Herr Schatz, die "Weltwoche" vertraut Ihren Studien, weil Sie für namhafte Unternehmen und Institutionen arbeiten, wie etwa Harvard University, das WEF und Kofi Annan (vgl. "persoenlich.com"). Für die OECD ist Media Tenor offizieller "Knowledge Partner", was normalerweise nur Universitäten zugestanden wird. Welche Leistungen erbringt Ihr Unternehmen?
Wir bieten qualitative, kontinuierliche Medien-Analyse der sogenannten Meinungs-Führer-Medien an. So liefern wir einerseits klare, überprüfbare Indikatoren. Wir ermitteln, wer mit welchen Themen, Quellen und Bewertungen von welchen Medien wie dargestellt wird. Andererseits können wir durch unseren Ansatz, JEDEN Text oder Beitrag Tag für Tag in Schlüsselmedien auswerten, sprich die sogenannte Wahrnehmungsschwelle definieren: Wie viele Beiträge sind exakt notwendig, damit die Menschen in der Schweiz, aber auch in England, USA oder Südafrika aufgrund der Aufmerksamkeitsagenda sich in ihrem Verhalten verändern. Das machen wir für Wirtschaftsforschungsinstitute, Unternehmen und Regierungen wie etwa die von Südafrika oder aber für auch die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten wie SABC, das tschechische TV oder National Public Radio International in den USA.
Djego Yanez sagt im Interview mit "persoenlich.com", die Wahl der untersuchten Sendungen sei nicht nachvollziehbar. Wieso haben Sie gerade die ausgewählten vier Sendungen untersucht um Aussagen über die Berücksichtigung der Kantone zu erhalten?
Da Herr Yanez vor oder nach dem Interview mit "persoenlich.com" es noch nicht geschafft hat, mit mir persönlich zu sprechen, erstaunt mich diese Aussage. Media Tenor legt immer die Basis und Methode offen, das seit 18 Jahren. Jeder, der unsere Website anklickt, kann sich selber davon überzeugen. Herr Yanez hat zudem seit Oktober 2010 sehr viele unserer Studien von mir persönlich erhalten. Sie alle haben eines gemeinsam: Einen ausführlichen Methodenteil. Er hat dies seither nicht beanstandet.
Können Sie Ihre Methode in wenigen Sätzen erklären?
Wir orientieren uns an den Vorgaben von Max Weber: Jeder Text sollte mit allen inhaltlichen Facetten unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten ausgewertet werden. Da ich in fünfter Generation Journalist bin, habe ich eine besondere Sensibilität gegenüber der Frage, wie die Inhalte unseres Berufes am besten transparent gemacht werden kann: Keine Software liefert wirkliche Inhaltsanalyse, das zeigt die aktuelle Debatte in Deutschland zum Plagiatsvorwurf. Daher haben wir bei uns im Team 125 ausgebildete Analysten, die Tag für Tag, alle Beiträge in Al Arabia, CBS, dem chinesischen oder englischen TV, Beitrag für Beitrag nach einem vorgegebenen Codebuch auswerten. Das Codebuch ist transparent und wird seit 1994 eingesetzt. Neue Ergebnisse werden natürlich eingepasst, z.B. dass für 2011 Frau Calmy-Rey Bundesratspräsidentin ist. Das Thema "Sub-Prime" gab es zudem 1994 noch nicht, also wurde es dann 2006 mit aufgenommen, als das "Wall Street Journal" darüber berichtete. Die Struktur der Analyse aber ist seit 1994 die gleiche. Das bedeutet, wir verfügen mittlerweile über 100 Millionen kontinuierlich erhobener Daten. Im Mai 2011 werden wir diese in das Global Media Impact Center in Boston übergeben, damit Doktoranten aus aller Welt zu Fragen der Medienwirkung anhand realer Zeitreihen forschen können.
Wie garantieren Sie die Datenqualität?
Um die Sauberkeit der Daten garantieren zu können, werden monatlich sogenannte Inter-Codierer-Reliabilitäts-Tests durchgeführt: Jeder Analyst, egal ob in New York oder Beirut, erhält die gleichen 5 Texte, der er oder sie in einer vorgegebenen Zeit nach Thema, regionalem Bezug, Quelle, Bewertung etc. auszuwerten hat. Das Ergebnis lässt uns dann die Codierung zwischen allen Analysten vergleichen. Da wir aber alle Menschen sind und uns an die Tests in der Schule erinnern, gibt es bei Media Tenor noch eine zweite Test-Ebene: Die normale Arbeit wird von unseren Lehrern, die wir in jedem Büro haben, gegen das Codebuch ausgewertet, also noch einmal durchgeführt. Der Mittel-Wert beider Test-Resultate entscheidet über das Gehalt pro Monat.
