Herr Widmer, das Swiss Chapter der International Advertising Association (IAA) feiert sein 60-jähriges Jubiläum. Wie feiern Sie diesen runden Geburtstag?
Wir feiern den runden Geburtstag mit einer tollen Sommernachtsparty in der Wöschi in Zürich-Wollishofen. Mit den Anmeldungen wurden wir praktisch überrannt, sprich wir sind völlig ausverkauft. Ein schöner Beweis, dass die IAA an Attraktivität als Branchen-Networking-Plattform sehr beliebt und relevant ist.
Was gab eigentlich 1963 den Ausschlag, ein Swiss Chapter der IAA zu gründen?
So im Detail weiss ich das nicht, ich war ja zu dieser Zeit weder in der Branche aktiv, geschweige denn schon geboren. Die 1960er-Jahre läuteten die Boom-Zeit der Schweizer Werbung ein. Viele grosse Agenturen entstanden zu dieser Zeit, der erste Fernsehspot flimmerte 1965 über die Schweizer Röhrenbildschirme. Kurz davor, nämlich 1956, wurden die Cannes Lions das erste Mal veranstaltet. In diesem Kontext machte es nur Sinn, dass die damals führenden Köpfe der Branche sich vernetzen wollten – und dies sinnvollerweise nicht nur national.
Wie fest spielt die internationale Ausrichtung bei Ihnen heute noch eine Rolle?
Wir sind ein starker Schweizer Verband mit einer starken internationalen Vernetzung. Gerade die Pandemie hat die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Chapters und den Austausch der Mitglieder stark gefördert. Dank der zu dieser Zeit entstandenen Hybrid-Formate konnten wir gemeinsam mit anderen IAA-Chapters unseren Mitgliedern weltweit spannende Online-Events und digitale Networking-Veranstaltungen anbieten. Diese Zusammenarbeit der verschiedenen Länder und die neu entwickelten Formate sind auch nach der Pandemie bestehen geblieben. Natürlich sind wir froh, dass wir uns mit den Schweizer Mitgliedern, aber auch mit der globalen IAA-Familie wieder physisch treffen und austauschen können. Unsere nationalen Event-Formate erfreuen sich grosser Beliebtheit. Und im kommenden Jahr findet auch erstmals seit der Pandemie wieder unser IAA World Congress statt. Reservieren Sie sich also den 6. bis 8. März 2024 für einen unvergesslichen Branchenkongress in Penang, Malaysia.
«Talente waren und sind immer noch ‹Mangelware›»
Welches sind die grössten Herausforderungen, mit denen die Werbeindustrie momentan zu kämpfen hat?
Ich glaube, wenn man genau hinschaut, kämpft unsere Branche, übrigens wie viele andere Branchen auch, seit jeher immer mit dem Gleichen, und zwar mit dem Thema Talente, sprich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Talente waren und sind immer noch «Mangelware». Dies hat sich in dem letzten Jahr mit der tiefen Arbeitslosenquote noch akzentuiert. Und natürlich ist auch die digitale Transformation noch nicht ganz abgeschlossen, was diese Problematik noch zusätzlich verstärkt.
Gibt es da länderspezifisch grosse Unterschiede?
Ich denke, unsere internationalen Kollegen stimmen mir da zu. Egal ob in Europa, den USA, in Asien, Afrika oder Australien: Die Herausforderungen für unsere Branche sind ähnlich.
Wie viel kann ein Verband wie die International Advertising Association bei der Gesetzgebung und Meinungsbildung der Öffentlichkeit bewirken?
Die IAA ist eine globale Tripartite und vereinigt die Repräsentanten von Werbeauftraggebern, Medienunternehmen sowie Kommunikations- und Werbeagenturen. Wir bieten ein einzigartiges Netzwerk an C-Level-Marketers, sind eine ideale Plattform für den Erfahrungsaustausch und organisieren Veranstaltungen zu innovativen, interdisziplinären und internationalen Themen. Für die Gesetzgebung in der Schweiz und Meinungsbildung der Öffentlichkeit setzt sich unter anderem der Verband Kommunikation Schweiz ein, bei dem wir Mitglied sind und deren Bemühungen wir tatkräftig unterstützen.
Wie viele Mitglieder haben Sie momentan?
Weltweit sind wir über 4000 Members. In der Schweiz zählen weit über 200 Personen, Firmen und Young Professionals zu unseren Mitgliedern. Und das Schönste ist, dass wir jedes Jahr weiterwachsen.
Was war Ihr wichtigstes Ereignis während Ihrer Präsidentschaft?
Für mich klar der starke digitale Shift, den ich vor zwölf Jahren in der IAA eingeleitet habe. Das kam übrigens nicht bei allen Mitgliedern gut an. Einige traten aus, weil sie dachten, der Fokus «Digital» sei kein so zentrales IAA-Thema und der Verband sei nicht mehr das Gleiche wie früher. Ich bekam sogar empörte Mitgliederbriefe. Leider habe ich die nicht mehr. Und das wichtigste Ereignis war unsere erste IAA Study Tour nach Israel 2016. Für die erste Tour mussten wir intensive Überzeugungsarbeit leisten, damit wir sie auch füllen konnten. Heute ist das ganz anders, wenn wir die nächste Israel Start-up-Tour ankündigen, ist sie tags darauf schon fast ausverkauft.