"10 neue Ringier-Titel in diesem Jahr."

- Kommt Ringier bald mit einer eigenen Gratiszeitung auf den Markt? Entgegen den sonstigen Kommunikationsgepflogenheiten hat dies Ringier-CEO Martin Werfeli gegenüber "persoenlich.com" durchblicken lassen. Zudem erläutert er, was die Springer-Übernahme von ProSiebenSat.1 für Ringier bedeutet, wie es mit Sie+Er und Cicero weitergeht und warum man von Bundeskanzler Gerhard Schröder noch viel hören wird.

Herr Werfeli, Ihr Chef, Michael Ringier, tritt am “Jahreskongress der Schweizer Presse“ als -- Zitat “Verleger ohne Gratiszeitungen“ auf. Nun berichtet der Kress-Report und der Tages-Anzeiger, dass Sie selbst Gratisblätter für Osteuropa planen. Ist dies kein Widerspruch?

Unsere Maxime ist, dass wir Gerüchte nicht weiter kommentieren. Aber es dürfte klar sein, dass ein mittelgrosses Unternehmen wie Ringier, welches über 6000 Mitarbeiter in Europa beschäftigt, Ideen hat und verschiedene Optionen überprüft.

Umgekehrt gefragt, könnte Michael Ringier auch 2006 noch mit diesem Prädikat auftreten?

Wenn Sie es wünschen, kann ich sogar noch eleganter formulieren: Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Michael Ringier auch am diesjährigen Jahreskongress als "Verleger ohne Gratiszeitungen" auftritt. Mehr sage ich nicht.

Was sind dann die nächsten Pläne des Hauses Ringier?

Ende Jahr werden wir auf insgesamt sicher 10 neue Titel zurückschauen können. Daneben werden wir auch weiterhin an der Qualitätssteigerung der bestehenden Produkte arbeiten. Auch in Asien wollen wir verstärkt aktiv werden und den einen oder anderen Titel lancieren.

Vor wenigen Tagen ist in Deutschland der Zusammenschluss von Springer mit der ProSieben/Sat.1-Gruppe bekannt geworden. Dadurch ist Springer zukünftig auch an Sat.1-Schweiz beteiligt. Verändert sich dadurch die Situation für Ringier?

Nein, überhaupt nicht. Da wir ein gutes Verhältnis mit dem Springer-Verlag pflegen, sehe ich damit keine negativen Folgen. Dazu kommt, dass Springer in einem ähnlichen Medienumfeld tätig ist und auch ähnliche Pläne verfolgt wie wir. Es ist immer von Vorteil, mit Leuten zu arbeiten, die im gleichen Geschäft tätig sind.

Gerade bei diesem Deal spricht man viel von möglichen Synergien zwischen Print und Fernsehen. Gibt es diese wirklich?

Sicher nicht aus der Sicht der Produktion, aber man darf das nicht so eng betrachten. Meines Erachtens gibt es an anderen Orten ein Synergiepotenzial, etwa im jeweiligen journalistischen Fachbereich. Beispielsweise in der Fussballberichterstattung beim Blick und in der Fussballsendung live ran auf Sat. 1. Aber uch bei der TV-Sendung Gesundheit Sprechstunde und -- zu einem kleinen Teil -- auch bei konsum.tv wird das fachjournalistische Wissen auch für Print- und Onlinemedien mehrfach genutzt.

Medienpolitisch ist dieser ganze Deal nicht gerade unbestritten. Verstehen Sie die Befürchtungen der Kritiker, die dadurch ein allzustarke Medienkonzentration befürchten?

Die Konzentrationsregeln, wie wir sie aus Amerika kennen und die nun auch in Europa gefordert werden, halte ich für masslos übertrieben. Deutschland hat eine sehr vielfältige Medienlandschaft mit grossen, gesunden und starken Häusern, wie beispielsweise der Bertelsmann-Gruppe, die immer noch wächst, dem Spiegel, der Holtzbrink-Gruppe oder der Süddeutschen Zeitung. Neben einer sehr eigenständigen und freien Lokalpresse gibt es ausserhalb von Sat.1 mit denöffentlich-rechtlichen Sendern und RTL auch ein breites TV-Angebot, das sich sehen lassen kann. Ich sehe also keine Notwendigkeit einer zusätzlichen Reglementierung, obwohl ich die Kritiker im ersten Moment durchwegs verstehe. Betrachtet man die Sache aber genauer, sind deren Argumente keineswegs berechtigt und nicht nachvollziehbar.

Themenwechsel: Die SonntagsBlick-Beilage Sie+Er stiess anfänglich überall auf Kritik. Hat sich dieses Konzept bewährt oder würden Sie heute ein anderes wählen?

Der SonntagsBlick verfügt mit Sie+Er über eine eigene Zeitschrift. Dies unterscheidet uns auch von unseren Mitbewerbern. Sie+Er zeichnet sich durch einzigartigen und grosszügig aufgemachten Journalismus aus. Die Fotostrecken kommen bei den Lesern gut an, aber wie bei anderen neuen Produkten braucht es in der Anfangsphase, Anpassungen und Optimierungen. Dieser Entstehungsprozesses hat unter anderem auch dazu geführt, das Sie+Er vor allem von den Frauen sehr geschätzt wird.

Hat sich Sie+Er etabliert?

Ich denke ja. Aber um die Lesegewohnheiten zu verändern benötigt man sehr viel Zeit. Dies gilt auch für die Inserenten.

Wird es Sie+Er in fünf Jahren noch geben?

Mein Zeithorizont ist kleiner. Bereits nach einem Jahr ziehen wir Zwischenbilanz.

Wird Cicero weiterhin bestehen?

Cicero wird auf alle Fälle weiter bestehen. Die Zeitschrift entwickelt sich hervorragend, was auch die publizierten Auflagezahlen beweisen.

Sie sehen für Cicero also kein Problem wenn der Ringier-Hausfreund Schröder abgewählt würde...

Eine solche Abwahl würde ich ihm nie wünschen. Ich weiss auch nicht, ob Schröder ein Hausfreund ist, aber wir verstehen uns alle sehr gut, was sicher keine schlechte Voraussetzung ist.

Ein Ex-Kanzler als möglicher Ringier-Verwaltungsrat...

Das wäre neu für mich und -- sollten solche Überlegungen existierten -- wüsste ich es. Aber gleichzeitig bin ich überzeugt, das wir von Gerhard Schröder noch viel hören werden.

Der deutsche Kanzler war vor wenigen Tagen wieder Gast von Frank A. Meyer in Locarno. Welchen Eindruck hat er dabei auf Sie gemacht?

Einen Hervorragenden, wie immer. Schröder ist eine Person, die Format hat und gleichzeitig sehr einnehmend ist.