"An der Falkenstrasse ballen sich die Sesselfurzer"

- Er war während Jahren der Mann in Afrika für die NZZ, berichtete von Aussenposten aus der ganzen Welt und machte sich einen Namen als Reisereporter und Herausgeber. Nun hat Georg Brunold über seine Erfahrungen im Journalismus ein Buch geschrieben. In "Traumberuf - Erzählung vom Journalistenleben" schildert der 59-Jährige seinen früheren Alltag und spart nicht an zielgerichteter Kritik: "Einige wenige, die sich nun die Mühe machen, mich wegen dieses Büchleins anzupinkeln, und 'Abrechnung pfui!' rufen, ignorieren die Schwere der Vorwürfe, die ich mache." Zum Interview:

Herr Brunold, Sie haben Ihre Journalistenkarriere in einem Buch aufgearbeitet. Was hat Sie dazu bewegt?

Dazu bewegt haben mich meine Kinder Stacy, 15, und Christian, 5 Jahre alt. Das heisst nicht, dass sie deshalb das Zielpublikum des Buches wären, zu dem sich jedermann zählen soll, der sich für Zeitungen und Zeitschriften und wie sie gemacht werden interessiert. Aber die Kinder sollen die Möglichkeit haben, zu irgendeinem von ihnen gewählten Zeitpunkt zwischen 15 und 95 nachzulesen, womit ihr Vater längere Zeit beschäftigt war, wie er dazu gekommen und wie es ihm ergangen ist und was er sich dabei gedacht hat. Ohne die Kinder hätte ich das nicht in Angriff genommen - was vielleicht schade gewesen wäre, denn es ging mir leicht von der Hand.

Sie waren für die WoZ in Kairo, für die NZZ von Nairobi aus in ganz Afrika unterwegs. Aussenposten, auf denen man oft ganz auf sich alleine gestellt ist. Wie geht man vor, um an wirklich gute Storys zu kommen?

Man bereitet sich so gut wie möglich vor, und ab dann ist das Wichtigste, nicht im voraus zu wissen, was man heimzubringen vorhat. Neugier ist der Motor, laut den Hirnforschern ein Begehren. Kardinaltugend bleibt die Offenheit, flankiert von der Unverschämtheit, die Aufmerksamkeit mehr auf die Sache zu konzentrieren als auf die Zwänge des Mediums und auf den Appetit des Abnehmers (den mancher Redaktor noch besser zu kennen meint als mancher Reporter, der seinen eigenen Thesenvorrat weiterdrischt).

Existiert der Traumjob, den Sie damals hatten, eigentlich heute noch?

Traumjobs sicher, denn das liegt bei dem, der den Job macht. Und berichtet wird seit 5'000 oder 40'000 Jahren, so dass man damit also nicht Knall auf Fall zu einem Ende kommen kann. Der Traumjob, wie ich ihn hatte, wohl nicht. In jenen Jahren hatte man die Möglichkeit, sich alleine recht weit vorzuwagen, von zu Hause zu entfernen und ohne grosse Risiken wieder zurückzufinden. Nicht dass die weissen Flecken auf der Weltkarte immer weniger würden, sobald einer etwas tiefer graben mag. Aber sie sind doch umsponnen von immer feinmaschigeren Netzen, was die Logistik der Zugänge, die Abhängigkeit davon und Rücksichten darauf, ebenso wie die bereits global verfügbare Information darum herum angeht. Die Nützlichkeit eines Korrespondenten war vor 20 Jahren evident, heute haben sie jeden Tag den Beweis ihrer Unentbehrlichkeit anzutreten. Manche Redaktoren aber, wiederum nicht zu verwechseln mit den Lesern, lassen sich nichts beweisen. Es gibt weitere Aspekte: 1995 bekam ich fast jeden Tag, den ich im redaktionellen Frühdienst des NZZ-Auslandressorts verbrachte, eine zusätzliche, nicht geplante Seite, wo ich dann doch die gut abgehangenen Durchbrüche der Tropenmedizin und ähnliches unterbringen konnte...

In Zürich, an einem stationären Arbeitsplatz, haben Sie sich, wie Sie schreiben, nie so richtig wohl gefühlt. Braucht es als Reporter eigentlich dieses Abenteurer-Gen, das Sie zu haben scheinen?

"Die Wahrheit wird meistens gesehen, nur ausnahmsweise gehört", sagte im 17. Jahrhundert der spanische Jesuit Baltasar Gracían. Das beharrlichste Ohrenspitzen zu Hause lässt einen nicht unentwegt klüger werden, und wer nur Vater und Mutter, die Klassenkameraden und Frau Müller von nebenan kennenlernt, lernt nicht einmal diese kennen. Auch die Psychologie forscht seit hundert Jahren unter der Prämisse, dass unsere Wahrnehmung nicht von einer immobilen Seh- oder Hörschärfe, sondern in all ihren Aspekten von unserem Bewegungsapparat gesteuert wird. Auch mit allen meinen Büchern übrigens musste ich bisher zuerst in die Fremde gehen, zu Verlegern in Deutschland, die sie dann in die Schweiz lieferten. Echtzeit ist der erste Schweizer Verlag, der meine Gesellschaft nicht zu ungemütlich fand.