Die SVP und die SP kommen öfter zu Wort, als andere Parteien. Dies das Fazit einer kürzlich publizierten Bakom-Studie. Was sagt Ihre Studie zu diesem Thema?
Wir kommen zu dem gleichen Ergebnis. Spannender erscheint mir aber die Darstellung der Grünen, die wesentlich weniger Raum erhalten, als ihnen z.B. von der Bedeutung des Themas "Klima-Wandel" oder nur mit Blick auf die Sitzverteilung in Bern zustehen würde. International betrachtet ist das aber nichts Besonderes: Ralph Nader erging es bei den US-Präsidentschaftswahlen in den USA 2000 und 2004 noch schlechter.
Weiter zeigt Ihre Studie, dass Frau Sommaruga "regelrecht hochgejubelt" wurde. Können Sie diesen Befund detaillierter ausführen?
In der Tat ist ein Saldo von 60 Prozent positiven Aussagen zu einem Spitzenpolitiker eher unüblich. Das schaffte noch nicht einmal Barack Obama bei der BBC. Aber SF hatte diesen Wert für die spätere Bundesrätin ja nur im Anfangsmonat ihrer Nominierungsdebatte. Heute ist ihre Bewertung "normalverteilt".
Ist es richtig, dass Ihre Analysen rein deskriptiv sind und keine theoretischen Bezüge aufweisen?
Hinter unserer Analyse liegt das von uns entwickelte ICA=CH-Modell, dass zum Teil seine Fundierung in Russel Newmanns 1990 publiziertem Text über Awareness Thresholds findet. Angesichts von mittlerweile über 800 Dissertationen und Habilitationen habe ich nicht den Eindruck, dass wir zuwenig für die Forschung tun. Sie können auch gerne unsere Vorträge bei den Fachkonferenzen der diversen Fachwissenschaften besuchen: Ob ICA, APSA oder diesen Monat die regional Konferenz der WAPOR in Spanien: Immer sind Media-Tenor-Researcher mit ihren Papers als Referenten zum Vortrag ausgewählt.
Offenbar ist es nicht das erste Mal, dass Sie mit dem Schweizer Fernsehen nicht einer Meinung sind. Stehen Sie auf Kriegsfuss mit der SRG?
Ganz im Gegenteil: Unsere Daten stimmen doch mit dem in der "SonntagsZeitung" publizierten Resultat der Bakom-Studie überein. SF hat zudem für den Zeitraum die besten Resultate im Rahmen der Informationsvermittlung über Krisen- bzw. Friedensregionen, wie dies der Global Peace Index ausweist. Leider konnte Herr Yanez die damit verbundene Auszeichnung im letzten Oktober für die Leistung seines Teams im Zeitraum 1. Juli 2009 bis 30. Juni 2010 nicht persönlich entgegen nehmen.
Und mit ARD und ZDF?
Gilt das Gleiche. Oder was denken Sie: Warum verwenden beide Sender unsere Ergebnisse gerne in ihren Programmen? Wie erklären Sie sich, dass das ZDF-Heute-Journal stolz einen Beitrag aufwendig produziert und ausstrahlt, der sie als Media-Tenor-Award-Winner auszeichnet und unsere Methode gut erklärt? Zur gelebten Transparenz gehört aber auch, dass auf Facetten hingewiesen wird, wo die Sender Schwachstellen ausweisen. Die Kollegen von BBC oder SABC lieben uns gerade dafür.
Trotzdem gibt es immer wieder Differenzen.
Warum die Vertreter des deutsch-sprachigen öffentlich-rechtlichen Fernsehens immer nur Lob haben wollen, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist: Unsere Daten wurden in keinem Fall in den letzten 18 Jahren auch nur ein einziges Mal von einer anderen Institution empirisch in einem Versuch wiederholt. Das ist aber der Schlüssel auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften, um eine Aussage zu treffen, ob Analyse a sich von Analyse b unterscheidet. Wobei es der Anstand anmahnt, dass selbst in einem solchen Fall weder a noch b behaupten sollte, "richtig" zu liegen. Aber wie gesagt: Solche Studien liegen nicht vor. Es gibt allerdings hier und da unbelegte Behauptungen. Interessanterweise immer nur dann, wenn einzelne Personen bei ARD oder ZDF mit dem ausgewiesenen Resultat nicht glücklich waren.
Laut "Aargauer Zeitung" erhob die deutsche Staatsanwaltschaft 2010 Anklage gegen Ihre Firma. Vorwurf: Untreue in 150 Fällen, betrügerischer Bankrott, Insolvenzverschleppung. Offenbar verurteilte Sie das Gericht am Ende wegen Untreue in elf Fällen. Es setzte eine Bewährungsstrafe von 22 Monaten ab. Stimmt das?
