Herr Eliassen, Sie sind seit Anfang November CEO der Werbe- und Mediaagentur Havas Switzerland. Zuvor waren Sie bei Dentsu in der Schweiz tätig. Wie gross war die Umstellung?
Die grösste Umstellung war für mich, ein neues Unternehmen kennenzulernen. Die Kunden, die Mitarbeiter, die Abläufe, das Netzwerk. Bei meinem vorherigen Arbeitgeber kannte ich das Unternehmen, aber die Gesamtverantwortung zu tragen, war neu. Diesmal wars umgekehrt.
Und Sie sind jetzt nebst dem Mediamanagement auch für den kreativen Output der Agentur verantwortlich. War das nicht die grösste Veränderung?
Sehen Sie, ich bin überzeugt, dass Marketingkommunikation als holistisches Konzept immer bessere Ergebnisse erzielt als die Summe einzelner Bestandteile. Meine Rolle ist es, ein Arbeitsumfeld und ein Betriebsklima zu schaffen, das es unseren Kunden ermöglicht und unseren vielen begabten Spezialisten erlaubt, in interdisziplinären Teams ihre Talente zu entfalten und ebensolche Konzepte zu erarbeiten und umzusetzen. Diese Möglichkeit innerhalb der Agentur zu haben, das ist tatsächlich die grösste Veränderung – und auch der Hauptgrund dafür, dass ich mich für Havas entschieden habe.
Havas ist ein französisches Agenturnetzwerk. Wodurch unterscheidet es sich von einem angelsächsischen oder amerikanischen Netzwerk?
Ich glaube, dass die Wurzeln unseres Agenturnetzwerks einen positiven Einfluss auf unser Betriebsklima haben. Wir haben immer noch die DNA eines Familienunternehmens. Unser Chairman und CEO Yannick Bolloré ist sichtbar und steht mit seiner Person für das Unternehmen und seine Werte. Das schafft Vertrauen und Identifikation. Ebenfalls wichtig ist die Zugehörigkeit zum Vivendi-Konzern, die unser Leistungsspektrum im Bereich Content und Medienpartnerschaften ergänzt.
«Jede Agentur hat ihre Geschichte»
In der Schweiz prägte lange Zeit Frank Bodin die Agentur und war auch deren Gesicht. Inwiefern spielt das heute noch eine Rolle?
Jede Agentur hat ihre Geschichte. Im Fall von Havas gehören dazu auch Peter Hofstetter, der Gründer der Mediaxis, und viele weitere Personen, die das Unternehmen über die Jahre geprägt haben. Für mich ist es wichtig, diese Geschichte zu kennen und wertzuschätzen. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten (Zitat August Bebel).
Havas Switzerland ist in Zürich und Genf tätig. Was verbindet die beiden Standorte, und wo gibt es Unterschiede?
Eine unserer Stärken ist, dass unsere beiden «Villages» ähnlich gross sind. In Zürich beschäftigen wir 45, in Genf 35 Mitarbeitende. Die Verbindung schaffen wir über das nationale Management, das seit April installiert ist und das erklärte Ziel hat, die Zusammenarbeit zwischen den Standorten zu fördern. So entfalten wir das volle Potenzial der Agentur und ihrer Mitarbeiter für unsere Kunden. Unsere strategischen Geschäftsfelder Customer Experience und Sports beispielsweise haben wir in Genf aufgebaut und machen sie nun auch unseren Kunden in der Deutschschweiz besser zugänglich. Das Zürcher Village verfügt über mehr Spezialisten im Bereich Mediamanagement, während das Genfer Village den Fokus auf Kreation legt. Das zeigt auch die aktuelle Kundenstruktur der beiden Standorte. Unser Anspruch an die Zukunft ist es, ein harmonisiertes, standortunabhängiges und integratives Kundenerlebnis zu schaffen.
Es gab andere Agenturen, die ebenfalls stark waren in der Westschweiz, am Ende aber nach Zürich kamen und ihr Kerngeschäft von hier aus machen. Wird dies bei Ihnen auch der Fall sein?
Nein, auf keinen Fall. Genf ist für uns von grosser Bedeutung. Dort arbeiten Menschen im Village, die den Westschweizer Markt sehr gut kennen und ihn auch wirklich verstehen, weil sie dort leben. Das ist von unschätzbarem Wert, wenn man nationale Kampagnen entwickelt. Hinzu kommt, dass via Genf auch die Verbindung ins Pariser Headquarter der Agentur besteht. Das ist für den Genfer Standort und die gesamte Havas Switzerland sehr nützlich. So arbeiten wir für viele internationale Kunden mit Standort in der Region, wie zum Beispiel die Uefa, das IOC oder den Radsportverband UCI.
Sie haben vorhin gesagt, dass der Fokus in Genf auf Kreation liegt, während in Zürich mehr Mediaspezialisten arbeiten. Bedeutet dies, dass Sie die Kreation in Zürich stärken werden, um ein «harmonisiertes» Kundenerlebnis zu bieten?
Genau, wir wollen das kreative Profil der Havas am Standort Zürich wieder schärfen. Mit Gabriel Mauron, unserem Chief Creative Officer, kommt die kreative Vision aus Genf. Wir brauchen aber jemanden hier in Zürich vor Ort, der diese Vision «uf Züridütsch» übersetzt, weil unser Wertversprechen, die integrierte Kommunikation, ja für den Deutschschweizer Markt und die Romandie gleichermassen gilt. Deswegen haben wir auch ein Team von sechs Mediaspezialisten in Genf für unsere Kunden vor Ort.
«Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass wir einen der besten Jobs der Welt haben»
Spüren Sie bei der Kreation auch den berühmten Fachkräftemangel?
Nicht so stark wie in Media, aber auch. Unsere grundsätzliche Herausforderung ist es, die (jungen) Leute wieder stärker für das Agenturwesen zu begeistern. Die Branche hat in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren. Meiner Meinung nach zu Unrecht. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass wir einen der besten Jobs der Welt haben. Wir sind am Puls der Zeit und haben vielfältige, herausfordernde Aufgaben. Unser Metier entwickelt sich laufend und schnell, die Arbeit ist spannend und dynamisch. Und alles, was es für den Einstieg braucht, ist eine grosse Portion Leidenschaft, Freude und Interesse an Kommunikation. Das müssen wir den Menschen wieder näherbringen.
Nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse ist überall von Rezession die Rede. Spüren Sie diese bereits auf der Auftraggeberseite?
Noch nicht, dafür ist dieser geschichtsträchtige Entscheid unserer Regierung, den Markt zu regulieren, noch zu frisch. Ich bin mir aber sicher, dass wir die Folgen dessen, was diesbezüglich in Bern entschieden wurde, in vielerlei Hinsicht noch einige Jahre in unserer Volkswirtschaft spüren werden.
Lesen Sie das ausführliche Interview in der aktuellen Printausgabe von persönlich. Dort gibt es auch ein Interview mit Chief Creative Officer Gabriel Mauron.