Interview: Ruth Hafen Bilder: Jasmin Frei, Priska Ketterer, Andy Paradise
Herr Damev, die Migros-Kulturprozent-Classics stehen in der 76. Saison. Diese Konzerte gehen auf den Migros-Gründer Duttweiler zurück. Was wollte er damit erreichen?
Mischa Damev: Gottlieb Duttweiler wollte die klassische Musik demokratisieren. Er wollte allen Zugang zu einer Kunstform verschaffen, die damals aus wirtschaftlichen Gründen nur wenigen zugänglich war. Das ist auch heute eine unserer wichtigsten Missionen, wobei hinzukommt, dass wir die Klassik auch popularisieren möchten.
Wie reihen sich die Classics-Konzerte in die anderen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent ein?
Mischa Damev: Die Classics-Konzerte sind eines der ältesten und eines der drei grossen Kulturengagements des Migros-Kulturprozent: Daneben gibt es noch das Tanzfestival Steps und m4music, das Popmusikfestival des Migros-Kulturprozent. Die drei Projekte und das Migros-Museum für Gegenwartskunst richten sich direkt ans Publikum. Die klassische Musik hat bei jüngeren Menschen einen schweren Stand. Dies beobachten wir auch an unseren Konzerten.
Woran liegt das?
Mischa Damev: Das hat diverse Gründe. Es gibt ein grosses kulturelles Angebot. Die Codes, die Rituale im klassischen Sektor sind seit über 100 Jahren etabliert. Viele junge Menschen haben keinen Bezug dazu und fühlen sich verunsichert, das heisst aber nicht, dass sie klassische Musik nicht mögen. Aber das ganze Drumherum im Konzertsaal: Darf man klatschen oder nicht, was soll man anziehen ... All das kann eine Hemmschwelle darstellen. Da wollen wir ansetzen.
Sie sprechen das grosse kulturelle Angebot an, auch Veranstalter gibt es wie Sand am Meer. Wieso macht das Migros-Kulturprozent da auch mit?
Mischa Damev: Wir machen das, weil wir jahrzehntelange Erfahrung und ein riesiges Netzwerk haben, also sehr gut wissen, was wir tun. Wir haben immer wieder neue Ideen, die ich auch als Motivation für andere Veranstalter sehe. Wir wollen mit Classics 180° neue Zugänge zu klassischen Konzerten schaffen und neuen, innovativen Formaten eine Bühne bieten. Wir wollen den Pioniergedanken, der Dutti so wichtig war, auch hier weiter vorantreiben.
Sabina Escana: Wir bringen weltweit vielbeachtete Orchester auf die Bühne und veranstalten Tourneen zu fairen Preisen in der ganzen Schweiz. So wie Dutti mit den Migroswagen die Lebensmittel zu den Leuten gebracht hat, will das Migros-Kulturprozent Kultur dahin bringen, wo die Menschen sind.
Wer noch nie in einem klassischen Konzert war: Wieso ausgerechnet ein Konzert der Classics 180° besuchen?
Mischa Damev: Es sind keine Konzerte. Es sind Shows im besten Sinn. Die Geneva Camerata und Jordi Savall mit seinem Orchestre des Nations bringen die Musik von Mozart, Lully und Gluck mit zeitgenössischem Tanz und Ballett zusammen. Die Musikerinnen und Musiker der Geneva Camerata werden in die Choreografie miteinbezogen. Das Aurora Orchestra und das B’Rock Orchestra warten mit höchst unterhaltsamen Werkeinführungen in Form von «Orchester-Theater» auf. Wir möchten einem jungen Publikum neue Zugänge zur klassischen Musik eröffnen.
Sie sind Dirigent und Intendant. Wie fliesst Ihr Hintergrund in die Classics-Konzertreihe ein?
Mischa Damev: Ich kenne die meisten bekannten Künstlerinnen und Künstler in meinem Alter persönlich, das schafft eine Vertrauensbasis. Wenn ich sie frage, ob sie das Gefühl haben, der klassische Betrieb könne so weitermachen wie bisher, antwortet mindestens ein Drittel: Nein, wir müssen uns neu erfinden! In den Gesprächen sprudeln dann die Ideen. Ich drücke ihnen kein fertiges Konzept auf – es sind ihre Projekte und Visionen. Es geht immer ums Neue, ums Improvisierte, um das künstlerisch und kreativ Einzigartige.
Sie gleisen die Migros-Kulturprozent-Classics neu auf. Was genau ist neu?
Mischa Damev: Wir bieten eine noch nie dagewesene Vielfalt an Arten, wie man auf die klassische Musik zugehen kann. Was die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne leisten, unterscheidet sich deutlich vom Althergebrachten. Das Aurora Orchestra etwa spielt auswendig und bewegt sich dazu frei auf der Bühne. Das ist absolut ungewöhnlich und ermöglicht ganz neue Erlebnisse für Musiker und Publikum. Der Kontakt mit dem Publikum ist direkter, wenn kein Notenständer zwischen Geigerin und Zuschauerin steht. Ein Orchester wird auf der Bühne auch tanzen, ein anderes tritt konventionell auf, interpretiert aber bekannte Stücke radikal neu.
Frau Escana, Sie leiten die Produktion der Classics-Konzerte. Was heisst das konkret?
Sabina Escana: Wir sind ein Team von drei Leuten. Wir arbeiten Hand in Hand. Ich bin die Drehscheibe für Organisation, Logistik und Administration. Ich arbeite mit den Verantwortlichen der Konzertsäle, verhandle mit Agenturen, Orchestern, Solistinnen und Solisten und weiss aus meiner 30-jährigen Erfahrung, was wo geht und was nicht.
Was bedeuten die neuen Formate für Ihre Arbeit?
Sabina Escana: Bei einigen Produktionen kommen neue Elemente hinzu, Lichteffekte, Tanzelemente, manchmal braucht es einen speziellen Bodenbelag. Orchester auf Tournee haben einen straffen Zeitplan – meine Arbeit ist ein Riesenpuzzle, das erst an der Aufführung komplett ist.
Bei allen Neuerungen: Sitzt das Publikum noch auf Stühlen?
Sabina Escana: Ja, der Saal ist bestuhlt. Wir haben aber schon mit dem Gedanken gespielt, das zu ändern.
Mischa Damev: Das Orchester könnte in der Mitte spielen, und das Publikum würde sich darum herum gruppieren. Der Konzertbetrieb wird immer durchlässiger. Wir wollen mit dem neuen Konzept unserem Publikum neuartige Konzerterlebnisse verschaffen sowie einem neuen Publikum den Zugang ermöglichen.
Die Classics-Konzerte sind ein nationales Projekt. Wie engagieren sich die einzelnen Migros-Genossenschaften?
Sabina Escana: Ganz unterschiedlich, jede Genossenschaft hat einen anderen Ansatz. In Genf tritt die Genossenschaft als lokaler Veranstalter auf, die Genossenschaft Zürich reichert die Konzerte mit einem eigenen Programm an. Auch hier ist die Migros ein Abbild der demokratischen, föderalistischen Schweiz.