«Amerika hat eine Karikatur zum Präsidenten gewählt»

Patrick Chappatte - Patrick Chappatte ist bekannt für seine scharfsinnigen Karikaturen in der «NZZ am Sonntag». Der international erfolgreiche Presse-Karikaturist aus Genf zeichnet daneben auch für «Le Temps» und die «New York Times». Ein Gespräch über das Geschäft mit Humor in drei verschiedenen Sprachen und das Satire-Potential von Donald Trump.

von Edith Hollenstein



Herr Chappatte, wie inspirierend ist der neue US-Präsident für Sie als Karikaturisten?
Mit Donald Trump hat Amerika hat eine Karikatur zum neuen Präsidenten gewählt. Ich bin Karikaturist, und Sie können mir glauben: Wenn eine Karikatur real wird, ist das schrecklich. Und gefährlich.

Sie sagen, Trump sei eine Karikatur. Er ist aber doch ein realer Mensch. Oder wie meinen Sie das genau?
Er ist eine Übertreibung. Alles in seinem Leben und in seiner Persönlichkeit verkörpert Klischees eines Amerikaners, mit riesigem Ehrgeiz, Ignoranz und Vulgarität. Dazu kommen Charakterschwäche und ein krankes Ego. Während der Wahlkampagne war er schwer fassbar. Ich meinte, ihn karikieren zu können, und schon am nächsten Tag übertraf er meine Karikatur, indem er etwas noch viel Karikaturenhafteres sagte. Dieses Verhalten hat Trump mit allen Demagogen gemeinsam: Sie übertreiben, attackieren und gehen mit Fakten sehr «grosszügig» um. Auf diese Art und Weise entziehen sie sich sachlicher Kritik – wir kennen das, denn wir haben in unseren Breitengraden ja auch einige Populisten. Trump war ein bewegliches Ziel. Jetzt aber, wo er im Präsidentschaftsstuhl sitzt, wird es einfacher, ihn zu zeichnen und ihn haftbar zu machen. Nun gut, vielleicht ...

Wie sehen Sie Ihre Rolle als politischer Karikaturist – gerade auch aktuell in der Situation mit Donald Trump als Präsidenten der USA?
Mein Ziel ist nicht die Provokation, sondern ich will Widersprüche aufzeigen – davon gibt es in Politik und Gesellschaft mehr als genug. Diese zu finden, ist aufwendig. Mein Ziel ist es, richtig zu zielen. So muss ich nicht immer schiessen wie wild. Wenn man schiesst wie wild, kann es sein, dass man das Ziel verfehlt.

Wie kommen Ihre Zeichnungen zustande?
Die meisten Karikaturisten schicken den Zeitungen fertige Zeichnungen. Ich mache es lieber auf eine andere Art: Ich kreiere die Cartoons in einem kollaborativen Prozess zusammen mit den Redaktionen und nutze das Feedback, um zu sehen, was wie wirkt.

Wie funktioniert diese Zusammenarbeit konkret, beispielsweise mit der «NZZ am Sonntag»?
Ich telefoniere jeden Donnerstag mit einem Journalisten aus der Redaktion in Zürich, um mögliche Themen zu besprechen. Anschliessend zeichne ich erste Entwürfe. Vier davon schicke ich per Mail zur «NZZ am Sonntag», sodass die Redaktion per Abstimmung den besten bestimmen kann. Es heisst nicht, dass ich die meistgewählte Zeichnung dann tatsächlich verwende. Am Ende entscheide ich, was ich tun möchte. Aber diese Abstimmungsergebnisse erlauben mir Rückschlüsse darauf, welche Ideen funktionieren und welche nicht. Ein guter Cartoon muss innerhalb von ein paar Sekunden verstanden werden.

Ist dieser Prozess wichtig für Sie, weil Sie ja für Medien arbeiten, die nicht in Ihrer Muttersprache erscheinen?
Ja, das ist ein anderer Grund. Mein Hirn funktioniert auf Französisch (lacht). Für mich ist Deutsch eine Fremdsprache – und Schweizerdeutsch natürlich auch. Manchmal überleben Zeichnungen die Übersetzung nicht, das heisst: Sie werden in einer anderen Sprache nicht mehr verstanden.

