Wie loyal ist die "Generation Y"?

Procter & Gamble - Kritische Worte von Ralf Gehlen, dem Länderchef von Procter & Gamble Switzerland, am Schweizer Markenkongress, welcher am 5. Juni im Zürcher Hotel The Dolder Grand durchgeführt wurde. Gegenüber "persönlich" äusserte er sich zur Strategie des US-Konzerns, zum Frauenanteil in seinem Unternehmen und zur Bedeutung der Masseneinwanderungsabstimmung.

Herr Gehlen, am Schweizer Markenkongress in Zürich stellten Sie die "Generation Y", also die vor 1998 geborenen und gut ausgebildeten Mitmenschen, als "loyale Markenbotschafter" infrage. Woher stammen Ihre Zweifel?
Als Generation Y bezeichnen wir die junge Generation von Managern, die als Digital Natives den Arbeitsmarkt bereichert und "vermeintliche Besonderheiten" gegenüber der Generation X und meiner Generation der Babyboomer aufweist, die ich in meinem Vortrag beim diesjährigen Schweizer Markenkongress ansprechen möchte. Die Frage, ob diese Generation "loyale Markenbotschafter" hervorbringt, werde ich in meinem Vortrag schwerpunktmässig über meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Generation als "Kollegen" bei P&G beantworten. Diese persönlichen Erfahrungen sind sehr positiv, aber ich habe natürlich auch selbst die Besonderheiten dieser Generation erlebt und mitunter durchaus lustige Erfahrungen zu berichten.

Gibt es heute überhaupt noch loyale Käufer, oder wird das ganze Kaufverhalten durch den Preis bestimmt?

Der Preis hat seine Bedeutung als Unterscheidungskriterium aus meiner Sicht verloren, zumindest in den Kategorien, in denen P&G seine Produkte anbietet. Was viel eher den Unterschied macht, ist die Sortimentskompetenz sowie die Ansprache des Shoppers durch intelligente Vermarktungsmassnahmen. Wer die Bedürfnisse des Shoppers und der Konsumenten am besten versteht und sein spezifisches Angebot an seine Kunden darauf abstimmt, der gewinnt das Rennen.

Vor zwei Jahren wurde Procter & Gamble kritisiert, sie zocke Schweizer Kunden ab, weil die Pampers viel teurer seien als im Ausland. Haben Sie Verständnis für diese Kritik? Hat Sie die Lage an der Preisfront beruhigt?

Dies ist ein Dauerthema, das wir nach wie vor sehr ernst nehmen, und da sind wir nicht die Einzigen.

Wie beurteilen Sie als Konsumgüterproduzent das "Duopol" im Schweizer Detailhandel?

Ich habe mich daran gewöhnt.

Sie haben in einem Interview kritisiert, dass man in der Schweiz Innovationen zu wenig Chancen gäbe. Wie muss man dies verstehen?
Eine wirtschaftlich erfolgreiche Einführung neuer Produkte stellt in der Schweiz eine besonders grosse Herausforderung dar – grösser als in anderen Ländern Europas, in denen ich gearbeitet habe. Dies liegt an den Strategien im Handel, entweder in erster Linie Eigenmarken zu forcieren oder auf ein sehr komplexes System von Neuprodukt-Einführungsinstrumenten und -gebühren zu setzen, das verhindern soll, dass zu viele "Flops" gelauncht werden. Aufgrund so hoher Markteintrittsbarrieren muss man daher einen sehr langen Atem und erhebliche Investitionen mitbringen, um eine Chance auf eine nationale Einführung in der Schweiz zu haben. Diese Situation fördert entsprechend nicht gerade die Freude, Innovationen im Schweizer Markt zu erproben.

Wie viele neue Produkte bringen Sie jährlich auf den Markt?

Innovation ist das Lebenselixier von P&G. Diese Innovationen finden sich bei P&G in der gesamten Wertschöpfungskette und beschränken sich nicht auf "neue Produkte". Vielmehr investieren wir kontinuierlich sowohl in neue, innovative Produkte und Dienstleistungen als auch in Innovationen bei Vertrieb und Vermarktung, die ein einmaliges Einkaufserlebnis für den Konsumenten ermöglichen.

Früher galt die Schweiz als Testmarkt. Ist dies immer noch so?

Die Schweiz kann in meinen Kategorien nicht mehr als Testmarkt bezeichnet werden. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von etablierten Produkten, die in der Schweiz gar nicht erhältlich sind. Das ist schade, aber wie bereits erläutert unter anderem mit den hohen Markteintrittsbarrieren für Innovationen zu erklären.

Sie produzieren bekannte Marken wie beispielsweise Duracell, Meister Proper, Pampers, Gillette. Was zeichnet schlussendlich den Procter & Gamble-Spirit aus?
Wir wollen den Alltag der Verbraucher jeden Tag ein bisschen angenehmer machen: mit hervorragenden Produkten und Services, starken weltweiten Marken, die das Vertrauen von Konsumenten in aller Welt geniessen, und 4,8 Milliarden Menschen weltweit, die unsere Produkte verwenden. Der "Spirit" mit dem wir dies erreichen, ist ein überragender Innovationsgeist, der alle Bereiche unseres Unternehmens durchdringt, eine starke Führungsmannschaft, der wir vertrauen können, und nicht zuletzt Mitarbeitern, die zu den Besten gehören.

Allein in der Schweiz beschäftigen Sie über 3'100 Mitarbeiter aus 70 Ländern. In welchen Bereichen sind diese tätig?

