Im Prozess um die Abhörpraktiken des eingestellten britischen Boulevardblatts "News of the World" ist der frühere Chefredaktor Andy Coulson zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Coulson sei "der Hauptverantwortliche für den Skandal", begründete das zuständige Gericht am Freitag in London das Strafmass. Der Prozess rund um die Praktiken des Boulevardblatts schlug auch politisch hohe Wellen, da Coulson ein enger Vertrauter von Regierungschef David Cameron war.
"Herr Coulson muss die Hauptverantwortung für die Vorwürfe des Telefon-Hacking bei der 'News of the World' übernehmen", sagte der vorsitzende Richter John Saunders. "Er wusste davon und ermutigte es, als er es hätte stoppen sollen." Im Laufe des Verfahrens war ans Licht gekommen, dass die "News of the World" über Jahre die Mobiltelefone von Politikern, Prominenten oder Mitgliedern des Königshofes abgehört hatte.
Zwei Journalisten ebenfalls verurteilt
Neben Coulson wurden am Freitag in dem Verfahren zwei frühere Journalisten der Zeitung, Greg Miskiw und Newill Thurlbeck, zu jeweils sechs Monaten Haft verurteilt. Vier Monate auf Bewährung gab es für ihren früheren Kollegen James Weatherup und sechs Monate Bewährung für den Privatdetektiv Glenn Mulcaire. Dieser war bereits 2007 wegen dem illegalen Abhören von Telefonen zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.
Der Abhörskandal schlug in Grossbritannien so hohe Wellen, dass der Medienmogul Rupert Murdoch gezwungen wurde, die "News of the World" im Sommer 2011 einzustellen. Coulson seinerseits musste vom Posten als Kommunikationschef Camerons zurücktreten, den er nach seinem Ausscheiden als Chefredaktor übernommen hatte. Die Nähe zur Regierung gab der Affäre besondere politische Brisanz und brachte auch Cameron scharfe Kritik ein.
Entschuldigung von David Cameron
In der vergangenen Woche war Cameron in einem peinlichen Schritt gezwungen, sich dafür zu entschuldigen, Coulson als Kommunikationschef eingestellt zu haben, ohne zuvor seine Tätigkeit als Chefredaktor überprüft zu haben. Anschliessend wurde er vom Richter jedoch dafür gerügt, sich vor dem Ende des Prozesses öffentlich geäussert zu haben. Am Freitag erklärte Cameron nun lediglich: "Niemand steht über dem Gesetz, wie ich immer gesagt habe."
Während des Prozesses hatte Coulson Anwälten seiner Zeitung vorgeworfen, ihn nicht informiert zu haben, dass das Abhören von Telefonen verboten sei. Niemand bei der "News of the World" oder anderen Zeitungen hätten zwischen 2000 und 2006 realisiert, dass das Abhören von Anrufbeantwortern illegal sei, sagte Coulsons Verteidiger Timothy Langdale.
Rebekah Brooks freigesprochen
Bei dem Prozess wurde Coulsons zeitweilige Geliebte und Vorgängerin auf dem Chefredaktor-Posten, Rebekah Brooks, ebenso wie ihr Ehemann und drei weitere Angeklagte von allen Vorwürfen freigesprochen. Auch Brooks gilt als gute Bekannte von Cameron.
Unter den Abhöropfern waren neben Politikern auch Mitglieder des Hofs und andere Prominente. Für Empörung sorgte vor allem, dass auch Angehörige getöteter Soldaten und Verbrechensopfer abgehört wurden. Unter diesen war auch eine vermisste britische Schülerin, die im Jahr 2002 schliesslich ermordet aufgefunden wurde. Der Skandal führte zur Einsetzung einer Kommission zur Reform der für ihre rücksichtslosen Recherchemethoden bekannte Boulevardpresse. (sda)
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