"Atomkraft" schreckt Inserenten ab

"NZZ-Folio" - Neue Ausgabe mit wenig Werbung.

"Atomkraft – Am Scheideweg" heisst das neue "NZZ-Folio". Das gemeinhin nicht an Tages- oder Wochenaktualität orientierte Hintergrundmagazin überraschte am Montag mit einer Ausgabe, die nach dem schweren Unfall im Kernkraftwerk Fukushima aktueller ist denn je.

Die Redaktion plante bereits im Sommer 2010. Anlass war die Tatsache, dass sich am 26. April Tschernobyl zum 25. Mal jährt. "Wir waren schon mitten im Texten der Titel, als die Flutwelle zum Unfall führte", schreibt Reto U. Schneider im Editorial. Zwei zusätzliche Artikel hievten die Macher ins Heft. Platz dafür war genug vorhanden, da zahlreiche Werbekunden - nicht nur aus der Stromwirtschaft, sondern generell aus der Luxusbranche - ihre Anzeigen in der Zwischenzeit zurückgezogen hatten. Warum zahlreiche Inserenten im letzten Moment kalte Füsse bekamen: "persoenlich.com" hat beim stellvertretenden Redaktionsleiter nachgefragt.

Herr Schneider, mussten Sie für die aktuelle "Folio"-Ausgabe in den letzten Tagen einen Spezial-Effort leisten?

Das kann man wohl sagen. Wir haben die Drucktermine ausgereizt und mit vielen unserer Interviewpartner nach den Ereignissen in Japan noch einmal gesprochen, was natürlich sehr interessant war. Zudem haben wir zwei neue Artikel - einen Essay von Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger und eine Sammlung von Statements von Fachleuten - ins Blatt geholt.

Diese Ausgabe wird aufgrund der breiten Betroffenheit und der Aktualität wahrscheinlich besonders gut gelesen. Das freut die Inserenten, nehme ich an.

Wenn es nicht zum Unfall in Fukushima gekommen wäre, würden dieses Folio viel weniger Leute gelesen, davon kann man ausgehen. Einige Inserenten - vor allem aus der Strombranche, aber auch andere - haben ihre Anzeigen allerdings zurückgezogen.

Diese Werbekunden wollen offenbar keinesfalls mit einer negativen Heft-Thematik assoziiert werden.

Ja, ähnliche Erfahrungen haben wir auch bei anderen "Folio"-Ausgaben gemacht. Themen wie "Schmerz", "Seelennot" oder "Strafe" laufen bei Werbekunden natürlich schlechter als andere, deshalb legen wir diese Ausgaben oft auf den Januar, wenn ohnehin Flaute herrscht. Aber auch im Januar verlieren wir dadurch Werbekunden. Das ist der Preis, den wir dafür bezahlen, Themen aufzugreifen, die unsere Leser und die Redaktion interessieren. Wir wissen nämlich aus der Anzahl Nachbestellungen, dass solche Ausgaben überproportional stark gelesen werden, womit auch die Anzeigen grössere Beachtung finden.

Zum Thema Atomkraft stand vieles, auch Hintergründiges bereits in Tageszeitungen und auf Onlineportalen. Dachten Sie darüber nach, die gesamte Ausgabe zu streichen?

Nein, das war nie ein Thema. Wir verstanden dieses Ereignis vielmehr als journalistische Herausforderung und legten gern eine Wochenendschicht ein.

Haben Sie im Vorfeld innerhalb der Redaktion Ihre Haltung zur Kernenergie definiert?

Nein, unser Ziel war von Anfang an, den Lesern eine möglichst fundierte Basis für eine eigene Entscheidung zu liefen. Für ein klares Pro oder Contra schien uns die Sache zu komplex.

Wie hat sich die Haltung der Redaktion durch die Katastrophe in Japan geändert?

Ich kann nicht für die ganze Redaktion sprechen. Ich persönlich finde die Sache immer noch kompliziert, vielleicht auch, weil mir die Arbeit an diesem Folio die Sicht auf die ganze Welt eröffnet hat. In westlichen Industriestaaten werden wir vielleicht irgendwie ohne Atomstrom auskommen können, obwohl auch das schwierig werden wird. Aber wenn man sich den Energiebedarf von China vergegenwärtigt und an die Tausenden von Kumpels denkt, die von den Medien unbeachtet jedes Jahr im Kohlebergbau unter Tag sterben - ganz zu schweigen von den Folgen für das Klima - kommt man schon ins Grübeln.

Weitere Informationen zum "NZZ-Folio" finden Sie auf nzzfolio.ch.

Interview: Edith Hollenstein