Romano Strebel, was hat mitLinks dazu bewogen, eine virtuelle Agentur in "Second Life" zu eröffnen?
Auf der einen Seite hat das Projekt experimentellen Charakter. Wir wollen herausfinden, was für Möglichkeiten für mitLinks in "Second Life" entstehen können. Auf der anderen Seite haben wir aber auch konkret den Plan, ein Angebot zu platzieren. Mitspieler von "Second Life" sollen über uns Auftragsbauten oder Werbepräsenzen für die virtuelle Welt erstellen lassen. Zudem bieten wir Forschung als Dienstleistung an. Wir führen auf Wunsch in "Second Life" Befragungen oder Beobachtungen durch.
Das virtuelle Büro von mitLinks erbringt also ihre Leistungen ausschliesslich für die virtuelle Welt von "Second Life"?
Das virtuelle Büro ermöglicht die Kontaktaufnahme zu mitLinks. Leistungen oder Konzepte für "Second Life" benötigen aber immer eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Wer in SL aktiv wird, muss virtuelle und reale Massnahmen ziel- und zeitgerichtet aufeinander abstimmen. Natürlich kann man sich auch jederzeit mit einem Kunden aus der realen Welt in "Second Life" treffen, um etwas zu besprechen -- vorausgesetzt der Kunde verfügt über einen Zugang zum Spiel.
Sie betrachten das Ganze aber nicht als Spiel, mitLinks bietet seine Arbeit in der virtuellen Welt nicht kostenlos an.
Wird ein Auftrag in der virtuellen Welt erteilt, bedeutet dieser für unsere Agentur reale Arbeit. Mit unseren erfahrenen Mitarbeitern, die sich schon länger in "Second Life" bewegen und wissen, wie man etwas effizient gestaltet, bieten wir einen entsprechenden Mehrwert.
Haben Sie bereits Kunden in "Second Life"?
Wir haben uns bisher vor allem mit dem Aufbau unseres virtuellen Büros beschäftigt, Entwicklungen verfolgt und Avatare (das sind Spielfiguren) bei ihrem täglichen virtuellen Leben beobachtet. SL ist ein virtueller Wirtschafts- und Leberaum wo zu einem begrenzten Risiko unendlich viel möglich wird. Aus kreativer Entwicklungsperspektive wahrscheinlich mehr als in realen Boom-Städten wie Dubai oder Shanghai.
Wie werden Sie im virtuellen Raum für die Dienstleistungen von mitLinks werben?
Eine gute Gelegenheit bietet vom 1. bis 3. März die "Second Convention", der erste grosse Business- und Unterhaltungs-Kongress, der in "Second Life" stattfindet. Dort wird sich die Community treffen und sich präsentieren. Man kann sich das wie eine Messe im realen Leben vorstellen. Eine gute Gelegenheit also für unsere virtuellen Mitarbeiter Kontakte zu knüpfen und aktives Networking zu betreiben.
Wollen Sie durch die virtuelle Präsenz auch vermehrt an internationale Aufträge herankommen?
Wir können tatsächlich ein globales Publikum ansprechen. In "Second Life" spielen Grenzen, ein EU- oder anderer Wirtschafsraum keine Rolle mehr. Es gibt weder Zölle noch Restriktionen oder andere Handelshemmnisse, die in der realen Welt die Lancierung eines Projekts behindern können.
Wie viele virtuelle Mitarbeiter hat mitLinks?
Unser "Second Life"-Ableger beschäftigt vier Mitarbeiter bzw. Avatare. Diese entsprechen auch vier realen Mitarbeitern unseres Büros in Zürich.
Und diese sind ausschliesslich in "Second Life" tätig?
Noch nicht, aber hoffentlich bald. Es ist aber permanent jemand in "Second Life" anwesend.
Daraus schliesse ich, dass Sie die Aktivitäten in "Second Life" in Zukunft als reale Einnahmequelle ansehen.
Absolut. Wir sind schon länger in "Second Life" vertreten, es hat aber erst jetzt Sinn gemacht, damit auch an die Öffentlichkeit zu gehen. "Second Life" gibt es seit 2003. Zu Beginn hat vor allem das Sex- und Glückspiel-Gewerbe Fuss gefasst -- ähnlich wie beim Aufkommen des Internets. Es brauchte seine Zeit, bis diese virtuelle Welt in der Marketing- und Werbewelt ein Begriff wurde. Jetzt ist "Second Life" etabliert. Das zeigt sich auch dadurch, dass viele Unternehmen -- wie beispielsweise Adidas oder IBM -- offizielle Vertretungen in dieser virtuellen Welt aufgebaut haben.
Sind noch keine Stimmen laut geworden, die sich an der zunehmenden Kommerzialisierung von "Second Life" stören?
Bis jetzt noch nicht. Die Welt von "Second Life" ist so gross, dass man nicht ständig jemandem begegnet, der einem etwas verkaufen will.
Noch unterscheidet man die reale von der virtuellen Welt. Wird man diese Trennung für das Business irgendwann nicht mehr vornehmen?
Es kann in Zukunft tatsächlich selbstverständlich sein, dass das Geschäft auf zwei Ebenen abläuft. Natürlich nur dann, wenn Linden Lab in San Francisco (die Macher und Erfinder von "Second Life") auch in den nächsten Jahren diesen dreidimensionalen Raum am Leben erhalten.
(Interview: Stefan Wyss)
Zu "Second Life":
Second Life ist eine virtuelle Welt -- eine dauerhaft bestehende 3D-Umgebung, die vollständig von ihren Bewohnern erschaffen und weiterentwickelt wird. In dieser Onlinewelt kann der Spieler praktisch alles erschaffen oder werden, was er sich vorstellen kann. Eine digitale Figur ("Avatar") ermöglicht es dem Spieler, durch zahlreiche Einstellungen seine Persönlichkeit in Second Life auf vielfältige Weise auszudrücken.
Einer der virtuellen Mitarbeiter von mitLinks in "Second Life".