Nebenbei bekommen einige ehemalige Vorgesetzte ihr Fett weg. An Hugo Bütler zum Beispiel, dem langjährigen Chefredaktor der NZZ, lassen Sie kein gutes Haar. Ihm sei der Job ein paar Nummern zu gross gewesen, er habe nicht schreiben können, usw.. Generell hätten blasse, kommunikativ schwache Figuren das Sagen gehabt, schreiben Sie in Ihrem Buch. Schwingt da aufgestauter Frust mit?

Wo sehen Sie Chefredaktoren, die eine öffentliche Diskussion der Schweizer Medien über sich selber fordern oder auch nur begrüssen möchten? Da herrscht Abwehr, und dies prophylaktisch. Andernfalls sagen Sie es mir bitte. Sie sprechen, nehme ich an, vom Frust auf den Redaktionen, wo einige ziemlich wenig schreiben und meinen, ihre Arbeit nicht getan zu haben, wenn sie sich nicht in der Arbeit anderer täglich zur Geltung bringen. Produktiv braucht das nicht zu sein, nur unübersehbar und nachhaltig. "Friendly fire" heisst das auf dem Schlachtfeld. Einige wenige, die sich nun die Mühe machen, mich wegen dieses Büchleins anzupinkeln, und "Abrechnung pfui!" rufen, ignorieren die Schwere der Vorwürfe, die ich mache. Vollkommen verantwortungsloser Umgang mit Mitarbeitern zum Beispiel, die im Einsatz für eine Zeitung alles gegeben haben. Dass ich davon selber einige Male dies und das abbekommen habe, ist kein ausreichender Grund, mich darüber in Schweigen zu hüllen und in Furcht vor neuen (alten) Feinden zu erstarren.

Sie wollen sagen: Die NZZ hätte auch zu ihren Goldenen Zeiten eine weitaus bessere Zeitung sein können?

Sie bewies selber am eindrücklichsten und immer wieder, dass sie durchaus das Zeug hatte, über sich hinauszuwachsen. Mindestens punktuell. Nicht nur auf der Schachseite oder in der Philatelie-Kolumne von Max Frenkel (seiner besten Leistung bisher, wo er sich ein Vorbild bleiben darf und soll). "Stinklangweilig" seufzte schon vor zehn oder fünfzehn Jahren ein im Zweifelsfall mit etwas verrotzter Feder agierender "Zeit"-Herausgeber wie Josef Joffe, und das zielte sicher nicht auf die Solidität des Blatts. Aber ein jeder von uns hat einen Geschmack von der Nahrung seines Verdrusses und zugegebenermassen etwas hochnäsigen Stirnrunzelns. Seither hat die "NZZ" Leute eingekauft, die der "Tages-Anzeiger" unter (und nicht über) seinem Niveau fand. Früher hatte die "NZZ" zudem ungeschriebene, aber dennoch geltende Regeln, wonach der Weg nach oben über Aussenposten führte. Seit zwanzig Jahren ballen sich an der Falkenstrasse Sesselfurzer, die nie auf Aussenposten waren und erfahrenere Leute lieber auf Distanz halten. Im besagten Frust vermute ich eine Mischung aus Trägheit, welche die Leute zu Hause festhält, und der eifersüchtigen Ahnung, dass das Leben und die Arbeit auf Aussenposten wenn nicht unbedingt bequemer, so doch spannender ist.

Seit einigen Jahren wohnen Sie wieder in Nairobi, haben dort Familie. Ganz knapp gefragt: Was fasziniert Sie so an Kenia, an Afrika?

Von den vierzig Jahren, seit ich volljährig bin, habe ich vierzehn in Afrika verbracht und vielleicht drei bei den Arabern. Afrika ist also nicht der einzige Kontinent, auf dem ich mich versucht habe, und in Zürich war ich über zwanzig Jahre zu Hause. Ich bin nicht der Mr. Africa, als der ich zu oft gehandelt werde. Natürlich ist das Menü der Herausforderungen eines solchen Aussenpostens reicher als der Dienstplan in Zürich: Man schreibt für alle Ressorts, hat jeden Tag von vorn zu beginnen, da man nichts voraussetzen kann, und man hat einen vielseitigen Einmannbetrieb zu unterhalten, sich sozusagen mit jedem verstopften WC selber zu befassen.

Wie erleben Sie die NZZ heute? Bewegt sie sich mit dem derzeitigen Umbau in die richtige Richtung?

Dazu kann ich nichts sagen, ich kann die Entwicklungen des Blattes nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit verfolgen.

Womit verbringen Sie heute – neben dem Bücherschreiben – Ihre Zeit?

Mit meiner spät erworbenen Familie - und derzeit ihrer Übersiedelung in die Schweiz. Und der Vorbereitung des neuen Nests in meinem Heimatdorf Arosa.

Wie informieren Sie sich heute?

Viel Radio, BBC vor allem, etwas TV-News von BBC World und Al Jazeera, Presseschauen wie Perlentaucher und Open Democracy, der News Tracker der "New York Times"; abonniert habe ich "The New York Review of Books", "Foreign Affairs", "The Atlantic", meine Frau "Vanity Fair".

Welches Projekt steht als nächstes an?

Ein Folgeband meines Reportage-Folianten "Nichts als die Welt". Er soll im Herbst 2013 erscheinen.

Interview: Adrian Schräder / Bilder: Echtzeit Verlag