Die Jury – bestehend aus Brigitte Hürlimann, Felix E. Müller und Anne Pitteloud – hat verschiedene Kandidatinnen und Kandidaten für den Pro Litteris-Preis 2018 nominiert und sich dann in einer Sitzung einstimmig für Alain Campiotti (75) entschieden. Jury-Mitglied Brigitte Hürlimann sagte am Samstag: «Grund war sein eindrückliches Lebenswerk, sein Engagement für einen informativen, aufklärerischen, sachlichen, transparenten Journalismus; als Korrespondent in verschiedenen Weltgegenden, aber auch als Journalist in der Westschweiz.» Campiotti habe am liebsten vor Ort recherchiert, jeweils alle Seiten beleuchtet, mit allen Beteiligten gesprochen, sich sein ganzes berufliches Leben lang einem anspruchsvollen, hochstehenden Journalismus gewidmet. «Er hat mit seinen Beiträgen ganze Generationen geprägt», sagt die promovierte Juristin und Journalistin Hürlimann. Der Hauptpreis ist mit 40'000 Franken dotiert.
Vom Vallée de Joux in die Welt
Alain Campiotti kam 1943 im waadtländischen Vallée de Joux zur Welt. Er besitzt durch seine Eltern Tessiner Wurzeln. Campiotti studierte in Lausanne Politikwissenschaft. Nach verschiedenen Tätigkeiten trat er in die Redaktion der Zeitung «24 heures» ein. Von 1982 bis 1985 waren er und seine mittlerweile verstorbene Frau Myriam Meuwly als Korrespondenten für mehrere Zeitungen in China tätig.
Bei «L'Hebdo» war er anschliessend für Internationale Politik zuständig. 1991 folgte ein Engagement bei «Le Nouveau Quotidien», bis diese 1998 mit dem «Journal de Genève» und der «Gazette de Lausanne» zu «Le Temps» fusioniert wurde. Campiotti hatte dort die Funktion des stellvertretenden Chefredaktoren inne. 2000 war er als freier Journalist in New York, danach im Nahen Osten (Damaskus, Beirut, Gaza). Er schrieb unzählige Reportagen aus Frankreich, Asien, der ganzen arabischen Welt und den USA. Campiotti hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Lausanne.
Förderpreis für Anja Conzett
Hauptpreisträger Alain Campiotti hat Anja Conzett als Preisträgerin für den Förderpreis 2018 bestimmt – so will es das Reglement des Pro-Litteris-Preises. Campiotti sagte am Samstag: «Ich habe Anja Conzett aus einer Gruppe von Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt, die mir von Freunden aus der Deutschschweiz genannt wurden. Ich war beeindruckt von ihrer Dynamik, ihrem Willen und Engagement als junge Journalistin.»
Auch ihre Geschichte habe den Waadtländer beeindruckt: «Tochter eines Missionars und einer Theologin aus Schiers (GR), ihre Arbeit in einem Schlachthof, so quasi als Testgelände für ihre spätere Tätigkeit, ihre bisherige journalisitische Tätigkeit in Graubünden und in Zürich, wo sie an den Recherchen zur Immobilien-‹Mafia› beteiligt war, sowie ihre kürzliche Reportage aus den USA.» Die 29-Jährige ist seit dem Start der «Republik» im vergangenen Januar als Reporterin für das Onlinemagazin tätig.
Stefan Keller neuer Präsident
An der Generalversammlung von Pro Litteris, die gleichentags stattfand, wurde Stefan Keller zum neuen Präsidenten gewählt. Er tritt die Nachfolge des Berner Verlegers und Juristen Men Haupt (63) an.
Keller ist seit 2006 im Vorstand der Schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft für Literatur und bildende Kunst Pro Litteris – seit einigen Jahren auch als Vizepräsident. Der Thurgauer ist Redaktor der Wochenzeitung, arbeitet als historischer Berater im künstlerischen Team von «1918.CH – 100 Jahre Landesstreik» in Olten, ist Kolumnist des Ostschweizer Kulturmagazins «Saiten» und kuratiert Ausstellungen oder steht Filmemachern als Berater zur Seite («Akte Grüninger»). Er leitet nun den elfköpfigen Pro-Litteris-Vorstand.
Von Urs Oskar Keller