"Wir haben ein Kind in der Familie, das leichtes Fieber hat"

- Am vergangenen Donnerstag kündigte die PubliGroupe tiefgreifende Umstrukturierungsmassnahmen an. Im Zuge dieser Massnahmen wird der zur Gruppe gehörende Werbevermarkter Publicitas bis 2015 rund 200 Arbeitsplätze einsparen. Hans-Peter Rohner, CEO und VR-Präsident, erklärt im Gespräch, warum dies nicht bedeutet, dass die Gruppe - zu der auch persoenlich.com gehört - insgesamt schlecht aufgestellt ist, wie es um das digitale Geschäft steht und welche Qualifikationen sein Nachfolger mitbringen muss. Zum Interview:

Herr Rohner, der Winter ist eingekehrt. Viele sind derzeit gesundheitlich etwas angeschlagen. Ist es die PubliGroupe auch?

Hans-Peter Rohner: Nein, die PubliGroupe als "angeschlagen" zu bezeichnen, ist nicht zutreffend. Wir haben eine sehr gesunde Bilanz. Zudem haben wir im Verlaufe dieses Jahres die Schulden reduziert und die Investitionskapazität erhöht. Von da her stehen wir auf absolut soliden Füssen. Wenn Sie das Bild vom Gesundheitszustand benutzen wollen, dann würde ich sagen: Wir haben ein Kind in der Familie, das leichtes Fieber hat.

Sprechen wir von dem fiebrigen Kind: Steckt die Publicitas in der Krise?

Die PubliGroupe - und vor allem die Publicitas – steckt in einem fortlaufenden Transformationsprozess. Dieser hat eigentlich zwei Ebenen: Die eine betrifft die ganze Branche. Will heissen: Die Mediennutzung verschiebt sich. Dadurch verschieben sich auch sukzessive Werbegelder in den digitalen Bereich. Es ist mittlerweile absehbar, dass der gesamte digitale Bereich im Laufe der nächsten fünf Jahre so gross werden wird wie es heute die Printwerbung ist. Sprich: Da finden gewaltige Verschiebungen statt. Der zweite Grund für die Transformation bei der Publicitas wurde durch die Konsolidierung der Branche ausgelöst. Tamedia hat heute einen dreimal grösseren Marktanteil in der Printbranche als vor vier, fünf Jahren. Dadurch haben wir eine Anzahl Exklusivverträge verloren.

Wie ist die PubliGroupe im digitalen Geschäft aufgestellt? Ist da auch ein Ausbau zu erwarten?

Auf der einen Seite haben wir die Firma Zanox, die wir zusammen mit Axel Springer besitzen. Sie hat sich prächtig entwickelt. Seit der Akquisition im Jahr 2007 hat sich ihr Umsatz vervierfacht. Auch dieses Jahr kann man zweistellige Wachstumszahlen bekannt geben. Die Firma wird ab dem ersten Quartal 2012 auch im Schweizer Markt für Bewegung sorgen. Daneben gibt es Namics, die den ganzen E-Business Bereich abdecken, sowie die Performance Marketing Agentur Instanz. Und dann das grosse Joint Venture mit der Swisscom unter dem Dachnamen Local.ch. Über 50 Prozent der Erträge kommen aus dem Onlinebereich. So gesehen, sind wir heute der grösste Online Player der Schweiz.

Das sind alles relativ neue Geschäftsfelder. Das digitale Geschäft der Publicitas entwickelt sich schleichend.

Das ist richtig. Da bin ich überhaupt nicht zufrieden. Allerdings muss man auch sagen, dass die digitalen Medien in verschiedenen Bereich noch gar nicht viele Möglichkeiten für einen Werbevermarkter bieten. Schauen Sie sich den Tablet-Markt an: Das Angebot ist extrem leserfreundlich, aber noch weitgehend werbefrei. Das ist eine der grossen strategischen Fragen. Es ist auch so, dass die Verleger bis jetzt nicht sehr aktiv gewesen sind in Sachen Online-Werbung. Von da her begrüsse ich zum Beispiel die Zusammenarbeit von Ringier, Tamedia und der NZZ, die vor wenigen Tagen bekannt gegeben worden ist. Das hätte man schon viel früher machen sollen. Das kann sicher dazu beitragen, dass die Verleger ihren Anteil am Online-Markt vielleicht irgendwann mal ein bisschen vergrössern können. Im Moment sind diese Verlagshäuser noch relativ kleine Online-Zwerge – wenn man sie mit Google, Facebook oder Local.ch vergleicht.

