"20 Minuten stellt für uns keine gleichwertige Konkurrenz dar"

- Wohin steuert der Blick? Chefredaktor Werner De Schepper gibt sich kampfeslustig und hat den etablierten Schweizer Institutionen SRG, Migros und Swiss den Kampf angesagt. Ist dies der richtige Weg, um den Blick wieder auf Touren zu bringen? Gegenüber “persönlich rot” beantwortet der studierte Theologe auch die Frage, warum er die Vorwürfe seines Vorvorgängers Peter Uebersax, der Blick schreibe an den Lesern vorbei, falsch findet. "persoenlich.com" bringt einen Auszug aus dem Interview.

Herr De Schepper, Sie stellen die Befindlichkeit Ihrer Leser jeweils bei der Zugfahrt von Ihrem Wohnort nach Zürich fest. Welche Erkenntnisse haben Sie heute gewonnen?

Da die Reise von Olten nach Zürich aufgrund des neuen Fahrplans nur noch 30 Minuten dauert, bleibt mir für die täglichen Beobachtungen viel weniger Zeit als früher. Ich habe heute Morgen im Speisewagen einen Banker kennen gelernt, der mit grossem Interesse die Blick-Story über den Wettskandal las. Dies zeigt, dass wir den richtigen Aufmacher gewählt haben. Auch beim Thema Preiskampf, welches der Blick in den vergangenen Wochen forcierte, scheinen wir richtig zu liegen. Der Privatbanker erzählte mir, dass auch in seiner Branche massiv gespart werde. Der Preis ist wirklich heiss -- die damit verbundene Debatte scheint mittlerweile alle Bevölkerungsschichten und Unternehmen zu tangieren.

Ihr Vorvorgänger Peter Uebersax hat in einem "persönlich"-Gespräch kritisiert, dass der Blick oftmals an den Interessen seiner Leser vorbeischreibe. Teilen Sie manchmal diesen Eindruck?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt da einen wesentlichen Unterschied zu Peter Uebersax; da er ständig mit dem Auto zur Arbeit fuhr, konnte er die Lesegewohnheiten der Pendler gar nie in der Praxis kennen lernen. Zu seiner Zeit hatte der öffentliche Verkehr aber auch einen viel geringeren Stellenwert als heute. Bei einem gemeinsamen Mittagessen hat mir Uebersax einmal gestanden, dass er mich um diese Chance beneide. Dies ist auch der Grund, warum er das Phänomen der Pendlerzeitungen nicht erklären kann. Nur um mich zu ärgern, lobt er heute 20 Minuten. Doch diese Kritik nehme ich sportlich. Unsere konstanten Leserzahlen beweisen, dass der Blick sehr nahe bei seinen Lesern ist. Geändert hat sich aber leider das ganze Kaufverhalten. Obwohl die Leute weiterhin eine gut gemachte Zeitung lesen wollen, möchten sie dafür möglichst wenig oder gar kein Geld ausgeben. Im Übrigen habe ich Vorschläge von Peter Uebersax über mögliche Blick-Themen im vorletzten "persönlich" mit grossem Interesse gelesen.

Darin hat er zur Preiskampfdebatte angeregt.

Der Preiskampf ist eine originäre Blick-Geschichte. Ich habe bereits vor einigen Jahren auf Seite eins kritisiert, dass die Waschmaschine AEG Ökolavamat in der Schweiz 2000 Franken mehr koste als in Deutschland. Nachdem ich dies während einer Woche thematisiert hatte, begründete es der Hersteller damit, dass das Schweizer Modell über einen anderen Stecker verfügen müsse als das deutsche Modell. Der Preiskampf ist auch für mich das grosse Thema. Uebersax hat in seiner Aussage vollkommen Recht, nur hatte er nicht den Mut anzufügen, dass ausgerechnet der Blick diese Diskussion lanciert hat. Pech für ihn, dass die SVP in der Preisdebatte nicht führend ist.

