60 Jahre "Wort zum Sonntag"

SRF - Die Sendung soll am Samstagabend auch das Primetime-Publikum erreichen.

Das "Wort zum Sonntag" ist neben der "Tagesschau" das zweitälteste Fernsehformat in der Schweiz, das immer noch ausgestrahlt wird. Zum 60-Jahr-Jubiläum sprechen zwei besondere Gäste, wie SRF am Mittwoch mitteilte. Am Samstag, 7. Juni 2014, beschäftigt sich der Autor und Mundartkünstler Pedro Lenz mit der Frage nach dem Glauben in der modernen Gesellschaft. Mit ihm kommentiert für einmal ein Kulturschaffender die christliche Sicht (siehe Bild unten).

Am Samstag, 14. Juni 2014, kommt einmalig ein "gemischtes Doppel" zum Einsatz. Die katholische Theologin Nadja Eigenmann, derzeit im "Wort zum Sonntag"-Team, tritt gemeinsam mit dem reformierten Pfarrer Ernst Sieber auf. Der 1927 geborene Zürcher sprach bereits vor 32 Jahren das "Wort zum Sonntag" (siehe Bild ganz oben).

Judith Hardegger (Bild unten), Redaktionsleiterin Sternstunden und selber promovierte Theologin, gab persoenlich.com Auskunft über die Sendung.

Wie entstand die Fernsehsendung "Wort zum Sonntag"? Was war die Idee dahinter?
Ein wichtiger Aspekt war, dem neuen Medium Fernsehen ein seriöses Image zu verleihen. Als das Fernsehen aufkam, gab es grosse Vorbehalte gegenüber diesem modernen Medium. Viele Menschen befürchteten eine "Volksverdummung". Wenn nun aber der Pfarrer im Fernsehen auftrat, sorgte das für Niveau und Seriosität.

Was hat sich in den 60 Jahren des Bestehens geändert?
Neben der Tagesschau ist das "Wort zum Sonntag" das zweitälteste Format, das immer noch ausgestrahlt wird. Am 6. Juni 1954 flimmerte erstmals die Sendung "Zum heutigen Sonntag" über die Bildschirme. Passend zum Titel noch am Sonntagabend. Vier Jahre später erhielt die Sendung ihren bis heute vertrauten Namen. Den heutigen Programmplatz zwischen "Tagesschau" und Samstagabend-Unterhaltung hat die vierminütige Sendung erst seit 1980.
In den 50er-Jahren mussten die Sprecher noch den Programmschluss abwarten – durften dafür aber zehn Minuten reden und taten dies meist im Kanzelpredigtstil. Heute versteht sich das "Wort zum Sonntag" als christlicher Kommentar zum Zeitgeschehen und ist eine der wenigen expliziten Meinungssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. 

Erhalten Sie viele Reaktionen von Zuschauern? Wie fallen diese aus? 
Es gibt sehr verschiedene Reaktionen, viele gehen direkt an die Sprechenden. Es kann passieren, dass ein- und dasselbe "Wort" sowohl Lob als auch Schelte auslöst. Erst vor kurzem gab es nach einem Beitrag zu Homosexualität sehr kritische Schreiben an die Redaktion. Zugleich wurde der Beitrag auf Facebook geliked und über Twitter weit über die Schweiz hinaus verbreitet und hat da viele positive Reaktionen an die Sprecherin ausgelöst.
Rekordverdächtig viele Beanstandungen gab es, als ein Sprecher die Erbschaftssteuer als gerecht bezeichnet hat, oder als eine Sprecherin den Umgang der katholischen Kirche mit Fällen von sexuellen Übergriffen kritisierte. Beide "Worte" lösten einen erheblichen Wirbel aus.

Ist eine christliche Sendung noch zeitgemäss?
Nicht mehr zeitgemäss und verstaubt für die einen, wertkonservativ für die anderen und fortschrittlich für die Dritten. Da sind die Meinungen sehr unterschiedlich. Abgesehen davon gibt es ja nicht nur die traditionellen Sendungen aus dem Studio, sondern immer wieder auch Aussenproduktionen.
In der Sendung wird über Prostitution gesprochen, über Wahlbeteiligung, über Homosexualität, Flüchtlingsdramen auf Lampedusa oder den gläsernen Internetnutzer – also immer wieder über ziemlich heisse Eisen. Mit der zunehmenden Entkirchlichung der Gesellschaft steht auch das "Wort zum Sonntag" unter genauer Beobachtung.
Das Publikumsinteresse ist gross, wöchentlich kommentieren Zuschauende die Sendung auf den unterschiedlichsten Plattformen. Mal wird sie als zu politisch wahrgenommen, mal als zu liberal, oder zu grün oder zu biblisch - immer wieder anders.

Wie offen ist die Sendung heute für andere Religionen und Ideen?
Die Sendung ist durch die Vereinbarung zwischen SRF und den Landeskirchen getragen und erfüllt einen Service public, welcher der gesellschaftlichen Rolle der Kirchen entspricht. So ist das Sendegfäss "Wort zum Sonntag" von Haus aus auf das Christentum konzentriert.
Zugleich gibt es das pfiffige Format "Bilder zum Feiertag", das diese gar nicht so neue Frage nach der Einbindung anderer Religionen schon seit vielen Jahren umsetzt. Es ist von der Länge her am "Wort zum Sonntag" orientiert, hat aber keinen fixen Sendeplatz in der Woche, sondern wird je nach religösem Feiertag einer nichtchristlichen Religion ausgestrahlt.
Darüber hinaus berücksichtigt SRF Menschen aus anderen Religionen und Kulturen im Gesamtprogramm – sei das bei "Dok" und "Reporter", bei den "Sternstunden", im "Kulturplatz" oder in anderen Sendungen. 

Warum haben Sie für die Jubiläumssendungen den Schriftsteller Pedro Lenz und den bekannten Pfarrer Ernst Sieber ausgewählt?
Ernst Sieber ist vielen Zuschauenden noch als "Mister Wort zum Sonntag" in Erinnerung. Zwar ist sein Engagement nun schon 32 Jahre her, aber immer wieder erinnern sich Menschen daran, dass das doch "der Sieber" war, der einst einen Esel mit zur Aufnahme brachte.
Der Schriftsteller Pedro Lenz hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten über die Bedeutung der Kirchen in einer immer stärker ausdifferenzierten Gesellschaft geäussert. Ihn haben wir nicht nur deshalb angefragt, weil er ein "Promi" ist, sondern weil er sehr offen, pointiert und gescheit über Religion und Kirche spricht. 

Lenz sagte am Mittwoch im "Blick", dass viele Leute Religiosität suchen würden, aber nichts mit der Institution Kirche zu tun haben wollen. Wollen Sie hier auch einen Anlaufpunkt bieten? Oder macht es das gerade schwieriger für eine Sendung, bei der die Landeskirchen beteiligt sind?
Das "Wort zum Sonntag" wird zur Primetime gesendet und soll auch das Primetime-Publikum erreichen. Obwohl es von kirchlichen Mitarbeitenden gesprochen wird, richtet es sich nicht in erster Linie an kirchennahe Leute. Deshalb werden auch Sprecher und Sprecherinnen ausgewählt, die ein Gespür für aktuelle Themen haben und ein breites Publikum ansprechen können.

Fragen: Lukas Meyer//Bilder: SRF