Sie müssen über unterschiedlichste politische und gesellschaftliche Themen Bescheid wissen. Wie informieren Sie sich?
Ich bin kein News-Junkie, der dauernd surft oder ununterbrochen Radionachrichten hört. Ich kann mich durchaus mehrere Tage ausklinken und mich erst wieder informieren, wenn ich einen konkreten Auftrag habe. Dann lese ich lemonde.fr, letemps.ch, nytimes.com, nzz.ch oder tagesanzeiger.ch. Zudem höre ich häufig npr.org, das ist für meine Arbeit bei der «New York Times» wichtig.

Bei den «Charlie Hebdo»-Zeichnungen zeigten sich die Schattenseiten des Internets beziehungsweise von Social Media.
«Charlie Hebdo» war ein «clash of globalisation». Jemand aus Pakistan oder aus Indonesien kann diese «Charlie Hebdo»-Karikaturen gar nicht verstehen. Es ist ein Kulturschock der Globalisierung. Es wird niemals möglich sein, dass Menschen auf dem gesamten Erdball das genau gleiche Humorverständnis haben. Darum werden Menschen immer wieder mit Dingen konfrontiert sein, die nicht für sie bestimmt sind.

Was heisst das für Sie?
Ich selbst kann meine Worte, meine Zeichnungen kontrollieren, deren Verbreitung aber nicht. Ich lebe nicht auf einer Insel – damit muss ich und kann ich leben. Es ist ja auch nicht so, dass die Terroristen nur Journalisten oder Karikaturisten angriffen. Wie das Attentat in Paris zeigte, kann es jedermann treffen. Wir leben in einer offenen Welt mit eingeschränkten Denkweisen.

Wie zeichnen Sie die Schweiz?
Die Schweiz ist Blocher – er hat die Schweizer Politik der letzten Jahre geprägt. Daher war er auch die Hauptfigur in meinen Zeichnungen. Und das meine ich nicht im positiven Sinn, denn ich teile seine Ansichten überhaupt nicht.

Satiriker karikieren häufiger rechte als linke Politiker. Warum?
Ich bewundere weder Leute von rechts noch von links. Blocher ist einfach zu zeichnen. Ich mache das nun schon so lange – und er macht ja keine Anstalten, dass er sich zurückziehen will. So kann ich meine Fähigkeiten immer weiter verfeinern (lacht). Zudem habe ich Roger Köppel gezeichnet, jedoch erst einmal.

Sie denken selbst auch eher links.
Es ist die Aufgabe jedes Journalisten, einen kritischen Standpunkt einzunehmen. Ob von rechts oder links, sollte keine Rolle spielen. Sonst wird man zum Propagandisten. Mit Karikaturen kann man die Mächtigen ein wenig infrage stellen. Und in keiner Zeichnung will der Betrachter auf der Seite des grossen, einflussreichen Typen sein – er stellt sich immer auf die Seite des kleinen schwachen.

Haben Sie Christoph Blocher kennengelernt?
(Lacht.) Ja, als er bei «Le Temps» zu Besuch war. Er sprach mich auf sehr blochertypische, charmante Weise an: «Ah, ich kenne Sie. Sie sind der Beste, aber Sie sind immer gegen mich.»


Was sagt Patrick Chappatte sonst noch zu seiner Arbeitsweise und welche seiner Karikaturen hatte besonders viel Einfluss? Lesen Sie das vollständige Interview. Sie finden es in der aktuellen Print-Ausgabe vom «persönlich»-Magazin.


ZUR PERSON

Patrick Chappatte, Sohn eines Schweizers und einer Libanesin, wurde in Pakistan geboren und wuchs in Singapur und der Schweiz auf. 2012 und 2015 wurde er in den USA mit dem renommierten Thomas-Nast-Preis ausgezeichnet, der seit 1968 verliehen wird. Chappatte ist der erste Europäer, der diese Auszeichnung erhalten hat. Nach dem Pulitzer-Preis gilt der Thomas-Nast-Preis als der prestigeträchtigste im US-Journalismus.