Die Branche munkelt bereits, dass Coop und Migros als Hauptinserenten deswegen tiefere Inseratenpreise fordern...

Auch Coop und Migros sind auf den Blick angewiesen. Wenn man in der Not seine Käufer erreichen will, muss man zu uns kommen.

Muss es Sie als Blick-Chefredaktor nicht schmerzen, dass ein Grossteil der Mitreisenden von Olten nach Zürich heute 20 Minuten liest und nicht mehr den Blick?

Wer diese Frage verneint, lügt. Natürlich muss es einen Blick-Chefredaktor schmerzen, wenn er jeden Morgen im Zug und im Tram die vielen 20-Minuten-Leser sieht; als gestählter Pendler habe ich mich seit fünf Jahren an dieses Bild gewöhnt. Dank des Erfolgs von 20 Minuten konnten wir auch ein neues Leser-potenzial von 14- und 15-Jährigen gewinnen. Dies ist eine Riesenchance. Als ich ein Teenager war, habe ich noch keine Regionalzeitung gelesen, sondern lediglich im Sportteil die Resultate des EHC Olten studiert. Wir glauben, dass aus den 20-Minuten-Lesern irgendwann auch Blick-Leser werden. Die Leserschaftsforschung beweist, dass uns die jungen Leser nicht davonlaufen – im Gegenteil. In diesem Segment sind wir ‘überaffin’, wie es die Werbersprache so schön umschreibt, vertreten. Der Blick ist bereits heute eine sehr junge Zeitung.

Was können Sie von 20 Minuten lernen?

Nicht viel, da 20 Minuten für uns keine gleichwertige Konkurrenz darstellt. Sie durchforsten die Agenturen nach spannenden Geschichten und bringen ab und zu eine respektable Eigenleistung. Doch sogar diese hat man innert 20 Sekunden gelesen. Als kleines Training versuchen wir, bei uns auf der Blick-Redaktion jeweils die 20-Minuten-Schlagzeilen des Folgetags zu erraten, was nicht sehr schwierig ist. Frau Deltenre hat sich Ende Dezember in einem Tages-Anzeiger-Interview darüber beklagt, dass sie beim MusicStar keine Unterstützung des Blicks gehabt habe. Dies erstaunt, war doch 20 Minuten ihr Partner und berichtete nonstop darüber. Offensichtlich hat dieser publizistische Kurzfutter-Teppich nicht gereicht zur Quotensanierung. Wir hingegen berichten als pragmatische Redaktion nur über Ereignisse, wenn sie auch spannend sind. Dies war erst am Ende der zweiten Staffel der Fall.

Immerhin hat der Blick als Reaktion auf den Erfolg von 20 Minuten das Tabloid-Format eingeführt...

Um bei der historischen Wahrheit zu bleiben, das 20-Minuten-Format ist ein SonntagsBlick-Format.

Sie persönlich haben sich gegen das Tabloid-Format des Blicks gewehrt. Haben sich Ihre Befürchtungen bestätigt?

Da ich dachte, dass man den Formatwechsel als Reaktion auf 20 Minuten bezeichnen würde, habe ich mich zuerst dagegen gesträubt. Deswegen konnte ich mir einen Tabloid-Blick auch nicht vorstellen. Die Rolle des Zweitplatzierten liegt mir nicht. Erst als uns Zeitungschef Bernhard Weissberg nach einem internationalen Kongress das Independent-Modell vorgestellt hat, wonach die Leser über das Format entscheiden, konnte er meine Bedenken zerstreuen. Wir druckten während einer gewissen Zeit den gleichen Blick in zwei verschiedenen Formaten und überliessen die Wahl unseren Lesern.

Peter Uebersax hat gegenüber "persönlich" auch zur Gratisabgabe des Blicks angeregt. Wurde dies einmal ernsthaft diskutiert?

Es gab einmal solche Überlegungen, doch im Endeffekt rechnet sich eine Gratisabgabe nicht.