"An Köppel und Schawinski gefällt mir ihre Sportlichkeit"

- Die wortgewaltige Alice Schwarzer hat sich als Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma einen Namen gemacht und sich immer wieder in aktuelle Debatten eingemischt. Gegenüber "persönlich rot" erzählt sie, warum sie Angela Merkel gegen alle Angriffe verteidigt und wie sie die Abende mit Roger Schawinski und Roger Köppel verbringt. "persoenlich.com" präsentiert einen Ausschnitt aus dem Interview:

Frau Schwarzer, Angela Merkel wurde wider Erwarten nicht zur neuen Kanzlerin gewählt. Welches sind die Gründe? Könnte ihr Geschlecht auch ein Grund dafür sein?

Ich gehe davon aus, dass Frau Merkel Kanzlerin wird, denn sie ist ja die Kandidatin der stärksten Fraktion. Dass der noch amtierende Kanzler Schröder in der so genannten ‘Elefantenrunde’ in selbstherrlicher Verkennung der Realitäten erklärt hat, das Volk habe ihn gewählt, und er bleibe auf jeden Fall Kanzler, das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass ein Macho wie er es nicht erträgt, von einer Frau besiegt zu werden.

Aber nochmals: Spielte es eine Rolle, dass Frau Merkel eine Frau ist?

Ja. Die konservative Kanzlerkandidatin ist mit einer Häme behandelt worden, wie wir sie in Deutschland seit der Kandidatur von Willy Brandt oder Franz-Josef Strauß nicht mehr erlebt haben. Das ging bis hin zu der Kritik der Kanzlergattin an der Kanzlerkandidatin, weil die keine Kinder hat. Wir leben hier zurzeit in einer verkehrten Welt: Der sozialdemokratische Kanzler führt eine traditionelle Hausfrauenehe -- und die konservative Kanzlerkandidatin eine partnerschaftliche Ehe mit einem renommierten Wissenschaftler. Ich war mit Angela Merkel anfangs der Neunzigerjahre erstmals essen und habe seither Kontakt mit ihr. Damals war sie noch Frauenministerin bei Helmut Kohl. Ich habe sie angerufen, weil mich die hämischen Kommentare über ihre Person, das Geläster über ihre Frisuren und Kleider hellhörig gemacht haben. Frau Merkel als intelligente Wissenschaftlerin hat damals gar noch nicht so richtig mitbekommen, was mit ihr passierte.

Was bedeutet Merkels Wahlsieg für die Frauen?

Dies löst die gleiche Erregung aus wie bei den Schwarzen in den USA, wenn einer der ihrigen zum Präsidenten gewählt würde. Ob Frau Merkel eine andere Politik machen wird, kann ich nicht sagen: Jedenfalls ist sie eine Frau.

Sie sind am diesjährigen Verlegerkongress in Interlaken aufgetreten und haben die paradiesischen Zustände der Schweiz gelobt, obwohl wir das Frauenstimmrecht erst seit 34 Jahren kennen. Wie viel Ironie steckt in dieser Feststellung?

Nun, wenn man in Interlaken morgens aus dem Fenster schaut mit Blick auf die Jungfrau -- das ist wirklich paradiesisch. Aber im Ernst: Mir persönlich begegnet man in der Schweiz in der Regel mit sehr viel mehr Gelassenheit, Aufgeschlossenheit und Neugierde als in Deutschland. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass der Prophet im eigenen Land nie so gelitten ist. Doch ich vermute auch, dass man insgesamt in Ihrem Land gelassener ist.

Sind die Schweizer Männer anders als ihre deutschen Kollegen? Mit einigen Schweizer Medienleuten wie Roger Schawinski oder Roger Köppel haben Sie schon früher Bekanntschaft gemacht ...

Was mir zum Beispiel an den beiden gefällt, ist ihre Ambivalenzfähigkeit. Und ihre Sportlichkeit. Mit beiden habe ich mich hart gefetzt, doch mit beiden habe ich ein kollegiales Verhältnis. Wir gehen sogar manchmal in Berlin miteinander essen -- und lästern über ‘die Deutschen’.

Sie haben in Interlaken betont, dass Sie erstmals als Verlegerin an eine Veranstaltung eingeladen worden seien. Stört Sie das Prädikat "Frauenrechtlerin" mittlerweile?

Das Prädikat ‘Frauenrechtlerin’ hat mich immer schon gestört, denn es ist einengend. Selbstverständlich bin ich eine Frauenrechtlerin und stehe dazu. Aber ich bin auch Humanistin, Journalistin, Schriftstellerin, Verlegerin etc.

Wie sind Sie überhaupt Verlegerin geworden? War dies eine Notlösung?

Ich bin Verlegerin geworden, weil ich als Journalistin Mitte der Siebzigerjahre nicht mehr unzensiert über die Frauenproblematik schreiben konnte. Und ich war nicht die Einzige. Meine Artikel wurden gar nicht mehr erst gelesen, sondern gleich abgelehnt. Das war mir als langjährige freie Korrespondentin in Paris, die durchaus meist gesellschaftskritische Themen hatte, noch nie passiert. Es lag an den Frauen. Also habe ich mir eine eigene Stimme geschaffen.

Was sind Sie lieber: Verlegerin oder Journalistin?

Ich bin eindeutig lieber Journalistin und Schriftstellerin! Allerdings macht es mir auch Spass, eine tüchtige Verlegerin zu sein. Stellen Sie sich vor: Emma ist nach 1945 die einzige Zeitschriftengründung einer quasi mittellosen Journalistin und bis heute ganz und gar unabhängig und schuldenlos! Also eine wirklich freie Stimme.

Zu Ihrer Emma. Der Name Ihrer Zeitschrift ist mit dem Ihrigen stark verbunden. Wann emanzipiert sich Emma von Ihnen?

Gute Frage. Emma sucht gute Redakteurinnen, Nachfolge nicht ausgeschlossen.

Was heisst dies? Gibt es bereits andere Projekte?

Einmal Urlaub auf einer Schweizer Alp machen. Ich bin als Mädchen nämlich ein grosser Fan von Heidi gewesen.