andere als diejenige bei der APG|SGA. Zwar hatte ich auch dort internationale Beziehungen und Tätigkeiten, jedoch eine völlig andere Ausgangslage.
Welche persönlichen Ziele haben Sie sich bei Clear Channel gesetzt?
Gut zuhören, gut hinschauen, dann handeln und dabei viel Spass haben. Das heisst für mich und mein ganzes Team durch Kreativität, technologische Weiterentwicklung und Effektivität unseren Kunden und Partnern noch mehr Nutzen und Mehrwert zu bieten. Wir müssen einfach nochmals ein Brikett drauflegen.
Sie haben kürzlich die neue Aussenwerbeplattform Connect lanciert, bei der Konsumenten direkt mit ihren Smartphones auf interaktiven Content von Werbetreibenden zugreifen können (persoenlich.com berichtete). Wie sehen Sie die Chancen dieses Produkts?
Wir investieren grundsätzlich nur in Produkte, bei denen wir das Gefühl haben, dass diese gute Chancen haben. Einerseits sind wir uns sicher, dass die Konsumenten die Möglichkeit zur Interaktion rege nutzen werden. Andererseits ist es erwiesen, dass das Smartphone in unserer Gesellschaft eine immer stärkere Bedeutung einnimmt. Zunehmende Mobilität ist ein grosses Thema und die Internetaktivität auf mobilen Geräten wird diejenige an der Arbeit und zu Hause bald übertreffen. Der Desktop rückt je länger je mehr in den Hintergrund. Wir investieren in die Zukunft dieser Technologie, wobei es Aussenwerbung als Wegweiser braucht.
Clear Channel lanciert Connect bis im Sommer in einigen Ländern, quer über den Globus verteilt. Haben solche interaktiven Aussenwerbeformen in allen Ländern die gleiche Chance wie in der Schweiz? Worauf muss man da achten?
Es gibt sicher Mentalitätsunterschiede, gewisse Länder sind gegenüber neuen Technologien offener als die Schweizer. Zudem kämpfen wir in der Schweiz mit immer mehr Restriktionen und Vorschriften. In den anderen Ländern wie zum Beispiel England und Holland sind solche Produkte schon seit längerem etabliert. Die Zurückhaltung in der Schweiz ist gross. Hier sagen wir lieber mal Nein, warten ab und lassen die anderen gerne die Fehler machen. Wir hingegen machen nun den ersten Schritt und starten den Piloten.
Gibt es ein Land das ähnlich restriktiv ist wie die Schweiz?
Wenn ich die Märkte anschaue, ist dies in Deutschland und Österreich, also in den DACH-Regionen, ähnlich. Ich wage die Behauptung, dass die Schweiz trotzdem am konservativsten agiert.
Wann wird Connect definitiv in der Schweiz lanciert, wenn das Pilotprojekt ab Mai erfolgreich verläuft? Was braucht es für solch einen erfolgreichen Verlauf?
Wir benötigen primär gute Passanten-Lagen. Natürlich ist auch die Nachfrage unserer Kunden und Partner wichtig. Momentan sind wir an der technischen Installation. Zurzeit ist es verfrüht zu sagen, was erfolgreich genau heisst. Wir werden zusammen mit unseren Kunden auswerten, wie Connect zur Maximierung der Werbewirkung beiträgt.
Wie sehen Sie die Markt-Entwicklung im Bereich out of home in den nächsten Jahren? Welche neuen Werbeformen werden noch kommen?
Das Plakat ist von allen klassischen Medien dasjenige, welches den höchsten Return on Investment erzielt. Jeder investierte Franken spielt etwas zurück. Die Werbeauftraggeber realisieren dies zunehmend, der Aussenwerbemarkt birgt daher ein enormes Potenzial. In den Bereichen Digital und Mobile wird es sicherlich weitere interessante Entwicklungen geben. Solange die Schweiz von einem positiven konjunkturellen Umfeld profitiert, besteht auch die Möglichkeit, in solche Projekte zu investieren. Ich stelle mir vor, dass gewisse Entwicklungen, die wir anstossen, auch für unsere Partner ein Pilotprojekt darstellen, bei dem auch sie Neues ausprobieren und daraus ihre Lehren ziehen können.
Also sehen Sie trotz Digitalisierung weiterhin Chancen, dass die klassischen Plakate bestehen bleiben?
Absolut. Das klassische Buch ist schon zig Mal tot geredet worden und es lebt immer noch. Gewisse Dinge leben nun mal durch ihren Geruch und ihre Haptik. Trotz der aufkommenden "Wischer-Gesellschaft" und der Multi Sensorik hat das geklebte Plakat, eines der ältesten Medien, eine grosse Zukunft vor sich. Plakate gab es schon immer und wird es in irgendeiner Form auch immer geben. Plakat-Botschaften können durch Verbindung der realen mit der digitalen Welt interaktiv verlängert werden.
Clear Channel setzt laut eigenen Angaben auf grosses Umweltbewusstsein. Wie ist das in der zunehmend technologisch werdenden Welt möglich?
Plakatträger zu recyceln ist für uns ein wichtiges Thema, umweltverträglicher Leim eine absolute Selbstverständlichkeit. Umweltbewusstsein ist bei uns auch im Zusammenhang mit Leuchtplakaten sehr wichtig. Diese verfügen über modernste LED-Beleuchtung mit geringem Stromverbrauch. Die Kosten sind zwar im Augenblick oft höher, die Lebenszeit dafür dann länger. Im Sinne einer nachhaltigen Unternehmensführung ist es unser Credo, nicht nur im Umweltbereich aktiv zu sein, sondern auch soziale Verantwortung zu übernehmen. Kein anderer Zweig der Werbung steht derart im Schaufenster der kritischen Öffentlichkeit wie das Plakat, also müssen wir uns immer wieder bewusst sein, was wir tun und machen. So können zum Beispiel Non-Profit Organisationen bei uns von sehr attraktiven Konditionen profitieren.
Was für Non-Profit Organisationen?
Helvetas, das Schweizer Paraplegiker-Zentrum oder der WWF beispielsweise.
Leben Sie privat auch bewusst umweltschonend?
Ich versuche es. Es ist manchmal aber auch schwierig zu sagen, wo dieses Thema anfängt bzw. aufhört. Die einen sagen, wenn man Batterien vom übrigen Müll trennt, sei das schon mal sehr gut. Andere sind zufrieden, wenn man von vier auf drei Autos herunterschraubt (lacht). Eine interessante Frage, aber nicht einfach zu beantworten. Ich gebe mir Mühe.
Interview: Marco Lüthi, Bilder: zVg.