Bei der Publicitas werden bis 2015 etliche Stellen abgebaut. Wie viele und wo genau?

Der Plan sieht vor, dass über die nächsten drei Jahre hinweg rund 200 Arbeitsplätze abgebaut werden. Davon circa die Hälfte in der Schweiz. Wir gehen davon aus, dass wir ungefähr die Hälfte davon durch natürliche Fluktuation abbauen können. Es wir hier also zu etwa 40 bis 50 Kündigungen kommen. Das ist immer eine schmerzliche Massnahme, aber in diesem Fall kein riesiger Knall. Ausserdem werden wir im digitalen Bereich viele neue Leute einstellen.

Wie sieht die Umstrukturierung der Publicitas genau aus?

Wir werden uns von den meisten unserer kleinen, physischen Standorte trennen. Wir haben einen ganzen Haufen kleinere Niederlassungen: Vier, fünf Leute, mehrere Büroräume, ein Schalter, ein paar Parkplätze. Das wird aufgelöst. Ab jetzt werden die Verkäufer in diesen Gebieten mobile Arbeitsplätze haben. Der administrative Teil wird sukzessive in drei Verarbeitungszentren verlegt.

Ist die PubliGroupe nach dieser Umstrukturierung fit für die Zukunft?

Das fiebrige Kind, von dem wir sprechen, heisst Publicitas. Dabei handelt es sich um einen von drei Teilbereichen der PubliGroupe. Die dortige Transformation ist ein Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber in Zukunft wollen wir unseren Kunden bei der Publicitas eben nicht nur Inserate, sondern auch diverseste Online Produkte anbieten. Es ist durchaus denkbar, dass dies auch Google-Produkte sein werden. Denn wir wollen mit der Publicitas auch in Zukunft das sein, was das Unternehmen schon seit 121 Jahren ist: Der Service-Abwickler für alle Werbe-Belange für kleinere und mittlere Unternehmen. Getreu dem Claim: "We make your marketing money more efficient".

Zugleich wurde bekannt gegeben, dass die PubliGroupe etliche Immobilien abstösst. Eine verzweifelte Rettungstat?

Nein, Unsinn. Wie gesagt: Wir haben eine sehr gesunde Bilanz. Verschiedene Investoren und Aktionäre haben immer wieder kritisiert, dass der grössere Teil des Kapitals in nicht strategiekonformen Aktivitäten angelegt ist. Namentlich in Verlagsbeteiligungen und Immobilien. Jetzt haben wir uns entschieden, das zu ändern. Deshalb verkaufen wir den Grossteil unserer Immobilien. Darunter auch das Geschäftshaus, in dem wir im Moment unsere Büros haben. Der Nettoertrag von diesen Verkäufen wird den Aktionären zurückgespielt.

Sie hatten bis jetzt ein Doppelmandat inne. An der nächsten GV werden Sie den Posten des CEO für einen Nachfolger freimachen. Wieso?

Ich bin seit 2002 CEO und insgesamt bereits seit 1985 in der PubliGroupe tätig. Zu meiner grossen Überraschung wurde ich Anfangs 2009 angefragt, ob ich allenfalls bereit wäre für eine bestimmte Zeit ebenfalls das Präsidium des Verwaltungsrates zu übernehmen. Ich habe das jetzt drei Jahre gemacht, und es war in der Tat eine sehr spannende Herausforderung. Aber auch sehr happig von der Belastung her. Es ist völlig richtig, dass diese Phase am 9. März zu Ende geht.

Was sollte Ihr Nachfolger an Qualifikationen mitbringen?

Ich denke, ein paar graue Haare weniger und ein stärkerer direkter Bezug zum digitalen Bereich wären sicher wünschenswert.

(Interview: Adrian Schräder)