Stanislas Wawrinka ist der Mann der Stunde im Schweizer Sport. Nach der Auszeichnung zum "Schweizer des Jahres" folgte der sportliche Gross-Erfolg beim Australian Open. Müssen seine bisherigen Sponsoren Yonex, Visilab, Fromm und Co. nun tief in die Tasche greifen, um ihr Aushängeschild weiter als Testimonial zu nutzen? Wie stehen nun seine Chancen auf dem Werbe- und Sponsoringmarkt? Hat sich sein Wert gesteigert und inwiefern kann sich der Tennis-Champion auf internationale Sponsoren freuen? Persoenlich.com hat sich mit dem Sportmarketing-Experten Jens Keel (vgl. Bild unten) unterhalten, der zusammen mit Matthias Berger die Agentur Sportsemotion in Rorschach führt.

Herr Keel, Spitzensportler verdienen in ihrer Karriere mindestens genau so viel Geld über Sponsoring wie mit sportlichen Erfolgen. Sind Tennisspieler dabei besonders erfolgreich?
Dies ist von Sportart zu Sportart sehr unterschiedlich, es kommt ganz darauf an, wie gut jemand ist. Wer auf der ATP Tour erfolgreich spielt, kann über die Preisgelder sehr gut verdienen. Die absoluten Spitzenspieler wie Federer oder Nadal verdienen über die Werbeverträge deutlich mehr Geld als über die Preisgelder.
Inwiefern steigern sich nach dem Gewinn der Australian Open die Chancen von Stanislas Wawrinka auf dem Werbemarkt?
Sie sind mit dem Gewinn dieses Grand-Slam-Titels markant angestiegen. Vor allem eröffnet sich ihm nun der internationale Werbemarkt.
Garantiert ihm der Erfolg nun auch eine internationale Spitzenmarke als Sponsor?
Nein. Eine Garantie ist es nicht, aber ein Sprungbrett. Es liegt nun an seinem Management, den sportlichen Erfolg zu versilbern. Es würde natürlich helfen, wenn Wawrinkas Erfolg in Melbourne kein Einzelereignis bliebe und er auf diesem Niveau weitere Turniere gewinnen könnte.
Wie schnell verliert man eigentlich auf dem Werbemarkt wieder an Wert, sollte der sportliche Erfolg nicht anhalten?
In unserer schnelllebigen Medienwelt hat auch ein Australian-Open-Sieg eine beschränkte Halbwertszeit. Insofern sind Wawrinka und sein Management nun gefordert, die Gunst der Stunde zu nutzen. Auf der anderen Seite sollte Wawrinka nun auch nicht gleich jeden Deal annehmen, sondern nur solche, die zu seiner Person passen.
Welche Marken würden zu Wawrinka passen?
Es sollten Marken sein, die mit seinem Charakter übereinstimmen. Wawrinka steht für harte ehrliche Arbeit, Bodenständigkeit, Gradlinigkeit und Ausdauer. Im Idealfall gelingt es ihm, eine in der Romandie beheimatete international tätige Firma als Sponsor zu gewinnen.
Wie viel kann er da verlangen? Um welche Beträge geht es da?
Das kommt ganz darauf an, was Wawrinka einem Sponsor als Gegenleistung zu bieten bereit ist. Wie viele Tage steht er dem Sponsor zur Verfügung? Welchen visuellen Auftritt erhält der Sponsor? Handelt es sich um einen regionalen, nationalen oder internationalen Sponsor? Am besten kann diese Frage sein Manager beantworten.
Wawrinka wirkt in nicht-französischen Interviews oft noch etwas schüchtern. Inwiefern spielt die Persönlichkeit eine Rolle?
Die Persönlichkeit spielt in der Vermarktung eine wesentliche Rolle. Wichtig ist, dass Wawrinka als Person bleibt, wer er ist. Authentizität ist für ein Testimonial das oberste Gebot. Seine Schüchternheit wird sich durch die zunehmende Erfahrung im Umgang mit der grossen Medienaufmerksamkeit sicherlich legen und seine Auftritte werden souveräner.
Gibt es Unterschiede zwischen West- und Deutschschweizern?
Einer der grossen Nachteile von Wawrinka in der Vermarktung ist sicherlich, dass er nicht Deutsch spricht. Dies macht es für Unternehmen aus der Deutschschweiz schwierig, ihn als Testimonial zu nutzen, insbesondere wenn er als Teil seiner Verträge Repräsentationspflichten wahrzunehmen hat wie zum Beispiel Auftritte bei Firmenpräsentationen oder Autogrammstunden.
Inwiefern spielt das Aussehen eine Rolle? Wird er überhaupt je in die Nähe eines Roger Federer kommen?
Natürlich spielt das Aussehen auch eine Rolle. Wichtiger ist allerdings der sportliche Erfolg. Diesbezüglich hat Wawrinka gegenüber Federer natürlich noch grosses Aufholpotenzial.
"Schweizer des Jahres" und "Australian Open Sieger": Welcher Titel ist wichtiger im hiesigen Werbemarkt?
"Schweizer des Jahres" ist eine Auszeichnung, die man in seinem Leben nur einmal gewinnt. Es ist eine Auszeichnung, die Wawrinka über den Sport hinaus Anerkennung bringt. Die Frage ist jedoch: Warum wird jemand "Schweizer des Jahres"? Die vielen Sportler, welche die letzten Jahre den Titel gewannen (Anm. d. Red.: sieben der letzten elf kamen aus dem Bereich Sport), verdienen ihre Popularität aufgrund der grossen Medienpräsenz ihrer sportlichen Leistungen. Die Erfolge der beiden Schweizer an den Australian Open, einem weltweit bedeutenden Sportereignis, haben während zwei Wochen die Schweiz bewegt. Die Wahl zum "Schweizer des Jahres" war ein Thema für ein Wochenende. So gesehen ist sowohl für den nationalen als auch für den internationalen Markt der Australian-Open-Gewinn höher einzustufen.
Interview: Marco Lüthi, Hauptbild: Wawrinka Facebook-Page, Bild: zVg.

