Herr Stadler, an die 270 Artikel pro Jahr sind nicht genug (vgl. persoenlich.com), seit dem 1. Februar haben Sie auf der NZZ-Seite auch Ihren eigenen Medienblog. Wieso bloggen Sie nun auch noch?
Es ist ein Versuch, meine Zeitungskolumne am Dienstag zu – wie man so nett sagt – dynamisieren. Ich hatte bisher oft Hemmungen, dienstags in der Kolumne Medienereignisse zu reflektieren, die beispielsweise am Dienstag oder Mittwoch der vorigen Woche aktuell waren. Ich wäre mir wie die Schneckenpost vorgekommen, vor allem dann, wenn andere Online-Medien das Thema schon aufgegriffen hatten. Ich denke, eine Medienkolumne sollte möglichst aktuell sein. Dazu ist man in einer Tageszeitung verpflichtet. Ein Blog gibt mir die Möglichkeit, flexibler zu reagieren. Insofern ist "In Medias Ras" nun einfach eine digitale Kolumne, die dienstags auch zu Papier wird.
Sie scheinen dem Schreibformat "Blog" – wie man sich das von Ihnen gewohnt ist – skeptisch gegenüberzustehen. Wieso eigentlich und wurden Sie zu Ihrer neuen Tätigkeit verknurrt?
Nein, das Problem der Starrheit einer wöchentlichen Kolumne hat mich schon länger umgetrieben. Ich habe etwas gezögert mit der Einführung, weil Blogs auch eine Verpflichtung sind. Das heisst, man sollte sie regelmässig mit neuem Stoff versorgen. Ich denke aber im Übrigen, dass Blogs erfunden wurden, um jenen eine Stimme zu verschaffen, die keinen Zugriff auf eine Druckerei haben. Sie sind insofern alternative Stimmen zu den Massenmedien. Für persönlicher gefärbte Meinungsbeiträge hat die Presse ja längst ein schönes Wort geschaffen: die Kolumne. Ich will aber nicht einen Streit um Begriffe führen. Sicher ist, dass ein Zeitungs-Blog für einen Redaktor nicht den subversiven Zweck hat, Meinungen unterzubringen, die in der gedruckten Ausgabe nicht genehm wären. Als Journalist kann man nur eine Identität haben. Ein Doppelleben wäre unglaubwürdig. Man kann allenfalls stilistisch andere Akzente setzen.
Konsumieren Sie selber Blogs? Welche?
Ist beispielsweise der Medienspiegel ein Blog? Ich grase täglich viele Websites ab, wo ich News und Kommentare zu Medienthemen finde. Aber ich verhalte mich zu Ihrer Frage wie ein guter alter Schweizer Banker: Ich bin da diskret. Oder anders gesagt: Ich beanspruche das Recht auf Quellenschutz, um mich vor stillen Racheakten nicht Erwähnter zu bewahren.
Machen Sie zwischen einem eigenen Blogbeitrag und Ihrer Kolumne "in medias ras" in der Printausgabe der NZZ einen Unterschied?
Wie gesagt, grundsätzlich besteht kein Unterschied. Aber mal schauen, wie sich das entwickelt. Online stehen natürlich neue Techniken zur Verfügung, die einen spielerischeren Zugriff auf Medienthemen ermöglichen. Aber ich bin da noch nicht so virtuos in der Handhabung. Zudem gibt es auch Grenzen, die unser System setzt.
Die NZZ scheint neuerdings eigene Blogs zu forcieren. So verfügt sie neben dem Medienblog über einen "Romandie-Blog", einen "Snowblog", "Klima-Blog", "Hotel-Blog", "Uhren-Blog", "Haus-Blog", "Management-Blog" und "Abstimmungs-Blog", um nur einige zu nennen. Viele davon sind noch jüngeren Datums. Welches Konzept steckt dahinter?
Ja, man treibt das voran. Aber zum Konzept sollten Sie Inlandchef René Zeller fragen. Er ist für die Blogs zuständig.
Setzten Sie eigentlich bewusst keine Links zu Artikeln, die Sie zitieren?
Ich gehöre zur seltsamen Sorte von Menschen, die gedruckte Zeitungen lesen. Die zitierten Artikel kann ich leider nicht ins Blog stopfen. Ich verlinke durchaus, aber zugegeben, ich könnte das intensiver machen. Allerdings stelle ich in Bezug auf die Digitalisierung fest: Die neuen Techniken erhöhen zwar die Effizienz, aber sie machen sie gleichzeitig zunichte. Ich wundere mich regelmässig, auf wie vielen Tasten ich herumhacken muss, bis ein Online-Text mit Links, Bild usw. in seiner vollen Perfektion geboren ist. Auch in puncto konvergenter Zeitungsproduktion könnte ich Ihnen ein Liedchen über den Fortschritt der Menschheit singen.
Wie steht es bis jetzt um die Leserzahlen Ihres Medienblogs?
Ihre Frage kommt zu früh. Das muss sich erst etablieren. Bei der Zeitung machte ich die Erfahrung, dass etwa nach einem Jahr, nachdem man ein neues Angebot eingeführt hat, der letzte feststellt: "Ah, interessant, was Sie da neuerdings machen!" Vergessen ist es dann aber deutlich schneller. Flüchtiges Mediengeschäft!
Interview: Benedict Neff