Bei P&G in der Schweiz sind mehr als 3'000 Mitarbeiter aus 70 Ländern – vor allem Schweizer und andere Europäer – beschäftigt. Die Mitarbeiter in unserem EMEA- Hauptsitz (Europe, Middle East & Africa) in Genf arbeiten in regionalen – zum Teil auch globalen – multifunktionalen Teams, die Strategien zum Beispiel für unsere Babypflege-, Beauty- oder Health-&-Grooming-Marken entwickeln und umsetzen. Zum überwiegenden Teil sind diese Mitarbeiter in kommerziellen Funktionen, wie Brand-Management, Vertrieb oder Finanz tätig. Darüber hinaus gibt es auch Mitarbeiter in Einkaufs- und Produktionsfunktionen am Standort Genf. Zudem haben wir Standorte in Schlieren und Allschwil, an denen sich die Mitarbeiter auf die Vermarktung und den Vertrieb unserer Marken in der Schweiz fokussieren.

Der Hauptsitz Ihres Konzern ist in der Romandie. Hat dies steuerliche Gründe?

P&G hat die Schweiz bereits vor mehr als 60 Jahren als Standort gewählt – und die Gründe dafür sind bis heute gültig: P&G benötigt (genau wie andere multinationale Konzerne) mehrsprachige, leistungsstarke Mitarbeiter, ein stabiles wirtschaftliches und politisches Umfeld, eine hoch entwickelte Infrastruktur und eine inspirierende und innovative Umgebung. Das alles finden wir an unseren verschiedenen Standorten in der Schweiz.

Ist die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative für Procter & Gamble Schweiz ein Problem?
Wir kommentieren prinzipiell keine politischen Fragestellungen und wollen uns auch nicht an Spekulationen über den möglichen Ausgang von Referenden beteiligen. Seien Sie aber versichert, dass die Schweiz auch in Zukunft ein wichtiger Standort für P&G bleiben wird.

Inwiefern können Sie in der Schweiz autonom agieren?

Der Fokus meines Teams liegt darauf, globale oder regionale Strategien im Schweizer Markt erfolgreich zu vermarkten und zu vertreiben. Unser tiefes Verständnis der lokalen Shopper und Konsumenten sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Detailhandel und unseren lokalen Geschäftspartnern sind hierbei unsere Erfolgsfaktoren.

Noch ein Wort zu Ihnen: Sie arbeiten seit
 21 Jahren bei Procter & Gamble. Hatten Sie nie Abwanderungsgelüste?

Es sind mittlerweile 23 Jahre, die wie jede Karriere von reichhaltigen Erfahrungen geprägt waren, die natürlich nicht alle gleich viel Spass gemacht haben. Die einzigartige Unternehmenskultur von P&G und die hohe Dichte von charismatischen Talenten, die mich jeden Tag aufs Neue begeistert und glücklich macht, hat aber dafür gesorgt, dass ich P&G in all den Jahren treu geblieben bin. Diese Firma hat das "gewisse Etwas", das Menschen bindet, ohne sie zu fesseln.

Wie motivieren Sie sich und Ihr Team?
P&G als Arbeitgeber stellt immer den Menschen in den Mittelpunkt. Wir unternehmen daher viel, um unseren Mitarbeitern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie voll und ganz ihre Stärken entfalten können. Wir investieren in Trainings: 10 Prozent des Arbeitsentgeldes werden jährlich in Weiterbildung investiert; fokussieren stark auf Vielfalt, was zum Beispiel in einem Frauenanteil von 43 Prozent unter den Managern resultiert; bieten hohe Flexibilität bei der Arbeitseinteilung mit Home-Office-Lösungen, Teilzeitarbeit, Job-Sharing, flexiblen Arbeitszeitmodellen, Sabbaticals sowie Mutterschafts- und Vaterschaftsurlauben und kümmern uns um das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, zum Beispiel mit Angeboten wie Fitness, Gesundheitschecks, Yoga, Massage an den Standorten. Und hier schliesst sich der Kreis zur Generation Y, denen man ja auch zuschreibt, sehr hohe Ansprüche an den für sie perfekten Arbeitsplatz zu stellen. Mit all unseren Angeboten schaffen wir es erfolgreich, Toptalente für uns zu gewinnen und auch langfristig zu halten. Meine grösste Motivation ist neben dem geschäftlichen Erfolg die grosse Befriedigung zu sehen, wie ich junge Menschen und mich selber in relativ kurzer Zeit weiterentwickele. Das macht am meisten Spass.

Welches Problem beschäftigt Sie momentan am meisten?

Eine konstante Herausforderung für uns ist es, die Bedürfnisse des Schweizer Shoppers und der hiesigen Konsumenten immer besser zu verstehen und ihnen spezifisch darauf abgestimmte Angebote zu machen. Hier spielt das Einkaufserlebnis eine immer grössere Rolle, der wir durch innovative Vermarktungsmassnahmen gerecht werden wollen. Ein Beispiel hierfür sind Multi-Marken-Aktionen, in denen wir Schweiz-spezifische relevante Themen aufgreifen: So haben wir im Rahmen unseres globalen Olympia-Engagements gemeinsam mit der Schweizer Sporthilfe und den Detailhändlern junge, sportliche Nachwuchstalente bekannter gemacht und ein Stück auf ihrem Karriereweg begleitet. Darüber hinaus sei hier die Wahl der Miss Schweiz als Markenbotschafterin für Venus und Oral B genannt.

Interview: Matthias Ackeret, Bild: Procter & Gamble

Dieses Interview erschien erstmals in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.