Abschreiberegeln ohne 20 Minuten und Tamedia

VSM - Die Medien der TX Group tragen das Memorandum des Verlegerverbands gegen unlautere Textübernahmen nicht mit. Ihre eigenen Richtlinien reichten aus. Schon die Grundsatzvereinbarung mit der SRG hatte das Unternehmen nicht unterzeichnet.

von Nick Lüthi

Der Verlegerverband Schweizer Medien (VSM) hat am Mittwoch ein Memorandum of Understanding «Transparenz und faire Übernahme journalistischer Inhalte» veröffentlicht (persoenlich.com berichtete). Als erste Unternehmen unterzeichnen Ringier Medien Schweiz, NZZ, CH Media, Somedia, die Freiburger Nachrichten und Gammeter Media. Nicht dabei sind 20 Minuten und Tamedia und damit die beiden Publizistikeinheiten der TX Group.

Wer Inhalte übernimmt, muss die Originalquelle nennen und online verlinken, die paraphrasierte Übernahme ganzer Artikel oder wesentlicher Teile ist nicht zulässig, steht im Memorandum. Für Streitfälle bezeichnen die teilnehmenden Unternehmen jeweils eine Kontaktstelle, die dann zu schlichten hilft. Das Verfahren greift aber nur für Unterzeichner des Memorandums. Ein CH-Media-Titel, der eine Textübernahme durch 20 Minuten für unfair hält, kann also nicht auf Grundlage des Memorandums handeln.

«Kein weiterer Regelungsbedarf»

20 Minuten und Tamedia teilen nach eigenen Angaben das Grundanliegen, sehen aber keinen Bedarf für eine Verbandslösung. «Es besteht kein weiterer Regelungsbedarf und wir sehen hier keine Rolle für den Deutschschweizer Verband», schreiben Eliane Loum-Gräser von 20 Minuten und Edi Estermann von Tamedia in einer gemeinsamen Antwort an persoenlich.com. «Es würde Verwirrung stiften und wäre kontraproduktiv.» In der ganzen Schweiz gälten die anerkannten Regeln des journalistischen Handwerks und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Beide Redaktionen hätten darüber hinaus eigene Richtlinien erlassen.

20 Minuten verweist auf die publizistischen Leitlinien, die auf 20min.ch einsehbar sind. Dort ist festgehalten, dass sich die Redaktion Regeln zur fairen Zitierung privater Schweizer Medien auferlegt hat – namentlich zur prominenten Nennung und Verlinkung der Ursprungsquelle, zur Zeichenlänge und zur Textstruktur. Loum-Gräser bezeichnet diese Wiedergabe selbst als summarisch; die einzelnen Vorgaben sind nicht publiziert. Tamedia verweist auf sein Handbuch. Danach ist die Verwendung einer einzigen Sekundärquelle zulässig, wenn diese ein anerkanntes Qualitätsmedium ist, der Sachverhalt plausibel und möglichst detailliert geschildert ist oder die Autorin beziehungsweise der Autor als besonders gut informiert gilt. Zitiert wird laut Handbuch im ersten Abschnitt und mit Link.

Beide Unternehmen wollen sich der internationalen Spur Coalition anschliessen. Das Bündnis wurde im Februar von BBC, Financial Times, Guardian Media Group, Sky News und Telegraph Media Group gegründet und entwickelt Standards und Lizenzierungsmodelle dafür, wie KI-Anwendungen journalistische Inhalte nutzen. Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen Verlagen und Technologieplattformen. Die Übernahme journalistischer Inhalte unter Medien, die das VSM-Memorandum regeln will, ist nicht Gegenstand des Bündnisses.

Auch bei der SRG-Vereinbarung abseits

Es ist nicht das erste Mal, dass die TX Group eine Vereinbarung des Verlegerverbands nicht mitträgt. Im Mai 2025 einigten sich der VSM und die SRG auf ein Massnahmenpaket, mit dem sich die SRG im Onlinebereich zurücknimmt und der Verband im Gegenzug die Halbierungsinitiative ablehnt. Die TX Group unterzeichnete auch dieses Papier nicht. Sie beteilige sich aber weiterhin an Gesprächen mit dem Ziel eines komplementären Mediensystems zwischen privaten und öffentlichen Anbietern, hiess es damals. TX-Group-Präsident und Verleger Pietro Supino hatte zuvor in den Tamedia-Titeln gefordert, die SRG solle sich auf Leistungen beschränken, die Private nicht erbringen.

Dass die TX Group auch hier fehlt, sieht man nicht als Belastung für den Verlegerverband, sagt Andreas Zoller, Leiter Public Affairs. Es gebe weiterhin viele Gemeinsamkeiten, die aber weniger wahrgenommen würden als jene Punkte, in denen die Gruppe ausschere. Die TX Group sei ein wichtiges VSM-Mitglied und in den allermeisten politischen Positionen und Kampagnen auf Verbandskurs. «Das Memorandum of Understanding kann auch in seinem jetzigen Umfang einen Beitrag dazu leisten, wie Medien gegenseitig miteinander umgehen», sagt Zoller.