"Als Chefredaktor steht man ständig unter Druck"

Peter Hartmeier - 3 Jahre im Amt -- eine Bestandesaufnahme.

3 Jahre ist Peter Hartmeier bereits Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Nach anfänglicher Skepsis hat sich der gebürtige Schaffhauser etabliert und hegt grosse Pläne. "persoenlich.com" berichtete bereits über die Pläne von weiteren Regionalausgaben des Tagi, welche Hartmeier im Interview mit "persönlich rot" bekannt gab. Im gleichen Gespräch schildert Hartmeier auch die Probleme, mit denen er als Tagi-Chef anfänglich zu kämpfen hatte. Hier die Bestandesaufnahme.

3 Jahre ist Peter Hartmeier bereits Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Nach anfänglicher Skepsis hat sich der gebürtige Schaffhauser etabliert und hegt grosse Pläne. "persoenlich.com" berichtete bereits über die Pläne von weiteren Regionalausgaben des Tagi, welche Hartmeier im Interview mit "persönlich rot" bekannt gab. Im gleichen Gespräch schildert Hartmeier auch die Probleme, mit denen er als Tagi-Chef anfänglich zu kämpfen hatte. Hier die Bestandesaufnahme.

Herr Hartmeier, Sie sind seit tausend Tagen im Amt. Rückblickend gesehen, was war der absolute Höhepunkt?

Ich erlebe jeden Morgen ein kleines Highlight, wenn ich die neuste Ausgabe des Tages-Anzeigers in den Händen halte. Fast schon instinktiv blättere ich die Zeitung durch, um eine erste Blattkritik zu machen. Das Gleiche passiert spätabends, wenn ich in einem Restaurant die Tagi-Ausgabe des folgenden Tages kaufe. Auch nach drei Jahren ist es immer noch ein gutes Gefühl, diese Zeitung zu leiten.

Jetzt drängt sich die Frage nach dem Tiefpunkt auf.

Es gab Leute, die mir voraussagten, das Leben eines Tagi-Chefs werde in erster Linie nur aus Schwierigkeiten und Tiefpunkten bestehen. Diese Prognose hat sich nicht bewahrheitet. Ich mache meine Arbeit wirklich gerne und bin heute noch elektrisiert, wenn ich mein Büro betrete. Trotzdem leide ich gelegentlich auch an dieser Aufgabe.

Inwiefern?

Als Tagi-Chefredaktor steht man ständig unter Druck. Von allen Seiten werden Ansprüche erhoben. Das ist manchmal schwierig zu ertragen.

Und der absolute Tiefpunkt?

Für mich war der Tiefpunkt, als wir ein Budget genehmigten, welches 15 Prozent Einsparungen vorsah und deshalb Entlassungen, Frühpensionierungen und Arbeitszeitreduktionen, von denen 60 Menschen betroffen waren. Ich vertrat diese Pläne vor der Redaktion und musste mich anschliessend vor jeden einzelnen Mitarbeiter hinstellen, dem gekündigt wurde. Dies war der bitterste Moment meines bisherigen beruflichen Lebens.

Mit einer solchen Situation waren Sie als Chefredaktor von Bilanz oder Politik und Wirtschaft niemals konfrontiert.

Nein. Ich erlebe die schwierigste berufliche Zeit meines Lebens beim Tages-Anzeiger.

Woran liegt das?

Beim Tages-Anzeiger arbeiten rund zweihundert Leute in der Redaktion. Früher konnte ich einfach vor die Leute hintreten und sie mit meiner Art überzeugen. Dies ist bei dieser Grösse nicht mehr möglich. Wer den Tagi leitet, führt über Hierarchien und Auftritte. Gleich nach der Übernahme der Chefredaktion musste ich mich der Redaktion vorstellen und mich rechtfertigen. Ich stand buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Innerhalb des Hauses herrschte grosses Misstrauen -- zum einen, weil es in den letzten Jahren zu einigen Chefredaktorenwechseln gekommen war, zum andern auch gegenüber meiner Person. Kritiker bemängelten, dass ich in den letzten Jahren nicht mehr im Journalismus tätig gewesen sei. Zusätzlich wusste man auch von meiner Nähe zu Hans Heinrich Coninx und Martin Kall. Daraus entstand in der Redaktion zuerst ein Klima der Ablehnung, welches mir Mühe machte und ich in dieser Form auch nicht kannte.

Bislang wechselten Sie alle fünf Jahre den Job. Nun sind Sie bereits drei Jahre Chefredaktor.

(Lacht.) Ich weiss, worauf Sie ansprechen: Tatsächlich gibt es in meiner beruflichen Biografie diesen 5-Jahres-Rhythmus. Deshalb gebe ich Ihnen gerne eine klare Antwort: Ich möchte beim Tages-Anzeiger bleiben. In launigen Momenten erinnert mich Martin Kall sogar daran, dass ich als Chefredaktor des Tages-Anzeigers pensioniert werden solle! Doch bis zu diesem Zeitpunkt dauert es noch viele Jahre.

Obwohl Sie eine der schwierigsten Redaktionen leiten, wirken Sie sehr entspannt. Welche Überlebensstrategie haben Sie innerhalb des Hauses Tamedia angewandt?

Ich wurde Tagi-Chefredaktor, als sich die Zeitung in einer sehr schwierigen Situation befand. Ich wurde in dieses Amt berufen, weil man jemanden suchte, der über Führungserfahrung verfügt, organisieren, motivieren, politisch denken und auch gegen innen und aussen auftreten kann. Vor allem sollte der neue Chefredaktor bereit sein, die Zeitung schrittweise dem veränderten Mediennutzungsverhalten anzupassen. Weiter lautete der Wunsch des Verwaltungsrates, die Zeitung so zu ändern, dass Zürich publizistisch im Mittelpunkt stehen würde. Diesem Auftrag habe ich entsprochen. Den neuen Auftritt des Blauen Bundes unter Führung meiner Stellvertreterin Daniela Decurtins haben wir umgesetzt. Unsere Leserzahlen im WG 43 sind in diesen drei Jahren von 35,2 auf 36,6 Prozent angestiegen, die Reichweite im Bezirk Zürich erhöhte sich von 39,5 auf 44,5 Prozent. Mit der provozierenden Zuspitzung, wonach der Tages-Anzeiger ‘a local paper’ sei, habe ich am Anfang meiner Tätigkeit viele Redaktionskolleginnen und -kollegen geärgert. Heute weiss die ganze Redaktion, dass wir nur dann die nationale Ausstrahlung absichern, wenn wir in unserem Heimmarkt Millionen-Zürich in jeder Hinsicht die führende Zeitung sind. Wir haben den Ehrgeiz, das Leben und die Interessen dieser Region in einer Zeitung mit nationaler Ausstrahlung darzustellen.