Zunächst einmal behauptete die "Aargauer Zeitung", ich hätte allen Anklagepunkte zugestimmt. Was selbstverständlich nicht der Fall ist. Hinzukommt, dass das Urteil nichts rechtskräftig ist und in Karlsruhe zur Berufung steht u.a. weil der Richter das Urteil in schriftlicher Form erst nach der Einspruchsfrist allen Beteiligten vorgelegt hat. Wesentlich spannender ist jedoch der Ursprung der Klage: Diese erfolgte, nachdem ich im September 2009 vom BGH in meiner Klage gegen das Bonner Gericht und andere staatliche Stellen bestätigt worden bin und massive Schadensersatz-Ansprüche nun geltend gemacht werden konnte. Das BGH Urteil liegt vor und ist rechtskräftig. Herr Yanez hat die Kopie seit Oktober 2010. Nach Verlesen der Anklageschrift äusserte sich der vorsitzende Richter de Vries am 1.3.2010 mit den Worten: "Offensichtlich haben wir hier nur einen Geschädigten, nämlich Herrn Schatz. Und wenn, dann geht es hier nur um Untreue gegen sich selber". Warum Sie in Deutschland für das Ausstellen von 11 Rechnungen für geleistete Tätigkeit an ihren Kunden 22 Monate auf Bewährung erhalten sollen, fragen Sie lieber Richter de Vries.
Media Tenor beschäftigte früher weltweit 240 meist freiberufliche Analysten und unterhielt Büros in Bonn, Lugano, New York, Pretoria und Windhoek. Wie viele Mitarbeiter arbeiten heute für Sie?
Media Tenor beschäftigte keine freiberuflichen Analysten, weil sie diese wesentlich schlechter im täglichen Training managen können. Wir hatten uns früher an die Vorgabe aus dem Lehrbuch von Prof. Früh gehalten, gemäss dem Analysten nie zu mehr als 50 Prozent angestellt sein sollten. Diesen Zopf haben wir 2006 abgeschnitten und sind seither 125 Analysten in Beirut, Berlin, Boston, New York, Pretoria, Tianjing.
Die "Aargauer Zeitung" stellt zur Diskussion, ob bei Media Tenor "Öffentlich-Rechtlichen-Bashing" als eigentliches Businessmodell gilt. Was sagen Sie dazu?
Was hätte ich davon, unseren Kunden SABC zu bashen? Oder das tschechische Fernsehen? Warum kommen die Kollegen von BBC oder der dänische Chefredaktor zu unseren Konferenzen? Um sich bashen zu lassen? Es wird in diesen Zeiten so viel gegoogelt: Warum liest die "Aargauer Zeitung" nicht auch diese Quellen, wo sie den Vortrag des BBC Kollegen bei der Agenda Setting Conference runterladen könnte? Wie kann ich 2010 dem SF einen Preis verleihen? Das erscheint ja wohl als eine ganz besondere Form des Bashings
Erklären Sie kurz: Wie verdienen Sie mit Medienanalysen Geld?
Verdichtete Daten, die rechtzeitig Trends erkennen lassen, sind für unsere Kunden Gold wert. Sie sind wichtige Daten für strategische Unternehmens- und Regierungsentscheidungen. Zudem können Sie mit Media Tenor Daten z.B. den Consumer Confidence Index prognostizieren.
Laut Comedia gab es 2008 Probleme bei der Lohnauszahlung für Mitarbeiter als Media Tenor noch in Lugano angesiedelt war. Hat sich dieser Zustand nun verbessert?
Unsere Analysten können durchaus pro Jahr sechsstellig verdienen. Das ist der Vorteil, wenn man neben der quantitativen Ebene auch eine qualitative in der Bezahlung hat. Das setzt aber voraus, dass die individuelle Codier-Leistung bis zum letzten Monatstag abgewartet wird, die Inter-Coder-Reliabilitäts-Test Resultate vorliegen und alle anderen Qualitäts-Sicherheitsroutinen, die ich oben skizziert habe. Das führt dazu, dass der vertraglich vereinbarte Zahlungstermin vom 10. des Folgemonats voll ausgeschöpft werden muss. Diesen Teil des Vertrages hatten einige Kollegen damals der Comedia nicht mitgeteilt, sodass es zu der Fehleinschätzung kam. Die Kollegen der Comedia in Zürich waren am Gespräch mit uns interessiert und wir haben seither keine Beanstandung gehabt. Ganz im Gegenteil, in Zeiten der Krise wie 2008 oder 2009 werden Arbeitgeber mit 100 Prozent Eigenkapital und Eigentümer-Führung geschätzt. Eben weil man weiss, dass der Unternehmer mit allem was er hat gerade steht. Egal um was es geht.
Auf mediatenor.ch kann die Studie heruntergeladen werden.